Der Tod am Pult

Der Dirigent Stefan Soltész brach im Sommer während einer Aufführung von Richard Strauss‘ Oper «Die schweigsame Frau» im Münchner Nationaltheater zusammen und starb wenig später. Todesfälle am Pult sind leider häufiger als man denkt

Edwin Baumgartner • 01. September 2022

Richard Strauss‘ Oper «Die schweigsame Frau» stand an seinem Lebensende: Stefan Soltész © Jonas Holthaus

Welch ein Abgang! – Das ist nicht zynisch gemeint. Im Gegenteil, ganz ehrlich: Wenn es schon sein muss, dann doch so, wie es eines Dirigenten würdig ist. Der Zusammenbruch während einer Aufführung, der Tod am Pult – kein Verdämmern, sondern ein Ende, bei dem die Musik eine Brücke hinüber schlägt, wo auch immer diese anderen Ufer sein mögen.

Jüngst trat Stefan Soltész auf diese Weise ab. Während einer Aufführung am Nationaltheater München brach er während der Aufführung am 22. Juli zusammen und starb wenig später in einem Krankenhaus. Eine Komödie stand an seinem Lebensende: Richard Strauss‘ komische Oper «Die schweigsame Frau». „O Herr, gib jedem seinen eignen Tod“, dichtete Rainer Maria Rilke. Bei aller Tragik: Wer den 73-jährigen gebürtigen Ungarn mit österreichischer Staatsbürgerschaft kannte, seinen untrüglichen Instinkt für Wirkung, seinen Humor, der kann sich trotz der Trauer des Gedankens nicht erwehren, dass dieser Tod zum diesem Künstler passte. 

Soltész war indessen nicht der erste Dirigent, den der Tod mitten aus einer Aufführung holte. Eduard van Beinum, Joseph Keilberth, Dimitri Mitropoulos, Felix Mottl, Giuseppe Patanè, Giuseppe Sinopoli – sie alle starben während einer Aufführung oder einer Probe.


Tot aus Eitelkeit

In einem Fall tritt die Groteske an die Seite der Tragödie: Jean-Baptiste Lully, der gebürtige Italiener, der für Ludwig XIV. die französische Oper erfand, starb durch einen Unfall während des Dirigierens. Aber er hätte gerettet werden können. 

Jean-Baptiste Lully, gemalt von Paul Mignard (Foto: Wikipedia)

Damals, im Frankreich des 17. Jahrhunderts, dirigierte der Dirigent mit dem Gesicht zum Publikum. Das Orchester führte er nicht mit Gesten und einem Dirigentenstab, sondern stieß den Rhythmus auf das Podium, und zwar mit einem mannshohen, reich verzierten Stab, der in einem Metalldorn endete. Diesen Dorn rammte sich Lully in den großen Zeh, was zu Wundbrand führte. Joseph Listers Techniken zur Bekämpfung des Wundbrands lagen noch rund zwei Jahrhunderte in der Zukunft, und von Antibiotika war erst recht keine Rede. Die einzige Behandlung in solch einem Fall war die Amputation. Bei Hof gehörte es allerdings dazu, dass man tanzt. Der Sonnenkönig selbst war ein begeisterter Tänzer – nicht nur in Gesellschaften, sondern auch in Aufführungen hat er mitgewirkt. Lully fürchtete für den Fall, dass er selbst beim Tanz nicht mehr mithalten könne, dermaßen um seine gesellschaftliche Stellung, dass er die Amputation des Zehs verweigerte, obwohl ihm die Ärzte klipp und klar sagten, dass er in diesem Fall nicht zu retten wäre. Am 22. März 1687 starb Lully im Alter von 54 Jahren. Todesursache: Blutvergiftung. Tiefere Todesursache: Eitelkeit.


Spezialfall Wagner

Ein Komponist behauptete sogar die vernichtende Wirkung seiner Opern: „Vollständig gute müssen die Leute verrückt machen", sagte Richard Wagner über Aufführungen von «Tristan und Isolde». Schlimmer noch: das Werk kostete zwei Dirigenten das Leben. Joseph Keilberth starb am 20. Juli 1968 an einem Herzinfarkt im zweiten Akt während der emotional aufwühlenden Liebesszene. Der deutsche Dirigent war 60 Jahre alt. Das andere «Tristan»-Opfer war der österreichische Dirigent Felix Mottl. Er brach am 21. Juni 1911 während seiner 100. «Tristan»-Aufführung zusammen und starb, knapp vor seinem 55. Geburtstag, den er am 24. August feiern hätte können, am 2. Juli. Dazwischen hatte er im Spital noch die Sängerin Zdenka Faßbender geheiratet.

Felix Mottl um 1905. Foto: Emil Schwalb, Berlin, Sammlung Thomas Schulz

Sowohl Keilberth als auch Mottl ereilte das Schicksal im Münchner Nationaltheater. Der vierte Nationaltheater-Tote ist der Italiener Giuseppe Patanè. Der nominierte Musikdirektor der Oper von Rom starb am 30. Mai 1989 während einer Aufführung von Gioachino Rossinis Opera buffa «Der Barbier von Sevilla» an einem Herzinfarkt. Patanè war 57 Jahre alt. 

Auch Marcello Viotti ereilte am Pult in München der Tod, allerdings nicht am Nationaltheater. Der Schweizer erlitt während einer Probe für eine konzertante Aufführung von Jules Massenets Oper «Manon» mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks am 10. Februar 2005 einen Schlaganfall. Eine Notoperation an der Halsschlagader konnte ihn nicht mehr retten. Viotti starb am 16. Februar im Alter von 50 Jahren.

Dimitri Mitropoulos starb am 2. November 1960 während einer Probe von Gustav Mahlers Dritter Sinfonie in der Mailänder Scala. Der Grieche hatte sich Zeit seines Lebens für die Werke Mahlers eingesetzt und dirigierte sie mit einer Intensität, als ginge es um Leben oder Tod – was ja tatsächlich das Thema der Werke ist. Nun aber hatte das Herz des 64-jährigen nicht mehr mitgemacht.

Auch Eduard van Beinum, Chefdirigent des Amsterdamer Concertgebouw-Orchest, ereilte das Schicksal am Pult. Der Niederländer kämpfte seit einiger Zeit mit Herzproblemen, dennoch war er einer der ersten Jet-Set-Dirigenten: Chef in Amsterdam, dazu 1948 und 1949 Chef in London beim Philharmonic Orchestra und ab 1956 Musikdirektor des Los Angeles Philharmonic Orchestra. In der Saison 1950/51 ging es ihm dermaßen schlecht, dass er fast alle Auftritte absagte. Am 13. April 1959 erschien merklich geschwächt zu einer Probe – und starb während der Arbeit an Johannes Brahms‘ Erster Sinfonie an einem Herzinfarkt.


Gescheiterte Versöhnungsgeste

Tragisch auch der Fall des Italieners Giuseppe Sinopoli. Der ausgebildete Arzt, der kurz davor stand, an der römischen Universität seine Dissertation im Fach Archäologie über die Symbolik von Wandreliefs syrischer und mesopotamischer Königspaläste zu verteidigen, erlitt während einer Aufführung von Giuseppe Verdis «Aida» am 20. April 2001 in der Deutschen Oper Berlin in der Nilszene des Dritten Aktes einen tödlichen Herzinfarkt. Sein Auftritt war als Versöhnungsgeste gegenüber dem Intendanten Götz Friedrich gedacht gewesen. 

Giuseppe Sinopoli verstarb während der Nilszene in Verdis «Aida» © Mavi Cappa Bava / Deutsche Grammophon

Etwa zehn Jahre zuvor hatte sich Sinopoli mit Friedrich scheinbar heillos über seine Verpflichtung zum Generalmusikdirektor zerstritten. Nun endlich hatten beide Seiten eingelenkt. Die «Aida»-Aufführungen sollten das Zeichen der Versöhnung sein. Doch dann, am 12. Dezember 2000, starb Friedrich. Nun konnten die Aufführungen nur noch als posthume Geste verstanden werden. Kurz vor der Premiere war die Aufführung schon unter einem Unstern gestanden: Beide Protagonisten schienen indisponiert. Zeitweise musste man an Umbesetzungen denken. Wirklich fit und energiegeladen wirkte nur Sinopoli. Nach seinem Zusammenbruch wird er im Notarztwagen ins Herzzentrum gebracht. Als das Opernhaus dem schockstarren Publikum die beruhigende Nachricht erteilt, Sinopolis Zustand habe sich stabilisiert, ist der Dirigent bereits tot. Er war erst 54 Jahre alt. Die Oper, die ihm, der vor allem als Komponist hervorgetreten war, den Durchbruch als Dirigent verschafft hatte, war «Aida» gewesen. 

Auch Armin Jordan ereilte sein Schicksal während einer Aufführung: Am 15. September 2006 dirigierte er an der Oper von Basel Sergej Prokofiews Oper «Die Liebe zu den drei Orangen». Während der Aufführung brach er zusammen. Jordan galt als bedeutender Interpret der Werke Richard Wagners, und er war avancierten Produktionen gegenüber aufgeschlossen. So dirigierte er etwa den Soundtrack zu Hans Jürgen Syberbergs heftig umstrittener «Parsifal»-Verfilmung. Jordans andere zentrale Interessen galten dem Schaffen französischer und Schweizer Komponisten der Nachromantik und des Neoklassizismus. «Die Liebe zu den drei Orangen» war ihm ein besonderes Anliegen. Nach seinem Zusammenbruch wurde er nach Zürich überstellt, wo er fünf Tage später, am 20. September, im Alter von 74 Jahren starb.
 

Keine Einzelfälle

Giuseppe Patanè verstarb im Alter von 57 Jahren in München. Foto: Roberto Troncone, Neapel, Sammlung Thomas Schulz

Gewiss: Leopold Stokowski stand mit 95 am Pult und bestritt sogar noch Uraufführungen. Pierre Monteux dirigierte mit 89. Und Herbert Blomstedt legt sich mit 95 Jahren eine für ihn neue Sicht auf Schubert- und Brahms-Sinfonien zu. Doch da sind eben auch die Todesfälle am Pult, von denen man einige vielleicht nicht mehr so im Gedächtnis hat: Der deutsche Dirigent Franz Konwitschny stirbt am 28. Juli 1962 mit 60 Jahren in einem Fernsehstudio in Belgrad während einer Probe von Ludwig van Beethovens „Missa solemnis“. Der polnische Komponist und Dirigent Paul Kletzki, dem man eine maßstabsetzende Einspielung der Beethoven-Sinfonien verdankt und der sich rückhaltlos für Jean Sibelius und Gustav Mahler einsetzt, bricht am 5. März 1973 während einer Probe mit dem Liverpool Philharmonic Orchestra tot zusammen. Er ist 72 Jahre alt. Der israelische Dirigent Israel Yinon erleidet am 29. Januar 2015 während einer Aufführung von Richard Strauss‘ „Alpensinfonie“ im Kongresszentrum Luzern einen Herzinfarkt, stürzt kopfüber vom Podium und stirbt noch am selben Tag im Krankenhaus. Er ist 59 Jahre alt. Arvid Jansons, lettischer Dirigent und Bürger der Sowjetunion, erhält von den Behörden die Erlaubnis, auch im Ausland zu arbeiten. Ab 1965 ist er regelmäßig Gastdirigent des Hallé Orchestra im englischen Manchester. Bei einem Konzert mit dem Hallé Orchestra erleidet er 1984 einen Herzinfarkt und stirbt wenige Tage später, knapp nach seinem 70. Geburtstag, am 21. November 1984. Sein Sohn Mariss entging nur knapp dem Tod am Pult: Im April 1996 brach er in Oslo rund sieben Minuten vor Ende einer Aufführung von Giacomo Puccinis Oper «La bohème» mit einem schweren Herzinfarkt zusammen. Sein Glück war, dass er innerhalb von nur zwei Minuten intensivmedizinisch behandelt werden konnte. 


Tödliche Faktoren

Franz „Konwhisky“ Konwitschny. Foto: Jutta Landgraf, Dresden, Sammlung Thomas Schulz

Es ist kein Zufall, dass es gerade Herbert von Karajan war, dem die gesundheitsgefährdende Seite seines Berufs nachhaltig auffiel. Der Tod seines 14 Tage jüngeren und damit de facto gleichaltrigen Kollegen Joseph Keilberth fuhr Karajan jedenfalls in die Knochen. Karajan finanzierte eine Untersuchung der Universität Salzburg mit dem Ziel, die Auswirkungen von physischem Stress beim Dirigieren zu untersuchen. Denn es steht ohne jeden Zweifel fest: Dirigieren ist Stress. Geistig und körperlich bedeutet es Schwerstarbeit, stundenlange Opern oder Sinfonien wie, im Fall von Mitropoulos, Mahlers Dritte durchzuhalten. Prädispositionen mögen bei einigen der Todesfälle eine Rolle spielen, etwa bei Vater und Sohn Jansons. Mitunter ist wohl auch der Lebenswandel ein ausschlaggebender Faktor, wie im Fall des alkoholaffinen Konwitschny, dem die Orchester den Spitznamen „Konwhisky“ verpasst hatten. Van Beinum und Sinopoli wiederum waren starke Raucher. Zu der körperlichen und geistigen Belastung durch das Dirigieren selbst kommen freilich auch die Überlastungen mit Mehrfach-Engagements und dadurch bedingt weiten Flug-Reisen mit den unvermeidlichen Jet-Lags. 

Und doch wird kein Dirigent dieses Hochgefühl des Gestaltens von Musik am Pult gegen etwas Anderes eintauschen wollen, gegen das Gefühl, unterschiedliche Menschen durch nichts als kryptische Zeichen auf einem Blatt Papier, zu einer Gemeinschaft zu vereinen mit einer Zielsetzung, die, ohne Hass und Gewalt, nur dem Schönen, dem Unterhaltsamen, dem Beglückenden dient. Man könnte sterben für dieses Gefühl. Wenn er auf diese Weise kommt: Welch ein Tod muss das sein!