Blackfacing

Political Correctness – eine neue Feindin der Kunst?

Kreneks Meisterwerk «Jonny spielt auf» wird kaum mehr gespielt, denn Opernhäuser möchten sich an seiner heiklen Thematik nicht die Finger verbrennen. Das Gärtnerplatztheater in München wagte es – und erntete einen Shitstorm von Menschen, die die Produktion nicht einmal gesehen haben.

Klaus Kalchschmid • 14. April 2022

Offenbar ist nun sogar die kritische Auseinandersetzung mit Blackfacing ein Problem für organisierte Moral-Apostel © Christian POGO Zach

Es war die erste Münchner Produktion von Kreneks «Jonny spielt auf» nach der Erstaufführung im Jahr 1928, ebenso wie damals am Gärtnerplatztheater. Das Regieteam – Peter Lund, Jürgen Franz Kirner und Daria Kornysheva – glaubte, alles richtig zu machen: Jonny, der schwarze Jazz-Musiker oder „Neger“, wie er im Stück mehrfach von den Figuren bezeichnet, aber vom Komponisten durchaus positiv und am Ende fast wie ein Heilsbringer neuer (Jazz-)Musik von Amerika nach Deutschland dargestellt wird, wurde seinerzeit von einem schwarz geschminkten Darsteller gespielt. 

Das wird heute ausdrücklich zitiert, doch Ludwig Mittelhammer schminkt sich erst auf der Bühne zu Ende, und es bleibt deutlich ausgestellt ein weißer Rand an allen Seiten. Am Ende, wenn er hoch über allen triumphiert, ist er abgeschminkt. Mit diesem Kniff wurde das sogenannte „Blackfacing“ in der Produktion kritisch thematisiert, ja deutlich verurteilt. Die Premiere und die erste Aufführung gingen denn auch ohne irgendeiner Kritik oder gar Empörung seitens des Publikums über die Bühne, wiewohl Journalisten das ausgestellte Blackfacing in ihren Rezensionen unterschiedlich beurteilten. 

Doch einige Tage später begann in den sozialen Medien ein Shitstorm, der sich vor allem gegen den Hauptdarsteller Ludwig Mittelhammer richtete. Während nicht wenige deutsche Student:innen der Theaterwissenschaft sich teils rüde beleidigend äußerten, und auch den verantwortlichen Intendanten mit „Schwule Sau, verrecke!“ titulierten, konnte Mittelhammer mit „People of Colour“ auf Augenhöhe und voller beiderseitigem Respekt diskutieren. Menschen, die eine absolute Political Correctness einforderten, beschimpften ihrerseits auf übelste Weise eine Minderheit, in diesem Fall Homosexuelle – eine Minderheit, die in vielen Ländern der Erde noch mit Repressionen oder gar der Todesstrafe bedroht wird. Was für eine seltsame Doppelmoral.
Schließlich wurde ein Offener Brief von mehr als 500 Kulturschaffenden vor allem der Theaterszene unterschrieben. Er war offensichtlich von Menschen formuliert und initiiert worden, die die Aufführung nicht gesehen hatten, weshalb es unter anderem die falsche Information gab, dass keine „People of Colour“ an der Produktion beteiligt seien, es aber zwei prominent agierende schwarze Tänzer gab.

Ein weißer „Neger“: Ludwig Mittelhammer als Jonny © Christian POGO Zach

Während zu Beginn der Aufführung ein Plakat von 1928 in altdeutschen Lettern projizierte wurde, man möge sich selbst ein Bild machen („Seht euch das an!/Urteilt selbst/Besucht die Aufführung/Jonny spielt auf/Die Schande von München“) fordert der Offene Brief des Jahres 2022 ausdrücklich auf, der Aufführung fernzubleiben, um mit dem Eintrittsgeld nicht Blackfacing „auf der großen Bühne“ zu finanzieren. Dieser über die Internetseite nachtkritik.de verlinkte Aufruf wurde später aus dem Netz genommen, jetzt findet sich dort ein neutraler Pressespiegel.

Als das Argument aufkam, „People of Colour“ hätten sich von der Aufführung beleidigt gefühlt, handelte das Theater und verzichtete ab der dritten Vorstellung auf das Bemalen des Gesichts, was die Reaktionen der anderen Figuren im Libretto freilich teils ad absurdum führt. Der Trailer wurde geändert und zur vierten Vorstellung sogar ein auf zwei Seiten und einer zentralen Doppelseite „bereinigtes“ Programmheft aufgelegt. Auf der ersten Umschlagseite innen ist nun statt des geschwärzten Hauptdarstellers in der zentralen Szene der Rundfunkübertragung, wo er in einem lebensgroßen Volksempfänger spielt, ein „neutrales“ Bild zu sehen. An anderer Stelle wird das Bild, wie Polizisten den fliehenden Jonny verfolgen, durch einen Text ersetzt, der die Causa thematisiert und mit dem Absatz endet: 

„Kunst, in ihrer ganzen Vielfalt, kann und soll uns zu kritischen Diskussionen anregen. Sie darf und muss uns provozieren. So war es damals, 1928, bei „Jonny spielt auf“ im Gärtnerplatztheater, so ist es 2022 wieder. Was wir seitdem jedoch gelernt haben sollten: Kunst muss frei bleiben!“ 

Ein schönes Statement, denn wohin führt es uns, die wir so stolz auf unsere Meinungsvielfalt und Diskussions- und Demonstrationskultur sind, wenn genau diese ohne hysterische Schuldzuweisungen und Beleidigungen nicht mehr möglich ist? 

Wer die Aufführungen nun besucht, kein Programmheft kauft und auch die Debatte nicht mitbekommen hat, erlebt eine in großen Teilen unverständliche Aufführung. Die szenisch und musikalisch hervorragend gelungene, eminent theatralische Aufführung hätte einen guten Beitrag leisten können, die kontrovers diskutierte Frage des Blackfacing kritisch aufzuarbeiten. Noch in der „entschärften“ Fassung ist sie sehens- und diskutierenswert; in dieser Spielzeit noch am 22., 26. und 29. Mai! 

 

Nachtrag vom 20. April 2022

Am 5. April forderte eine Krenek-affine Gruppe in einem Offenen Brief, veröffentlicht in der Neuen Musikzeitung unter Federführung der Musikjournalistin Marion Diederichs-Lafite, «Jonny spielt auf» als „wichtige Wegmarke der Musiktheater-Geschichte auf dem Spielplan zu belassen“.

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