Landestheater Linz

Der Mensch, ein Biest

Peter Konwitschny liefert eine Neudeutung von Janáčeks «Schlauem Füchslein», die in ihrer Radikalität am Stück vorbeizielt und letztlich wenig berührt

Stephan Burianek • 30. März 2025


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Der Polizist (Adam Kim) und die Hure (Katharina Leitner-Hanetseder): Man nimmt sich, was man kann © Reinhard Winkler

Das Bruckner Orchester Linz ist vom ersten Takt an im Fluss, und zwar so stark, dass der eine oder andere Einsatz mit dem Tempo nicht mithalten kann, also gleichsam verschwimmt. Leoš Janáček ist eine ganz eigene Kategorie, nicht jedem liegt er im Blut, er braucht viel Praxis. Im Laufe der Aufführungsserie werden Markus Poschner und sein erstklassiger Klangkörper diese zweifellos sammeln. Was zu Beginn ebenfalls auffällt: Dieses «Schlaue Füchslein» ist düster, nur mit Mühe heben sich in der Linzer Interpretation die tanzenden, hohen Geigenstaccati von der schweren, romantischen Grundstimmung ab. 

Das passt zu dem Bild, das wir auf der Bühne sehen: Eine Prostituierte mit gebrochenem Blick wartet neben dem Eingang des heruntergekommenen Puffs „Foxy“ auf Arbeit. Janáčeks Partitur sieht vor, dass der Förster als erster singt, bei Altmeister Peter Konwitschny darf er gleich in zweideutiger Hinsicht als erster kommen, denn er sucht kein Schläfchen, sondern Beischlaf. Adam Kim tritt bei ihm als Polizist auf, der mit einem Revolver statt mit einer Flinte angibt und damit höchstens Frauen jagt.

Das Drehbühnenbild von Timo Dentler und Okarina Peter zeigt heruntergekommene Rückzugsorte für den Bodensatz der Gesellschaft, und bald wird klar: In dieser Inszenierung gibt es keine Tiere, zumindest nicht im biologischen Sinn. Der Polizist ist – in klarem Gegensatz zum Original – ein ganz besonderes Biest, das sich beim Heimgehen einfach die kleine Tochter der Sexarbeiterin schnappt (die sich dann nach erfolgloser Suche einen Stich setzt) und seine Beute für mehrere Jahre in einen Keller sperrt – die Parallele zu dem weltbekannten Fall im ebenfalls oberösterreichischen Amstetten dürfte hier kein Zufall sein. Dort teilt die „Füchsin“ ihr Schicksal mit einem gutaussehenden „Dackel“, der – und hier geht die Text-Bild-Schere erstmals zu weit auf – über die ihm fehlenden Liebesgelegenheiten klagt.

Dass Janáčeks Tierfabel über die freiheitsliebende Füchsin Bystrouška kein niedliches Kindermärchen ist, das hat spätestens Peter Pawlik in seiner schonungslosen, blutspritzenden Inszenierung 2007 in der Wiener Kammeroper gezeigt. Tatsächlich führt der übliche deutsche Titel «Das schlaue Füchslein» in die Irre. Eine halbwegs korrekte Übersetzung müsste „Begebenheiten der Füchsin Scharfohr“ lauten, oder so ähnlich (eigentlich hatte der Schriftsteller Rudolf Tĕsnohlídek die Füchsin in der Comic-Vorlage „Füchsin Schnellfuß“ genannt, doch die Zeitungsdrucker machten einen Fehler: statt „Bystronožka“ hieß die Titelheldin ab dem Zeitpunkt der Veröffentlichung „Bystrouška“).

Bei Konwitschny verkörpert SeungJick Kim als „Fuchs“, der seine „Füchsin“ (Carina Tybjerg Madsen) von ihrer Kette befreit, den einzigen positiven Charakter © Reinhard Winkler

Generell war die Rezeption dieses Werks im deutschsprachigen Raum lange von der Übersetzung durch Max Brod geprägt, die eine inhaltliche Umdichtung darstellt, die von Janáček nie gut geheißen wurde. Im Gegenteil: Der Komponist protestierte bei seinem Förderer Brod und fühlte sich im Nachhinein sogar von ihm hintergangen. Erst der große Hans Neuenfels orientierte sich in seiner eigenen Neuübersetzung als erster in der deutschsprachigen Welt am Original (wiewohl auch er Änderungen vorgenommen hat), den Titel „Das schlaue Füchslein“ ließ er indes unangetastet (wer googelt, der findet die legendäre Verfilmung der Produktion aus dem Jahr 1965).

Vielleicht auch im Bestreben, sich ebenso wie Neuenfels – den Konwitschny in einem Programmheft-Interview als seinen „Lehrer“ bezeichnet – nachhaltig in diese Rezeptionsgeschichte einzuschreiben, liefert Konwitschny unter Mitarbeit des Dramaturgen Christoph Blitt nun eine eigene deutsche Übersetzung des Werks, das in Linz „Die gerissene Füchsin“ genannt wird. Das Ergebnis sind Sprachperlen wie „Scheiße, sie hat mich gebissen“ (wenn die „Füchsin“ einen der beiden Flegel, die sie malträtieren, ins Ohr beißt) oder „Du Arschloch!“ (kurz nachdem die „Füchsin“ ihren „Fuchs“ ins Haus gelassen hat).

Man hat nicht unbedingt das Gefühl, dass dabei die Sangbarkeit im Vordergrund gestanden ist. Ob es daran lag, dass Carina Tybjerg Madsen in der Titelpartie mit der Kombination aus expressivem Sprechgesang und klassischen Melodiebögen ihre liebe Not hatte? Das Mitlesen erspart man sich bei ihr jedenfalls nicht. Leichter haben es freilich die Männer: Dominik Nekel und Michael Wagner sind als Pfarrer bzw. Wilderer (hier: Einbrecher) Haraschta erstklassig präsent, dasselbe gilt für Ulf Bunde als „Dachs“.

Weil in dieser Produktion auch musikalisch eingegriffen wurde, singt anstatt eines Mezzosoprans der Tenor SeungJick Kim den „Fuchs“ durchaus achtbar. Er verkörpert die einzige Figur, die von Konwitschny nicht abgrundtief hässlich gezeichnet wird. 

Natürlich verzichtet Konwitschny nicht auf Mätzchen: Ob man den Kuckuck, der aus einer unsichtbaren Uhr tönt, lustig findet oder den blutigen Tampon, den sich die „Füchsin“ aus der Scheide zieht, um den „Dachs“ aus seinem Haus zu verjagen, das soll jeder für sich beurteilen.

Am Ende tauscht die „Füchsin“ (Carina Tybjerg Madsen) ihren Gatten gegen den Einbrecher Maraschta (Michael Wagner) © Reinhard Winkler

Haarsträubend ist in jedem Fall das Programmheft-Interview, in dem das Produktionsteam offenbart, dass es die Funktion von Tierfabeln wohl missverstanden hat (Überraschung: Es geht darin gar nicht um die Tiere!). Und dass ein penibler Handwerker wie Konwitschny tatsächlich sagt, es gäbe „in dieser Oper keinen einzigen Ton, der Tiere nachahmen würde“, verwundert angesichts der musikalischen Fülle an gackernden Hühnern, jaulenden Hunden, hüpfenden Fröschen und surrenden Mücken doch einigermaßen. Folglich sieht man statt eines Mückenflugs eine Breakdance-Einlage.

Das Hauptproblem dieser Inszenierung: Weil so gut wie alle Charaktere inklusive der problematisch sozialisierten Titelheldin als abgrundtief schlecht dargestellt werden, sollte jeder im Publikum, der so etwas wie Mitgefühl empfindet, schleunigst einen Psychiater aufsuchen. Will heißen: Es ist letztlich eine recht fade G’schicht.

Immerhin überlebt die „Füchsin“ bei Konwitschny die Oper, denn er setzt sie mit der darin besungenen, aber eigentlich nicht auftretenden Terynka gleich. Das bedeutet: Die mehrfache Mutter heiratet einfach ein weiteres Mal (der Einbrecher hat offenbar mehr Geld als ihr treuherziger Ehemann). Und damit das Ende zur Neudeutung passt, wurde die Rahmenhandlung, die den Kreislauf des Lebens thematisiert, einfach gestrichen: Am Grab der Gattin, die seine Schandtaten jahrelang gedeckt hat, singt Adam Kim als gealterter Polizist/Förster einen so schönen Schlussmonolog, dass man fast schon wieder vergisst, welches Ekelpaket hier verkörpert wird. Am Ende spendet das Publikum allen Beteiligten einen freundlichen Applaus, auch der Regie: Ein aufregender Konwitschny, das war einmal.


«Die gerissene Füchsin» (Das schlaue Füchslein / Příhody lišky Bystroušky) – Leoš Janáček
Landestheater Linz · Musiktheater / Großer Saal

Kritik der Premiere am 29. März
Termine: 3./16. April; 2./19./30. Mai; 3. Juni