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Opernhaus Zürich

Packendes Grusical

Diana Damrau und Karine Deshayes beglücken als Rollen-Debütantinnen in David Aldens Inszenierung von Donizettis Tudor-Oper «Anna Bolena»

Klaus Kalchschmid • 08. Dezember 2021

Unvergessen ist ihre Anna Bolena in München: 1995 szenisch an der Bayerischen Staatsoper und noch einmal konzertant 2012. Nun wurde Edita Gruberova, die am 18. Oktober im Alter von 74 Jahren durch einen tragischen Unfall ums Leben kam, die Premiere von Donizettis «Anna Bolena» an der Zürcher Oper mit einer Schweigeminute gedacht und ihr die Produktion gewidmet. 

Am 2. April 2000 sang Gruberova die Premiere der Vorgänger-Inszenierung und viele andere Belcanto-Partien an diesem Haus. Diana Damrau folgte ihr jetzt in der Titelpartie. Am Ende des musikalisch wie szenisch beglückend intensiven, ja aufregenden Abends wünschte man sich vergeblich, Edita Gruberova, die in Zürich lebte, hätte im Publikum gesessen und ihrer Nachfolgerin, die sie musikalisch oft beraten hat, applaudiert. Die Slowakin war eine ebenso legendäre wie uneitle Belcanto-Sängerin, die noch vor zwei Jahren eine grandios bewegende, am Ende frenetisch gefeierte Abschiedsvorstellung als Elisabeth I. in Donizettis «Roberto Devereux» in München gab.

Schon vor 21 Jahren stand in Zürich die kleine Tochter von Anne Boleyn, die spätere Elisabeth I., mit ihrer Mutter (alias Gruberova) auf der Bühne, wie auf einem Foto im Magazin des Opernhauses zu sehen ist. Jetzt beginnt das musikalische Drama während der Ouvertüre sogar mit dem kleinen Mädchen: Stolz spielt Elisabeth Prinzessin und tanzt auf dem Thron, zerreißt freilich am Ende des Vorspiels die güldene Papierkrone des Onkels. Später ist sie immer wieder präsent in der eminent schauspiel-intensiven Inszenierung von David Alden. Mit «Maria Stuarda» (1835) hat der Regisseur im Herbst 2020, ebenfalls in der Ausstattung von Gideon Davey, den ersten Teil von Donizettis sogenannter Tudor-Trilogie inszeniert. Sie wird in der nächsten Spielzeit mit «Roberto Devereux» (1837) abgeschlossen. Da verabschiedet sich die gealterte Queen Elizabeth I. von ihrem letzten Liebhaber, aber auch von Krone und Leben.

In «Anna Bolena» geht es im Zentrum um die Titelfigur Anne Boleyn und ihre Hofdame Jane Seymour, die zu ihrer Rivalin um die Gunst Heinrichs VIII. wird. Das große Duett der beiden, erstmals eines von zwei Frauen, war bei der Mailänder Uraufführung 1830 ein Novum. Dank der beiden Rollen-Debütantinnen Diana Damrau und Karine Deshayes wird es auch jetzt zum Kernstück des Premieren-Abends im vollbesetzten Opernhaus, natürlich mit Maske und 2G. Da sind wir schon im zweiten Akt, Anna ist der mehrfachen Untreue angeklagt – mit ihrer Jugendliebe Lord Percy wie ihrem Pagen Smeton; sogar einer inzestuösen Beziehung mit ihrem Bruder Lord Rochefort wird sie bezichtigt. Noch weiß Anna nicht, dass Jane Seymour ihre Rivalin ist, was ganz allmählich über indirekte Andeutungen zur Sprache kommt. Die verschiedenen Volten in diesem Duett, der raffinierte Wechsel von Rezitativ-Teilen und kleinen Ariosi, die seismografisch auf den subtilen Text von Felice Romani reagieren, werden bis hin zur Geste der Vergebung, die beide Stimmen zusammenführt, von allen Beteiligten mit Bravour musikalisch-szenisch umgesetzt.

Auch wenn Diana Damrau eher ein lyrischer Koloratursopran ist und glanzvoll leuchtende Spitzentöne nicht (mehr) im Fokus stehen, so ist sie doch eine brillante Singschauspielerin, die Schmerz und Stolz, Hingabe und Verweigerung gestochen scharf singen und spielen kann. Letzteres vielleicht manchmal etwas manieriert in Gestik und Mimik, aber das passt perfekt zur Partie. Denn Anne Boleyn ist nicht nur Opfer, sondern hat ihre Jugendliebe Percy wider besseres Wissen aus Leidenschaft zu Heinrich VIII. und aus Gier nach Macht aufgegeben. Umgekehrt ist der Mezzosopran von Karine Deshayes als Jane Seymour ebenso beweglich und höhensicher, passt damit großartig zum hellen Sopran der Damrau. Alexey Neklyudov wiederum harmoniert dank seines feinen, fast körperlosen Tenore di grazia ebenfalls mit Damrau. Auch er ist, wohl nicht zuletzt dank der intensiven Personenregie Aldens, ein bestechender Schauspieler, der all seinen verzweifelten Mut zusammennimmt, wenn er, schon zum Tod verurteilt, gesteht, dass er immer noch mit Anna verheiratet ist (historisch korrekt: verlobt) und sie damit keinerlei Ehebruch aus Heinrichs Sicht begangen habe. 

Das wiederum wirft den König endgültig aus der Bahn und erschüttert seine männliche Eitelkeit und herrschaftlich royale Dominanz in ihren Grundfesten. Das lässt ihn – noch vor seiner Frau in ihrer großartigen Schluss-Szene – schier wahnsinnig und gefährlich aggressiv werden. Alden zeigt dies in einer körperlichen Direktheit und Intensität, wie man sie eher vom Schauspiel kennt. Aber so ist der König hier nicht einfach der infame Bösewicht, sondern als Getriebener seiner Gefühle und der toxischen Männlichkeit, die ihn komplett austicken lassen, fast schon wieder bemitleidenswert. Luca Pisaroni singt das mit mürbem, gefährdetem und doch auftrumpfendem Bass großartig – und spielt es hinreißend! Am Ende sieht er buchstäblich Gespenster: Ein riesiges Skelett auf dem Thron und Sir Hervey, in der Oper eigentlich nur Stichwortgeber und Sekretär, der hier eine Art Nosferatu darstellt, bedroht ihn mit der Hand des Skeletts, aus dem sich der König einen Finger zieht: das zusammengerollte Dokument des Todesurteils!

Ein bisschen Grusical darf also sein, ansonsten zeigen David Alden und sein Ausstatter Gideon Davey das böse Kammerspiel, wie auch schon «Maria Stuarda», in einem klaren (Doppel-)Raum, der eine variable Einheitsbühne ist. Immer wieder senkt sich eine holzvertäfelte Wand vor einer schlichten, elegant gemauerten Wand; verschiedene Versatzstücke – Kamin mit Feuer, Stühle, Sessel, ein Thron, später auch rote Kanapees, die sich virtuos bespielen lassen – imaginieren unterschiedliche Zimmer. Immer wieder öffnen sich in der Vertäfelung unvermittelt Luken, woraus der Chor das Geschehen kommentiert. Raffiniert mischt Davey im Kostümbild die Epochen, zitiert berühmte Gemälde. Es gibt viel Vor-Elisabethanisches, aber immer auch Zumischungen moderner Stoffe und Schnitte. Das hat einen hohen Schauwert, dient aber immer auch der genauen Charakterisierung der Figuren und ihrer psychischen Zustände. 

Und dann sind da die orchestralen Pastellfarben und gestochen scharfen Grauwerte, die geschmeidigen, immer runden Klangmischungen, die Enrique Mazzola mit dem Orchester der Zürcher Oper zum Grund alles Singens und Spielens auf der Bühne macht. Manchmal schweben die Melodien à la Bellini in berückend verhaltenen Tempi, dann wieder gibt es herrlich flüssiges Brio – eine bestechende Mixtur, die Belcanto-Oper als das hörbar macht, was sie ist: raffiniertes Drama ganz aus der Musik und dem gesungenen Wort heraus!


«Anna Bolena» – Gaetano Donizetti
Opernhaus Zürich

Kritik der Premiere am 5. Dezember 2021
Termine: 9./14.18./23./29. Dezember 2021, 2./5./9./13. Januar 2022

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