Bayerische Staatsoper

Virtuell großartig

Stefan Herheim hat in München Brittens «Peter Grimes» inszeniert. Unser Autor sah zwar nur die letzten beiden Akte, fand diese aber fantastisch

Klaus Kalchschmid • 10. März 2022

Ein Gemeindesaal von Silke Bauer dient als Einheitsbühnenbild von Stefan Herheims Inszenierung © Wilfried Hösl

In diesen Tagen eine Reise zu planen ist nicht einfach: Der Zug von Berlin nach München ist heillos überfüllt, man hört viel Russisch und Ukrainisch. Dann Umsteigechaos, viele Stunden Verspätung und schließlich eine verpasste «Peter Grimes»-Premiere an der Bayerischen Staatsoper. Diese Rezension basiert daher auf dem Live-Stream, und zwar auf die Übertragung des 2. und 3. Akts – denn selbst der nagelneueste Laptop mit großem Bildschirm hilft nicht, wenn im Zug das Internet streikt. 

Sei’s drum: Die beiden Akte haben es in sich, denn es ist ein Genuss der besonderen Art, mit hervorragenden Kopfhörern Stefan Herheims dichte, mal fantastisch irreale, mal packend realistische Inszenierung in geschickter Bildregie zu erleben. Der Wechsel von Totale, Halbtotale und Nahaufnahmen funktioniert ausgezeichnet, nur muss man, anders als bei den Live-Streams unter Nikolaus Bachler, auf deutsche Untertitel verzichten. Aber selbst wer ganz gut Englisch kann, ist bei der gesungenen Sprache doch oft auf verlorenem Posten. Die Option wahlweise zuschaltbarer Untertitel sollte beim nächsten Stream unbedingt wieder möglich sein.

Trotzdem teilt sich in dieser ersten Oper des 31-jährigen Benjamin Britten unmittelbar mit, wie ausgeliefert der Fischer Peter Grimes der Gesellschaft ist, starrköpfig und grenzenlos naiv versessen darauf, mit großem Fang ausreichend Geld zu machen, um Ellen (ein sanfter Fels in der Brandung mit rundem, warmem Sopran: Rachel Willis-Sørensen) heiraten zu können. Sie ist eine verwitwete Lehrerin, die sich um seinen Jungen kümmert, dessen Misshandlungen aufdeckt und doch nichts tun kann, auch am Ende nicht verhindern, dass nach dem Tod des zweiten Jungen der ohnmächtige Freund Balstrode (Iain Paterson) Peter nötigt, auf See zu fahren und nicht mehr wiederzukommen.

Ein idealer Peter Grimes: Stuart Skelton © Wilfried Hösl

Stuart Skelton ist eine Idealbesetzung für diesen empfindsamen, aber immer latent aggressiven Mann, der seine Emotionen nicht im Griff hat. Mächtig von Statur und Stimme, sieht und hört man ihm die Kinderseele an und wie sie im Körper eines Mannes rebelliert. Denn die bigotte Dorfgemeinschaft beobachtet den Fischer fast den ganzen Abend in ihrem spießigen gewölbten Gemeindesaal argwöhnisch (Einheitsbühne: Silke Bauer). Wie im Theater oder in einer Kirche schauen sie auf den Hafen oder aufs Meer und den Mond oder seine Verfinsterung, wenn sie sich denn nicht auf der Vorderbühne zusammenrotten. Der Junge, den Peter Grimes für seine Ausfahrten zum Fischen braucht und der, wie schon sein erster „Lehrjunge“, unter ungeklärten Umständen ums Leben kommt, heißt John und ist hier fast gespenstisch allgegenwärtig und noch sehr klein. Doch am Ende gibt es einen dritten toten Jungen: Peter selbst!

Edward Gardner peitscht weder die berühmten „Sea Interludes“, in denen Herheim die Geschichte weitererzählt, schäumend auf, noch deutet er die Partitur allzu süffig. Was man am PC hören kann, ist dennoch suggestiv und atmosphärisch dicht. 

 

Vor der Vorstellung hielt Serge Dorny dem Vernehmen nach eine kurze, eindringliche Rede, und das Bayerische Staatsorchester spielte die Europa-Hymne, der das Publikum bewegt im Stehen folgt. Am Montag und Dienstag folgte im Nationaltheater ein Akademiekonzert mit dem Bayerischen Staatsorchester unter GMD Vladimir Jurowski. Er dirigierte vor der Projektion einer die Bühne füllenden Flagge zuerst die ukrainische Nationalhymne, und dann hielt der Russe eine flammende Rede gegen den Krieg und Putin, den er einen „Wahnsinnigen“  nannte. Sowohl Brittens „Sinfonia da Requiem“ und zuletzt Ravels „La Valse“, zwei veritable Anti-Kriegs-Stücke, dirigierte Jurowski mit einem bei ihm selten zu hörenden Furor, dem man förmlich seine ohnmächtige Wut anhörte.

 

«Peter Grimes» – Benjamin Britten
Bayerische Staatsoper

Kritik des 2. und 3. Akts des Online-Live-Streams der Premiere am 6. März 2022
Weitere Termine: 10./13. März, 9./12. Juli 2022

Helfen Sie bei der Bezahlung unserer Autor:innen und registrieren Sie sich jetzt in unserer

OPERNLOBBY