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Oper Frankfurt

Auf Hexenbesen und in Kohlensäcken

Rimski-Korsakows «Die Nacht vor Weihnachten» verzaubert das Publikum in der Inszenierung von Christof Loy

Roberto Becker • 12. Dezember 2021

Im Moment geht es für alle Opernhäuser eher darum, zu überleben und Flagge zu zeigen, sprich überhaupt zu spielen und erst dann darum, dem Publikum zu vorweihnachtlichem Wohlbehagen zu verhelfen. Der Oper Frankfurt ist mit der jüngsten Premiere das Kunststück gelungen, all das zu vereinen. Den eigenen programmatischen Ehrgeiz, immer wieder auch Unbekanntes anzubieten, mit dem offensiven Aufgreifen aller Restriktionen der Pandemiebekämpfung (hier sind es 2G-plus-Test plus Maske und Schachbrett, also die letzte Stufe vor der Geisterpremiere und dem Lockdown) zu verbinden und obendrein noch die allgemeine vorweihnachtliche Erwartung, ein Stück anrührenden Bühnenzaubers zu bieten, der zu all dem passt.

Die Oper, die dieses Kunststück fertig bringt, heißt zum Kalender passend «Die Nacht vor Weihnachten» und stammt von Nikolai Rimski-Korsakow (1844-1908). Selten gespielt, aber von einem Meister des prallen Bühnenlebens, der bei aller Virtuosität seiner Klangversion der russischen Seele mehr als nur ein Ohr für den melodischen Volksliedton hat und das, was er da erlauscht, allemal geschmeidig in seine Komposition integriert. Der GMD des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters Sebastian Weigle legt sich dafür mit Verve ins Zeug und spielt diesen Wechsel ins Volksliedhafte immer wieder genüsslich aus. 

Was Rimski-Korsakow hier 1895 herausbrachte, ist ein Märchen, in dem die schöne Oksana ihrem Liebsten, dem Schmied Wakula, eine eigentlich unlösbare Aufgabe stellt. Sie werde ihn heiraten, so verkündet sie kokett und vor allen Leuten, wenn er ihr ein Paar Schuhe der Zarin schenkt. Dass er diese, realistisch betrachtet, absolut unmögliche Aufgabe löst und alles in einem jubelnden Happyend endet, ist natürlich von Anfang an klar. 

Was Regisseur Christof Loy auf dem Weg dorthin aber alles veranstaltet, das ist ein Feuerwerk an Theaterzauber vom Feinsten. Dass Loy ein Alleskönner ist, hat er auch in Frankfurt schon oft bewiesen. Seine jüngste Inszenierung zeigt, dass er auch das eher komische Genre perfekt beherrscht. Auf den Zwischenvorhang ist ein Blick ins All projiziert. Johannes Leiackers Guckkastenbühne für diese imaginäre russische Märchenwelt ist zwar im Grunde ein großgekachelter weißer Raum, durch den funkeln aber immer wieder die Sterne. Außerdem scheint eine riesige Mondscheibe in ihn hinein zu rollen.

Schwung kommt in die einfache Liebesgeschichte aus dem Volk, weil der Teufel (Andrei Popov) persönlich und eine mit ihm verbandelte Hexe kräftig mitmischen. Als Wakulas Mutter Solocha ist die albanische Mezzosopranistin Enkelajda Shkoza im Nebenberuf diese Hexe. Was sich nicht nur in der zupackenden Art, mit ihren Freiern umzugehen und ihre Trinkfestigkeit zeigt, sondern auch mit einem gekonnten, sprichwörtlichen Ritt auf dem Besen. Die Komödie läuft zur Hochform auf, wenn die heimlichen amourösen Ambitionen der männlichen Dorfhonoratioren, die sich bei ihr die Klinke in die Hand geben, für jeden der Verehrer damit endet, dass er sich in einem Kohlensack verstecken muss und erst vor aller Augen wieder zum Vorschein kommt. Nur der Teufel, der als erster im Sack landet, hat damit, sozusagen berufsbedingt, kein Problem. Aber auch die Blamage für Oksanas Vater Tschub (Bass Alexey Tikhomirov), für den Bürgermeister (Bariton Sebastian Geyer) und den Diakon (mit prägnantem Tenor: Peter Marsh) verfliegt relativ schnell wieder im allgemeinen Wohlwollen, das die Grundstimmung des Abends in diesem märchenhaften Russland liefert.  

Gleich zu Beginn wollen der Teufel und seine Kumpanin den Mond stehlen und die Sterne verschwinden lassen. Dann toben Schneestürme und die jungfräuliche Göttin Koljada (Paola Ghidini) trippelt auf Spitze wie eine Schneeflocken-Ballerina oder ein verirrter Schwan über die Bühne und in die Arme eines sprichwörtlichen russischen Bären, der sich natürlich unterm Fell als schöner Jüngling entpuppt. 

Imponierend ist immer wieder, wie hier mit perfekter Flugchoreografie (Ran Arthur Braun) durch die Luft – und das heißt in dieser Bühnenwirklichkeit auch durch das sternenfunkelnde All – geflogen wird. 

Für die Erfüllung seiner Aufgabe landet Wakula punktgenau mitten in einer Festivität am Zarenhof, bei der die Monarchin prompt ihren großen Auftritt hat. Für diese Reise hätte sich der verzweifelt verliebte Schmied sogar auf einen Teufelspakt eingelassen. Ausnahmsweise hat er aber wirklich mal den längeren Löffel bzw. im richtigen Moment ein Kreuz dabei, um ihn nach seiner Pfeife tanzen zu lassen. 

Für die Hofgesellschaft legt Ursula Renzenbrink bei den Kostümen noch mal eine Schippe leicht derangierten Barocks auf die Folklore, sodass der Auftritt der Zarin, (anders als zur Uraufführung, bei der ihn die Zensur gestrichen hatte) nicht nur prächtig ausfallen kann, sondern sogar einen doppelten Boden bekommt. Als die Herrscherin (mit ironischer Würde: Bianca Andrew) sich nämlich gerade überlegt, wie sie eine Delegation von offensichtlich in Ungnade gefallenen Saporoger Kosaken wohl abwimmeln könnte, kommt ihr die Bitte des sich vordrängelnden Schmieds nach einem Paar ihrer Schuhe gerade recht. In einer Luxusschuhschachtel zieht der Schmied wieder von dannen und schnurstracks auf das Haus seiner Angebeteten zu. Die muss sich gerade von herrlich missgünstigen Nachbarsfrauen verschiedene Gerüchte über den vermeintlichen Selbstmord ihres Bräutigams anhören. Die geläuterte Oksana würde ihren Schmied da natürlich längst auch ohne die Schuhe der Zarin nehmen. Als sie die dann noch dazu bekommt, werden sie natürlich sofort angezogen. 

Beim finalen jubelnden Gruppenbild, zu dem sich selbst der Pfaffe friedlich neben dem Teufel wiederfindet, gilt der Jubel des stattlichen Ensembles auch einem Porträt des Dichters Nikolai Gogol, dessen Geschichtensammlung aus den 1830er-Jahren dem Komponisten das Futter fürs selbst geschriebene Libretto lieferte.

Das durchweg überzeugende, natürlich russisch singende Protagonistenensemble profitiert besonders von den Muttersprachlern. Die in Petersburg geborene Julia Muzychenko ist mit strahlkräftigem Sopran eine zunächst schnippisch mit ihrer Schönheit kokettierende Oksana, der man aber auch die Selbsterkenntnis abnimmt, dass sie mit ihren Forderungen nach dem Schuhwerk der Zarin zu weit gegangen ist. Auch ihr Partner garantiert russische Authentizität: Georgy Vasiliev kommt von der Neuen Oper Moskau und ist ein stimmlich und flugtechnisch höhensicherer Tenor mit dem entsprechenden Schmelz fürs Schmachten. Seine selbstbewusst verkündete Pointe, dass er nur dem Dichter verraten wird, ob er die Schuhe wirklich von der Zarin bekommen hat, ist ein hübscher Schlusspunkt für eine Weihnachtsoper, wie man sie bislang noch nicht kannte. Der Jubel für alle war auch in der zweiten Vorstellung groß. Wäre es dagewesen, dann hätte er sicher auch dem Regieteam gegolten.


«Die Nacht vor Weihnachten» – Nikolai A. Rimski-Korsakow
Oper Frankfurt ∙ Opernhaus

Kritik der Vorstellung am 9. Dezember 2021
Termine: 17./19./23./25. Dezember 2021, 2./8. Januar 2022

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