Opernwelt >> Menschen

Sara Jakubiak

Hommage an eine Außergewöhnliche

Ein Stimmenportrait

Peter Sommeregger

22. Jun 2021

„Ich ging zu ihm“ – Höhepunkt des symbolbefrachteten, aber in seiner Dichte letztlich doch zwingenden Textes von Korngolds «Wunder der Heliane». Gesanglich ist es kein Ausbruch, mehr ein sich langsam steigernder Monolog. Die Stimme der Sopranistin ist reich an Farben, bildet die geheimnisvolle Figur perfekt ab. Kühle und Leidenschaft wechseln in dieser raffinierten Harmonik ständig, bis der Höhepunkt im Forte mühelos erreicht wird. Man ist an eine andere Stimme erinnert, die früher einmal zu den kostbarsten ihrer Generation zählte: Sena Jurinac. Es ist kein totales akustisches Déjà-vu, aber die Assoziation drängt sich hartnäckig auf. Die klare Artikulation, das silbrige Timbre, die unangestrengte, sichere Höhe. Es ist eine Amerikanerin mit deutschen und polnischen Wurzeln, die sich anschickt, nach mehreren Jahren am Frankfurter Opernhaus die ganz großen Bühnen zu erobern: Sara Jakubiak.

Die Frauenfiguren Korngolds scheinen ihr besonders zu liegen, in Berlin konnte man sie neben der Heliane an der Deutschen Oper (bei Naxos auch als Video erschienen) als Marietta/Marie in der «Toten Stadt» an der Komischen Oper erleben. Auch in dieser Rolle kann sie das Geheimnis der Figur mit ihren stimmlichen Mitteln ausdrücken, es fasziniert das Wechselspiel von kühl zu leidenschaftlich. Die Register der Stimme sind dabei optimal verblendet, der Übergang in die Passagen im Forte gelingen bruchlos. Kein Ton klingt forciert, die Obertöne leuchten förmlich auf. Folgert man daraus, die Sängerin wäre besonders für das deutsche Fach geeignet, verblüfft sie mit dem veristischen Reißer «Francesca da Rimini» von Zandonai erneut. Auch die Italianità ist in dieser Stimme abrufbar. Wer denkt, Eleganz wäre akustisch nicht darzustellen, wird von Jakubiak eines Besseren belehrt. In der «Heliane» gelingt es der Künstlerin, selbst beim Ablegen der Kleider ohne Preisgabe der Keuschheit zu agieren und auch so zu klingen. Als Francesca strahlt sie die unterkühlte Erotik einer Grace Kelly aus.

So gut gebildet und geführt die Stimme auch ist, wünscht man der Sängerin doch, mit allzu dramatischen Partien vorerst behutsam umzugehen – obwohl ihr auch exponierte Töne makellos gelingen, entfaltet sich das schöne Timbre dieser Stimme am besten in der Mittellage. Das für Helsinki vorgesehene Debüt als Salome sollte für Jakubiak aktuell vielleicht eine Obergrenze darstellen, wobei die Stimme durchaus noch Potenzial darüber hinaus hat. Es stehen Engagements als «Tannhäuser»-Elisabeth und Chrysothemis an, in Konzerten hat Jakubiak bereits Janaceks «Glagolitische Messe» und Schönbergs «Erwartung» gesungen. Alles bisher Gehörte macht neugierig auf mehr, Liedgesang wäre eine mögliche weitere Richtung, die man sich gut vorstellen kann. Wenn man die Assoziation zur Stimme Sena Jurinacs weiter denkt, kommt man unweigerlich zu den großen Partien Puccinis wie Tosca und Butterfly. Auch die Janáček-Partien Jenufa, Katja und Emilia Marty, die Jurinac leider nicht alle gesungen hat, kommen einem in den Sinn. Das slawische Fach böte mit Rusalka, Lisa in «Pique Dame» und Tatiana weitere reizvolle Partien.

Am vergangenen Samstag gab Jakubiak an der Wiener Staatsoper ihr Hausdebüt als Elsa im «Lohengrin». Diese Partie erfordert neben lyrischen Qualitäten auch die Fähigkeit, die Stimme im Verlauf der Handlung in dramatische Regionen zu führen. Es ist nicht bekannt, ob die Direktion der Wiener Staatsoper gedenkt, Sara Jakubiak künftig mit weiteren Engagements an das Haus zu binden. Das wird wohl auch vom Erfolg der aktuellen Aufführungsserie abhängen. Toi, toi, toi!


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