Wiener Staatsoper

Der Femizid eines armen Irren

Mit Bergs «Wozzeck» hält Simon Stone den Modernisierungszug im ersten Haus am Ring erfolgreich am Laufen. Philippe Jordan dirigiert großartig, macht es den Solist:innen auf der Bühne aber nicht leicht

Stephan Burianek • 25. März 2022

Kalte Farbtemperatur, erstarrte Liebe: Christian Gerhaher und Anja Kampe sind das Protagonistenpaar © Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Kurz bevor Wozzeck die ihm untreue Marie ersticht (und noch vor dem darauf folgenden, gewaltigen Crescendo auf einem lang anhaltendem H) setzen die Bläser im Orchester mit stufenweise aufsteigenden Akkorden zu einer unheilvollen Klimax an. An der Wiener Staatsoper ist diese kurze Sequenz eine von vielen starken Momenten in der Neuinszenierung von Bergs «Wozzeck» durch Simon Stone: Mit jeder Tonstufe verändert sich die Farbgraduierung der wilden Grasbüschel-Landschaft – zunächst ist diese in die warmen Farben der untergehenden Sonne getaucht, doch dann wird die Stimmung immer kühler, bis die scheinbar heile Welt in den Untiefen der psychischen Irrationalität angekommen ist. Das ausgeklügelte Lichtdesign von James Farncombe ist nur ein Beispiel von vielen, das verdeutlicht, mit welcher handwerklichen Perfektion und mit welcher Liebe für Details Simon Stone und sein Regieteam die Essenz dieses Werks visualisieren.

Zu diesem Zeitpunkt im dritten und letzten Akt sind die anfänglichen vier Wände auf einer Drehbühne von der Natur gesprengt worden (Bühne: Bob Cousins). Zuvor hatten sie die in diesem Werk notwendigen raschen Szenenwechsel ermöglicht, wobei Stone neue Handlungsorte definierte: Statt auf einem Feld Besenstiele zu schneiden, stehen Wozzeck und sein Freund Andres als Arbeitslose in einer langen Warteschlange vor dem Arbeitsmarktservice, statt in einem Wirtshaus trifft man sich bei einer Faschings-Swingerparty, und anstatt mit Soldatenkameraden in der Kaserne übernachten Wozzeck und Andres gemeinsam mit anderen Obdachlosen in einer Wiener U-Bahn-Station. Wie in allen seinen Inszenierungen möchte Stone zeigen, dass sich die Charaktere von historischen Werken nicht verändert haben und uns nach wie vor alltäglich begegnen.

Wozzeck (Christian Gerhaher) hat kein Zuhause © Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Vom Opernpublikum wird der unweigerliche Drang von Regisseuren, jede noch so historisch verankerte Handlung in die Gegenwart zu übertragen, oftmals mit großer Skepsis beäugt. Demgegenüber hat Stone in der Vergangenheit bereits mehrfach gezeigt, dass er den Opern keine Handlungen übergestülpt, die mit dem Original unvereinbar sind – er bewahrt die Machtverhältnisse und ihr Beziehungsgeflecht, und mitunter entwickelt er die Figurencharakterisierung auf deren Grundlage weiter: Der pseudophilosophisch veranlagte, selbstgerechte Hauptmann wird zum Polizeibeamten, der geltungssüchtige Doktor kokst in seinem Allmachtsglauben als Medizinprofessor vor seinen Studentinnen, und Marie ist ebenso wie Wozzeck und deren Nachbarin Margret eine Durchschnittsperson von nebenan.

Auch wenn Stones hervorragende Personenführung in Regie-Seminaren weitgehend als Best-Practice-Beispiel dienen könnte, wirkt dennoch nicht alles lebensnah – es erscheint zumindest seltsam, dass der im Prekariat lebende Wozzeck und der wohlhabende Uniprofessor in demselben Fitness-Center eingeschrieben sind – aber das ist freilich eine Kleinigkeit.

Demütigungen im Fitness-Studio: Christian Gerhaher als gepeinigter Wozzeck zwischen Dmitry Belosselskiy als selbsüchtiger Doktor (links) und Jörg Schneider als Hauptmann © Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Die packende Wirkung dieser Produktion ist gleichermaßen der musikalischen Wiedergabe zuzuschreiben: Ungemein vielschichtig klingt dieses Werk unter dem Musikdirektor Philippe Jordan, der das Orchester der Wiener Staatsoper – das den «Wozzeck» in seiner Geschichte wohl so häufig gespielt hat wie kein anderer Klangkörper auf der Welt – in seinem romantischen Klangideal schwelgen lässt, wodurch sich besonders die tonal klingenden Stellen innerhalb der Berg’schen Atonalität schön entfalten. Zarten Solostreichern verschafft Jordan gebührend Raum, und in den Zwischenspielen lässt er das Orchester gelegentlich laut aufbrausen, das geht nicht zuletzt zwischen der dritten und vierten Szene im 1. Akt durch Mark und Bein.

Zugegeben: Man hätte die Orchesterlautstärke generell ein wenig drosseln müssen, denn die Sänger:innen haben in dieser Konversationsoper durchaus Mühe, sich gegen die Musik zu behaupten, zumal der offene Bühnenraum eine zusätzliche Hürde liefert. Andererseits: Wer über die weltstärksten Sänger:innen verfügt – und nur das kann der Anspruch im ersten Haus am Ring sein – darf sie mit gutem Gewissen fordern. Christian Gerhaher begegnet dieser Aufgabe in der Titelpartie meisterhaft. Seine packende Rollengestaltung ist von einer psychologischen Durchdringung der jeweiligen Figuren geprägt, und sein Gesang zeichnet sich durch eine expressive, liedhafte Diktion aus. Mal lyrisch zart, mal eruptiv schafft er es, Mitleid für Wozzecks Schicksal zu erregen, dessen Visionen bei Stone weniger das Ergebnis von wissenschaftlichen Experimenten ist, sondern vielmehr auf einer jahrelang aufgestauten Energie basieren, die unter der sanften, unbeholfenen Fassade des von seinem Umfeld vielfach Gedemütigten brodelt (Wozzecks Mordphantasien zeigen sich bereits in der allerersten Szene). In einer Zeit, in der Femizide zum geflügelten Wort geworden sind, endet das Mitleid freilich genau da. Der Mord wird nicht, wie in der Vergangenheit vielfach geschehen, als tragische Logik romantisiert oder gar entschuldigt.

Eine Idealbesetzung ist auch Anja Kampe, deren Stimme vor allem in den fordernden Spitzentönen jener Verzweiflung Ausdruck gibt, die der Marie ob ihrer finanziellen und familiären Situation innewohnen. Ihr Bub ist bei Stone bereits im Schulalter, und es bleibt offen, ob Wozzeck der leibliche Vater ist (gut gemacht: Dimiter Paunov).

Der Tambourmajor angelt sich eine Milf: Sean Panikkat mit Anja Kampe © Wiener Staatsoper/ Michael Pöhn

Die imposanteste Stimmgewalt des Abends heißt Dmitry Belosselskiy, dessen schwarzer Bass der Figur des Doktors eine scheinbar mühelose Autorität verschafft – bei ihm versteht man jedes Wort. Ein vitales Zeichen, ebenfalls mit hoher Wortdeutlichkeit, setzt zudem Sean Panikkat als Tambourmajor, hier ein Polizist. Jörg Schneider ist der Raum der Staatsoper als Hauptmann indes zu groß, er geht – mit guter Diktion und immensen Schwierigkeiten in den Spitzentönen – in der Musik unter. Josh Lovell kämpft als Andres tapfer, und doch hält man sich letztlich an die Untertitelungsanlage. In den kurzen Partien des 1. und 2. Handwerksburschen machen Peter Kellner und Stefan Astakhov (Mitglied des neuen Opernstudios) auf sich aufmerksam. Als Narr ist Thomas Ebenstein eine Stimme in Wozzecks schizophrenem Hirn.

Bevor Wozzeck beim Versuch, das Tatmesser vor den bald anrückenden DNA-Forensikern zu sichern, unglücklich im Kanalschacht ertrinkt, macht er sich noch an Margret (souverän: Christina Bock) ran. Bei Stone spielt sich das wohl nur in seiner Phantasie ab – und selbst darin scheitert er. An den Buben denkt er nicht – dessen ergreifendes „Hopp, hopp! Hopp, hopp!“ am Schluss ist Verdrängung pur. Die Gesellschaft hat nun ein Problemkind mehr.

Auch wenn es viele Vertreter des Feuilletons in ihren Premierenberichten anders sahen: Diese Produktion hat ein referentielles Potenzial und ist endlich ein veritables Highlight in der an Sensationen bislang noch ausbaufähigen Ära Roščić - wir freuen uns jedenfalls auf mehr.

 

«Wozzeck» – Alban Berg
Wiener Staatsoper

Kritik der zweiten Vorstellung am 24. März 2022
Termine: 27./31. März, 3. April 2022

Die Vorstellung am 31. März 2022 wird auf der Homepage der Wiener Staatsoper als Live-Stream übertragen.

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