Palazzetto Bru Zane
Diese Musik schwingt herrlich
Himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt – und seit 1878 nicht mehr aufgeführt: Ambroise Thomas‘ Opéra-comique «Psyché» ist kein zu Recht vergessenes Werk – wie eine Aufführung in Budapest gezeigt hat
Willi Patzelt • 15. Februar 2025
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Wann immer behauptet wird, dass gerade etwas wirklich Bedeutendes an völlig zu Unrecht vergessener Kunst wiederentdeckt wurde, ist eine gewisse Skepsis nicht nur nicht unangebracht, sondern regelrecht geboten. Schließlich ist es ja gerade ein Vorzug „klassischer“ Musik, mit ihr gleichsam ein Museum (freilich kein verstaubtes, sondern ein sich fortwährend im Bestehenden aktualisierendes) zu besitzen, dessen Exponate – also: der etablierte Kanon – so wohlsortiert und bedacht ausgewählt sind, dass es da nur wirkliche Kostbarkeiten gibt. Der auswählende, gleichsam dieses Museum bestückende Kurator ist der Strom der Zeit – samt jenen Leuten, die in ihr leben, und zwar mit all ihren ambivalenten Geschmäckern und Moden. Dadurch ist die Zeit aber auch gewissermaßen die Gegenspielerin eines, sofern vorhanden, universellen Impetus der Exponate.
Der vergessene doppelte Boden
Dass dieses Museum grundsätzlich keinem Numerus clausus unterworfen sein darf, sollte offensichtlich sein. Man denke nur an Bach und seine «Matthäuspassion» oder an die jahrzehntelang eher vernachlässigten Symphonien des großen Kapellmeisters Gustav Mahler. Umso wichtiger ist es, hin und wieder zu bedenken, ob nicht im Kampf zwischen Kurator und Kunstwerk, also zwischen der zeitgeschichtlichen Umwelt der Entstehung eines Kunstwerks und seiner Qualität womöglich der wesentliche Aspekt – also die künstlerische Schöpfung – den Kürzeren gezogen haben könnte. Die Stiftung Palazzetto Bru Zane in Venedig und dessen künstlerischer Direktor Alexandre Dratwicki sind auf diesem Gebiet eine der kompetentesten und wichtigsten Adressen Europas. Ihre neueste Wiederentdeckung: Ambroise Thomas‘ Opéra-comique «Psyché».
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Die musiktheatralische Bearbeitung des antiken Stoffes von Psyche und Eros durch jenen in seiner Zeit durchaus berühmten französischen Opernkomponisten zur Aufführung zu bringen, ist jedoch nicht ganz leicht umsetzbar, liegen von ihr doch zwei höchst unterschiedliche Fassungen vor: Die erste von 1857 ist eine klassisch-heitere Opéra-comique, in der durchaus nicht selten Operettenhaftes à la Offenbach anklingt. Über 20 Jahre später waren die Moden andere; nur drei Jahre vorher war beispielsweise die Premiere von Bizets «Carmen». Thomas arbeitete die «Psyché» in Anlehnung an die Grande-Opéra um, und manches an herrlicher Doppelbödigkeit ging verloren. Die Neufassung des Palazzetto nimmt nun die erste Fassung und ergänzt sie um einiges aus der zweiten. So verbindet sich auf dem Weg hin zum „drame lyrique“ gleichsam das Beste aus zwei Welten, nämlich viel Klamauk mit packender Dramatik und Tiefe.
Gleichsam himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt
Denn an der Liebesgeschichte von Psyche und Eros – im Lateinischen „Amor“ – ist natürlich überhaupt nichts komisch. Venus, eifersüchtig auf Psyches Schönheit, befiehlt ihrem Sohn Eros, Psyche zu bestrafen, doch der verliebt sich stattdessen in sie. Natürlich untersagt er ihr, wissen zu wollen, wer er sei. Ebenso wenig überraschend hält Psyche diesem Verbot nicht stand. Sie wähnt sich deshalb verloren. Über einige Irrungen und Wirrungen jedoch kommt es dann aber doch noch zum erlösenden Kuss, und das Paar wird in den Olymp aufgenommen. Soweit so klischeehaft, soweit so nett.
Doch dieser ernste Kern ist eben um herrliche humoristische Elemente erweitert. Da gibt es zwei eifersüchtige Schwestern der Psyche sowie zwei verschmähte Liebhaber, die dann jeweils auch im Ehestand zueinanderfinden. Als am Ende Dafné und Bérénice – so die Namen der beiden, manche Klischees von Weiblichkeit herrlich überzeichnenden Damen – sich gegenüber ihren neugewonnen Männern versehentlich in alte Frauen verwandeln und ein magisches vermeintliches Schönheitsmittel benutzen, entbehrt das einer durchaus drastischen Komik nicht. Diese könnte man zwar als bloß ulkig und sinnlos albern abtun. Ist sie aber nicht: Denn zum einen ist gute Unterhaltung etwas Herrliches, und zum anderen hat Ambroise Thomas mit «Psyché» eine Partitur vorgelegt, die auch rein symphonisch wirklich ansteckenden Witz hat und somit unglaublich Spaß macht.
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Alles schwingt sich in einen musikalischen Sog
Diesen inhaltlich-konkret zu verstehen, ja der Handlung ganz allgemein zu folgen, wird einem in Budapest aber nicht leicht gemacht – zumindest nicht, wenn man nicht des Ungarischen mächtig ist. Die Übertitel-Anlage gönnt nämlich tiefergehende Erkenntnisse zum Inhalt des Werkes leider nur in ungarischer Sprache. Wenn aber schon Übertitel, dann bitte auch in Originalsprache, vom Englischen als Lingua franca ganz zu schweigen! Damit ist aber auch schon das eine Haar in der ansonsten höchst köstlichen Suppe gefunden. Denn im Budapester Palast der Künste und seinem ganz vorzüglichen Konzertsaal gelingt an diesem Abend wirklich Überzeugendes.
Das Ungarische Nationalorchester – nicht unbedingt ein Opernorchester – setzt unter der Leitung von György Vashegyi die «Psyché»-Partitur aufs Geistreichste um, begleitet die Sänger mit stilistischer Einfühlung und lässt auch die für die französische romantische Oper nicht unüblichen, eher funktionalen Begleitungen nie mechanisch oder „unbedacht technokratisch“ wirken. Vashegyi kann viel geschehen lassen und lässt dadurch den in der französischen Oper so stimmungsvollen Sog sehr originär entstehen. Es ist eine disziplinierte Interpretation im besten Sinne: Nichts wird forciert – und dadurch alles zum Schwingen gebracht.
Einnehmende Musik und überzeugender Gesang
Und diese Musik schwingt herrlich! Da sind wunderbare Melodien, viel pastelliger Klang durch Pizzicati in den Streichern (in den Tiefen mit verführerisch laufenden Zupfbasslinien), auch immer wieder Soli vor allem in Flöte, Horn und Geige, die voll Anmut immer wieder in großen Klangrausch gipfeln – sei es im flott-erregten Walzer oder in dramatischer Kulmination, wie am Ende des zweiten Akts (Eros erkennt, dass wiederum Psyche seine Identität erkannt hat). Doch leider bleibt hier die große Wirkung aus: Nach Psyches Ausruf: „Je suis perdue!“ verpufft ein musikalisch eigentlich wohl im Ansatz sehr viel Effekt versprechendes Ende in einer Implosion, die sich interpretatorisch nicht so wirklich als überzeugend darstellen mag.
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Dass der Abend fulminant wurde, ist der großartigen Sängerriege zu verdanken. Das meint ganz besonders auch den großartigen Chor. Schon mit dem ersten Einsatz („Vénus, fille de l’onde…“) spielt er seine unglaubliche Flexibilität und Klangschönheit auf das einnehmendste aus. Voller Schönheit ist auch der hell-agile Sopran von Hélène Guilmette als Psyche. Ihr zur Seite ist Antoinette Dennefeld in der Hosenrolle des Eros eine ebenso formidable Besetzung. Ihr warmer, aber dennoch sehr dramatischer Mezzo vermittelt auch auf Grund seines zeitweilig durchaus heftigen Vibratos eine gewisse jugendliche Ungestümheit, die der Rolle jedoch gutsteht. Mit Tassis Christoyannis als zynischer, nicht aber unernster Merkur und den beiden eifersüchtigen Nebenbuhlern Artavazd Sargsyan und Philippe Estèphe überzeugt auch das männliche Personal. Mercedes Arcuri und Anna Dowsley runden das Ensemble mit herrlich zickigen Charakterstudien von Dafné und Bérénice auch gesanglich wunderbar ab.
Ein neues Ausstellungsstück – wenn auch am Rande des Museums
Noch schöner wäre es sicher gewesen, Ambroise Thomas‘ «Psyché» auch szenisch zu erleben. Womöglich wird man sich darauf in geraumer Zeit noch freuen dürfen. Was hier alles szenisch möglich wäre, deuten wunderbare nuancenreiche Mikroexpressionen aller Beteiligten den ganzen Abend über an. Dass dieses Werk, wie andere seiner Art, womöglich auch weiterhin in gewisse Randständigkeit ihr Dasein fristen werden, ist schade – und womöglich auch das Resultat von mancherlei zu intensiver Fokussierung auf gewöhnte Formen, Ausdrücke und Schubladen.
Jedoch hat Ambroise Thomas‘ «Psyché» nun immerhin eine Chance, neben dessen bekannteren Opern «Mignon» und «Hamlet» überhaupt einen Platz im Repertoire zu bekommen – gleichsam als kleines Ausstellungsstück am Rande jenes etwas verwinkelten Museums namens „klassische Musik“. Denn diese knapp drei Stunden Musik lohnen sehr. Umso besser also, dass in Bälde die Gesamteinspielung dieser Produktion auf dem Plattenmarkt verfügbar sein wird.
«Psyché» – Abroise Thomas
Palazzetto Bru Zane · Palast der Künste
Neufassung der Stiftung Palazzetto Bru Zane
Kritik der Aufführung am 12. Februar; der Gesamtmitschnitt dieses Konzerts wird in der Reihe „French opera“ des Palazzetto Bru Zane als CD-Buch erscheinen