Theater Erfurt

Der Chor als Hauptdarsteller

Das Oratorium «Elias» von Felix Mendelssohn Bartholdy wird in Erfurt auf die Opernbühne verpflanzt. Das überzeugt musikalisch sehr viel mehr als szenisch

Ute Grundmann • 02. April 2025

Im gewaltigen Bühnenbild von Hank Irwin Kittel spuckt Baal Feuer. Darunter in der Mitte des großartigen Chors: Johannes Schwarz, der als Elias in jeder Nuance überzeugt © Lutz Edelhoff

Baal spuckt Feuer, wütend, mehrfach. Als meterhohe, archaische Statue schaut er über die Szenen, in denen der so zornige wie zweifelnde Prophet Elias Baals Volk vom Götzen- zum Gottesdienst zu bekehren sucht. Und es brennt oft in Jürgen R. Webers Versuch, Felix Mendelssohn Bartholdys Oratorium «Elias» zur Opernhandlung zu machen. Der siebenarmige Leuchter wie auch die Mondsichel fangen Feuer, während das Volk – der mächtige, prächtige Opernchor – auch sichtbar zwischen dem von König Ahab befohlenen Glauben und dem Gottesbekenntnis des Propheten hin- und herschwankt. 

Der Aufwand, den das Regieteam dafür treibt, ist so gewaltig wie Hank Irwin Kittels Bühnenbild: Vier riesige Halbbögen vor einer rotgemauerten Wand, in deren Mitte streckt ein Baum seine Äste aus, zwischen gleich zwei Mondsicheln. Immer wieder wetterleuchtet ein flammender Himmel hinter der Szenerie, auch ein prächtiger, leerer Stuhl steht auf der Bühne, der nach jüdischem Glauben für die Wiederkehr des Propheten bereit steht. Aber Regisseur Weber will mit der alttestamentarischen Geschichte aus dem 9. Jahrhundert vor Christus mehr als „nur“ das Oratorium nacherzählen, ein „Roadmovie“, eine Zeitreise bis ins Heute hinein soll es werden.

Dafür hat Tristan Jaspersen tief in die Kostümkiste gegriffen. Die weißbekleideten Engel sind zu üppigen Figuren ausstaffiert, es gibt zu Schleifen gefaltete Hüte und sonstigen skurrile Kopfbedeckungen, Königin Jezebel fährt ein gelber Blitz über die spitze Kopfbedeckungen, setzt sich auf ihrem Abendkleid fort; König Ahab trägt Brustpanzer und hohen Kopfschmuck. Zwei Raben und Riesen-Embryos als Engel irrlichtern auch durch die Reise, die aber weder konsequent noch überzeugend umgesetzt ist. 

Anastasiia Doroshenko als Witwe (ganz rechts im Bild) mit Felicia Pahl (Knabe). Links steht Johannes Schwarz (Elias) © Lutz Edelhoff

Eigentlich gibt es nur zwei wirklich erkennbare Stationen: Wenn Elias zur untröstlichen Witwe geht, deren Kind gestorben ist, kommt er in einer Zimmerflucht der Mendelssohn-Zeit an. Anastasiia Doroshenko, in langem Gewand und mit Nachthaube, singt deren Trauer dramatisch-anrührend, um dann die hellste Freude erklingen zu lassen, als Elias ihr Kind ins Leben zurückholt. Dann gibt es noch eine Caféhaus-Szene mit Elias und seinem Freund Obadjah, in der zwei Nazi-Soldaten für die deutsche Besetzung Frankreichs stehen sollen. Und auch die Form des Oratoriums mit seinen vielfach wiederholten, nur klanglich variierten Textzeilen will zu einer Reise nicht recht passen: Musikalisch ist das sehr reizvoll, hemmt aber immer wieder die Handlung.

Getragen und dominiert aber werden die zweieinhalb Stunden durch den fulminanten, singend wie spielend sehr variantenreichen Opernchor, einstudiert von Markus Baisch. In roten Gewändern, gerüstet und gegürtet, sind die Choristen mal schützende Mauer von König Ahab, mal kauern sie ängstlich am Boden, mal wüten sie, geht es in «Elias» doch auch durchaus kriegerisch zu. Da klingt selbst das Wehklagen wunderschön. Singend sind sie, wie geheißen, erst dem Götzen Baal zugeneigt, dann gehen sie zunehmend zum Gotteslob über, für das sie der Regisseur gleich zweimal in den Saal schickt. Dort singen und sehen sie das Publikum direkt an. 

Aber nicht nur wegen des Chores ist dieser Abend musikalisch eine Wucht. Auch das Philharmonische Orchester unter der Leitung von Roland Böer geht jeder Emotion nach, ist mal himmelhoch jauchzend, mal zu Tode betrübt, trägt und steigert die Handlung hell und kräftig voran. Die Posaune bestätigt und verstärkt Elias' „Herr Zebaoth lebt“, dessen Fragen und Klagen an Gott unterstützen Bläserstöße.

Marlene Gaßner wird als Aschera, deren Figur im Oratorium eigentlich nicht vorgesehen ist, von zwei Engeln (Candela Gotelli und Daniela Gerstenmeyer) flankiert © Lutz Edelhoff

Johannes Schwarz überzeugt in wirklich jeder Nuance seines Elias. Seinen Gott sucht er mit kraftvollen und auch zarten Tönen, fleht barmherzig und mitleidend um das Leben des Kindes. Seine Gegner will er lieber überzeugen als fordern, weiß sich aber auch zu wehren. Er zweifelt und zaudert eher still, gibt aber das Gotteslob nie auf. Und nicht nur kurz vor Fahrt in der Bundeslade gen Himmel lässt der Bassbariton erstaunlich helle Töne erklingen. An seiner Seite ist Tristan Blanchet als ruhiger, beratender Gefährte Obadjah, mit schöner, tragender Tenorstimme. So zornig wie der Blitz auf ihrem Kostüm singt Altistin Valeria Mudra die Königin, die ihrem Gatten Ahab Götzenglaube, Reich und Anhänger gleichermaßen retten will.

Die Figur der Aschera gibt es weder im Oratoriumstext noch in der Inhaltsangabe des Programmheftes, das später wenigstens erläutert, nach alten Quellen sei sie eine Kultstatue oder die Gemahlin Gottes gewesen. Marlene Gaßner, mit einem Körperpanzer als nacktes, dunkelhäutiges, dralles Weib ausstaffiert, singt, ebenfalls Alt, eine kraftvolle Figur, die Elias auch schon mal sagt, was zu tun ist. Am Ende langer Jubel im Erfurter Opernhaus; Johannes Schwarz wurde mit viel Applaus, lauten Bravos und Pfiffen gebührend gefeiert.


«Elias» – Felix Mendelssohn Bartholdy
Theater Erfurt · Großes Haus

Kritik der Premiere am 29. März
Termine: 6./13. April; 3./11./30. Mai