Antonio Salieri
Ein Genie zu viel
Ein neues Buch über den österreichischen Hofkomponisten aus Legnago hat die „Neuentdeckung eines Verkannten“ zum Ziel. Die spannenden Beiträge von Wiener Wissenschaftlern sind in einer leicht verständlichen Sprache verfasst
Stephan Burianek • 21. März 2025
Antonio Salieri war ein Genie, das seine Besonderheit nicht in Extravaganzen auslebte, sondern stets in den Dienst der Sache stellte. In musikalischer Hinsicht lieferte er gleichermaßen zuverlässig wie demütig jene Werke, die von seinem Chef, Kaiser Joseph II., gewünscht wurden. Was er nicht zum Leben brauchte, das spendete er der „Tonkünstler-Societät“, die sein verstorbener Mentor und Lehrer, der Hofkomponist Florian Leopold Gassmann, gegründet hatte, um Musikern und deren Hinterbliebenen eine Pension zu ermöglichen. Nicht-adelige bzw. finanziell schlecht gestellte Schüler unterrichtete er kostenlos. Von Zeitgenossen mitunter als cholerisch beschrieben, schrie sein vergleichsweise bescheidenes Wesen dennoch nicht so laut wie jenes seines Zeitgenossen Mozart. Auch lieferte er kaum Boulevardeskes, an dem sich seine Zeitgenossen und die Nachwelt hätten ergötzen können. Also mussten Geschichten erfunden werden, und die bekannteste davon – nämlich, dass Salieri für Mozarts Tod verantwortlich gewesen sei – kostete ihm nachhaltig seinen Ruf.
Rechtzeitig vor dem Gedenken an seinen Todestag, der sich am 7. Mai zum 200. Mal jährt, ist im Böhlau-Verlag ein Buch über Antonio Salieris Leben und Werk erschienen, das sich im Untertitel die „Neuentdeckung eines Verkannten“ zum Ziel gesetzt hat. Sieben Autoren aus der Wiener Musikwissenschaft machen darin in leicht verständlichen Beiträgen klar, dass der aus Legnago (Republik Venedig, heute Provinz Verona) stammende Komponist weit mehr als ein fleißiger Handwerker war.
Der Lehrer
Das sollte ohnehin klar sein bei jemandem, der Kapazunder wie Ludwig van Beethoven, Franz Liszt, Franz Schubert und Wolfgang Amadè Mozarts Sohn Franz Xaver zu seinen Kompositionsschülern zählen konnte. Die Schülerzahl dürfte, wie Patrick Boenke in seinem Artikel schreibt, im Laufe der Jahre „im deutlich dreistelligen Bereich“ gelegen haben. Salieris Ansehen bei seinen Studenten war wohl auf seine Fähigkeit zurückzuführen, auf die jeweiligen Bedürfnisse jedes einzelnen einzugehen. Um diese These zu unterstreichen, vergleicht Boenke exemplarisch die Korrekturen von erhaltenen Übungsaufgaben seiner Schüler Schubert und Beethoven.
Darüber hinaus war Salieri auch als Gesangspädagoge tätig. Nicht nur die beiden Töchter seines Mentors Gassmann bildete er zu erfolgreichen Opernsängerinnen aus. Die Wiener Gesangsprofessorin Judith Kopetzky greift in ihrem Beitrag die Lebensläufe von fünf „Sänger:innen“ heraus (in dem von der mdw-Musikuniversität sowie von der Stadt Wien mitfinanzierten Buch wird konsequent gegendert), darunter das Multitalent Julius Cornet.
Der Komponist

In Bezug auf Salieris liturgische Werke analysiert Benedikt Lodes deren Tonsprache, die ihn zu „einem typischen Vertreter des österreichischen Kirchenmusikstils seiner Zeit“ machen – ein Stil, der ab dem Beginn des 19. Jahrhunderts langsam von der Popularität der norddeutschen Vertreter wie Heinrich Schütz und Johann Sebastian Bach verdrängt wurde. Lodes beschreibt auch jenes „Requiem per me“, das sich Salieri im Alter von 52 Jahren selbst geschrieben hat und das heute, anders als die meisten seiner Autographen nicht in der Österreichischen Nationalbibliothek, sondern in Brünn zu finden ist.
Man schmunzelt heute gerne über den vermeintlich biederen Salieri, der seine Kompositionsarbeit an Lorenzo Da Pontes «Così fan tutte»-Libretto, das später von Mozart vertont werden würde, aus moralischen Gründen abgebrochen habe. Mit dieser Mär räumt der Dirigent und Uniprofessor Christoph Ulrich Meier auf: Zu jenem Zeitpunkt hatte Salieri bereits zwei „unmoralische Frivolitäten“ komponiert, nämlich «La grotta di Trofonio» und «La scuola de' gelosi». In beiden Opern waren die Eigenheiten der Liebe und die Treue mit jeweils zwei Paaren und einem „Spielleiter“ thematisiert worden. Das Libretto von «Così fan tutte», das den Nebentitel „La scuola degli amanti“ (Die Schule der Liebenden) trägt, bezeichnet Meier als eine Art geplante Fortsetzung von «La scuola de' gelosi» (Die Schule der Eifersüchtigen). Aufschlussreicher als die Übereinstimmungen, schreibt Meier, seien aber die Abweichungen in diesen beiden Salieri-und-Mozart-Opern. Laut Meier folgte Salieri einer „Temperamentenlehre“, wonach ideale Paare dieselben Eigenschaften wie heiter oder ernst aufweisen, demgegenüber habe Mozart stärker in Da Pontes Libretto eingegriffen, um das Konfliktpotenzial zu erhöhen.
Obwohl die Autoren aus der Wissenschaft kommen, gleitet das Buch nur manchmal in musikwissenschaftliche Details ab, etwa wenn der Herausgeber Markus Böggemann über Salieris „26 Variationen über die Arie ‚La Folia di Spagna‘“ schreibt – was aber immerhin zu der Motivation führt, sich eine Aufnahme dieses Werks zu besorgen.
Der Migrant
Scott L. Edwards widmet sich dem Menschen Salieri und der Frage, inwieweit die Heimat im Italiener verwurzelt blieb. Die Antwort lautet: sehr stark. Salieris Deutsch soll bis zum Ende seines Lebens holprig geblieben sein, mitunter vermischte er Deutsch, Italienisch und Französisch in ein und demselben Satz. Gegen den Auftrag des Kaisers, die Musik zu einem deutschen Singspiel zu komponieren, soll er sogar protestiert haben. Man konnte ihn dann mit dem Libretto zu «Der Rauchfangkehrer» überzeugen. Edwards stellt Parallelen zwischen der Titelfigur, die teilweise Arien auf Italienisch zu singen hat, und Salieri fest.
Natürlich ist mit einem Abstand von 200 Jahren eine Ferndiagnose schwierig. So ganz vermag der Herausgeber Markus Böggemann im finalen Kapitel die Stimmen jener Zeitgenossen, die sich kritisch über Salieri äußerten, trotz beherzter Versuche nicht ganz zu entkräften. War es bloß Neid, der aus ihnen sprach? Oder basierten die Vorwürfe (Intrigen, diplomatisches Geschick, etc.) auf tatsächlichen persönlichen Erfahrungen? Wir wissen es nicht. Dass Puschkin und Rimski-Korsakow den Italiener als soliden Handwerker dem freigeistigen Mozart gegenüberstellen und damit implizierten, es könne nur ein Genie geben, basiert aber – bei aller Verehrung für das Wunderkind Mozart – auf einem menschlichen Schubladendenken. Salieri hat, daran lässt das Buch keinen Zweifel, eine solche Verkennung seiner Leistungen nicht verdient. Am Ende der Lektüre wird klar, dass dieses Buch seiner Eigendefinition gerecht geworden ist. Es ist ein erhellendes „Lesebuch“, das Lust auf Neuentdeckungen macht.
Antonio Salieri. Neuentdeckung eines Verkannten. Ein Lesebuch. – von: Markus Böggemann (Hg.), Verlag Böhlau (Wien), 2025 (149 Seiten)
Veranstaltungstipp
Der Herausgeber Markus Böggemann und Jürgen Partaj präsentieren das Buch bei freiem Eintritt am 30. April um 12 Uhr in der Wiener Hofburgkapelle. Partaj ist sowohl Direktor der Wiener Hofmusikkapelle als auch Intendant des Salieri-Jahres 2025, von ihm stammt das Vorwort in dem Buch. Die Veranstaltung findet im Rahmen des Salieri-Festivals statt, mit dem die Wiener Hofmusikkapelle vom 27. April bis 21. Mai Salieris 200. Todestag gedenkt. Während der Buchpräsentation wird Wolfgang Kogert für eine musikalische Umrahmung an der Orgel sorgen. // hofmusikkapelle.gv.at, salieri2025.at