Dippel entdeckt / Folge 2
Neues Berufsbild zwischen Achtsamkeit, Geschäftsmodell und Risikoangst
Der Henschel-Band „Intimitätskoordination“ zeigt Legitimierung und Selbstreferenz des jungen Theaterberufs
Roland H. Dippel • 18. Januar 2026
Ein neuer Theaterberuf setzt sich durch und klagt an: PR, Light Design, Theaterpädagogik, Social Media-Koordination und die digitale Sparte wurden als neue Aufgabenfelder der letzten Jahrzehnte unverzichtbar. Seit einigen Spielzeiten gerät die Intimitätskoordination immer deutlicher in den Fokus, die institutionell der Stuntkoordination und Kampfchoreographie nahesteht und die durch #MeToo an Relevanz gewonnenen hat. Wie wichtig für den sozialen Umgang, das künstlerische Ergebnis und den Schutz der Mitwirkenden eine solche Schnittstelle außerhalb der Hierarchie von Filmsets und Theater ist, belegt eindrucksvoll eine SRF-Kultursendung von Elisabeth von Kalnein, die unter dem Titel „Intimitätskoordination in der Oper“ auf dem Youtube-Kanal „What's Opera Doc – For Professional Opera Singers“ nachzuhören ist (Folge vom 16. März 2025). Darin wird der dringliche Bedarf an einer zu Einspruch berechtigten Position im Produktionsprozess betreffend Machtmissbrauch und sexuelle Übergriffe deutlich.
Viele belästigende, oft unmissverständliche Grauzonen-Vorgänge finden unter Darstellenden auf der Bühne statt – als physisches Extempore. Das Publikum merkt sie nicht oder liest sie als Teil der Inszenierung, verkennt also die vorsätzliche Entgleisung. Vor allem in Wiederaufnahmen, beispielsweise von Calixto Bieitos «Carmen»-Inszenierung an der Wiener Staatsoper, wäre die Unterscheidung von inszenierter oder vorsätzlich privater Gewalt für das Publikum, welches die Produktion erstmals erlebt, schier unmöglich. Durch den Parameter Gesang hat Musiktheater eine von der Kunstgattung erwartete und ausstrahlende Intensität. Risiken und Möglichkeiten zu Übergriffen sind im Vergleich zu anderen Sparten deshalb noch größer. Vor allem an großen Häusern wechseln Besetzungen in der gleichen Inszenierung oft und werden Gäste nicht immer mit der angemessenen Detailgenauigkeit vorbereitet.
Für die theatrale Darstellung und Wirkung hat das – unter Mitwirkung einer zugezogenen Intimitätskoordination – eine naheliegende Konsequenz: Die früher oft aus Improvisationen entwickelte performative Transformation sexueller Begegnungen und erotischer Inhalte bedarf generell einer Choreographie nach fixierten Standards: „Das Ziel einer Intimitätskoordination ist, dass sich alle Beteiligten sicher und wohl fühlen und niemand körperlich oder seelisch zu Schaden kommt“, definiert der deutsche Berufsverband Intimitätskoordination und Kampfchoreografie e.V. Dass dem Arbeitsfeld der Intimitätskoordination auch in der Opernproduktion ein zunehmender Stellenwert eingeräumt wird, ist u.a. einem Video im Instagram-Kanal der Oper Leipzig ersichtlich, das im Juni 2024 im Zuge einer Inszenierung von Schostakowitschs «Lady Macbeth von Mzensk» veröffentlicht wurde.
Der Henschel-Band führt Bedarfsanalyse, Definition, Aufgabengewichtung, Methodik, die Position im künstlerischen Team, Erfahrungsberichte und Netzwerk-Empfehlungen aus verschiedenen Perspektiven zusammen. Falk Richter artikulierte anhand der Erarbeitung einer intimen Szene aus seinem Bühnentext „Bad Kingdom“ an der Volksbühne Berlin: „Es ist eine Szene zwischen zwei Männern. Auch hier war es wichtig, möglichst angstfrei und ohne Voreingenommenheit und klischierte Vorstellungen einen Weg zu finden, wie diese Sexualität aussehen kann. Was soll gezeigt werden? Und welche Informationen braucht ein Schauspieler, der keine sexuellen Erfahrungen mit anderen Männern hat, um die Szene überzeugend spielen zu können? Ich war überrascht, wie handwerklich und technisch bei der Intimitätskoordination vorgegangen wird. Und wie befreiend das für mich und die Schauspieler:innen sein kann. Denn zunächst einmal dürfen sich alle von dem Gedanken verabschieden, dass eine intime Szene auf dem Theater in irgendeiner Weise ‚sexy‘ sein müsse, also erotisch auf die Zuschauer:innen wirken muss.“
Es geht also nicht nur um die Verhinderung von Übergriffen, sondern auch um die Optimierung des thematischen Gehalts im theatralen Spiel. Eine Intimkoordination steuert gemäß Cornelia Dworak alle Bedingtheiten zu einer in den Vorstellungen wiederholbaren Choreographie über die Mittel „Bewegungsqualitäten“, „Berührungsqualitäten“, „Bewegungsverläufe“ und „Körperausrichtungen“. Julia Effertz stellt „Intimität als Leere im Schauspielhandwerk“ fest und versteht zurecht „Intimität als Storytelling“. Ausgehend von persönlichen Verletzungen durch als bedrohlich empfundene Bewegungen im Raum oder durch fehlenden Respekt vor physischen und psychischen Grenzen aller Mitwirkenden definiert Effertz den Aufgabenbereich mit „Darstellungen sexualisierter Gewalt“ „an der Grenze zwischen Gewaltinszenierung und Intimitätskoordination“. Ziel ist die maximale Qualität der Umsetzung von künstlerischen Visionen „bei gleichzeitiger Wahrung der persönlichen Grenzen und der Einwilligung aller Beteiligten“. Die Mittel zur performativen Intimität unterliegen also im Gegensatz zu früher einem „spezifischen Arbeitsschutz“. Ausübende der Intimitätskoordination „sind nicht weisungsgebunden gegenüber der Regie oder anderen Abteilungen“.
Choreographien intimer Momente, sexueller Begegnungen und erotischer Aussagen entstehen durch die Intimitätskoordination. Diese szenischen Ausdrucksmittel müssen wiederholbar sein. Im letzten Aufsatz schildert Yarit Dor Intimbedeckungen als neues Produktsegment für performative Textilien sowie andere zwischen künstlerischer Täuschung und Trickdramaturgie angesiedelte Mittel. Auf Bildmaterial über Effizienzen im Arbeitsprozess oder exemplarisch verdeutlichende Inszenierungsfotos wurde verzichtet.
Es fällt auf, dass in den seltensten Fällen eine Darstellung unter Berücksichtigung von historischen, inhaltlichen, rituellen oder gar kultischen Herleitungen des Film- oder Bühnengeschehens erfolgt. Die Etablierung und Selbstdarstellung des wichtigen Berufsfelds findet zwischen zwei signifikanten Polen statt. Mike Dele Dittrich Frydetzki erörtert Vorläufer der Intimitätskoordination „in BDSM, Pornografie und queerer Identität“ mit einem explizit bürokratischen Fachjargon, der im schroffen Kontrast zu den Freizügigkeiten und dem Selbstverständnis von in den letzten Jahrzehnten erkämpften oder in Subkulturen verwirklichten Freiräumen der erörterten Gruppen steht. Mit außerordentlicher Empathie für internationale Besetzungen und Produktionsbedingungen stellt vor allem die Ägypterin Sondos Shabayek berührend sensibel klar, dass es in verschiedenen kulturellen Kontexten signifikante Kontrastschärfen der Wahrnehmung und Bedeutung von Körperkontakt bzw. körperlicher Sichtbarkeit gibt.
Die Texte zeigen auf, dass der physische, kreative und visionäre Theaterraum als Nische des Experiments mit ungewissem Ausgang und als Risikozone vor dem unkalkulierbaren Erkenntniskick an Terrain verliert. Das Fazit: Vertragssichere Absprachen über Grenzen, ein klares „Nein“ ohne das Risiko beruflicher Nachteile und die Professionalisierung der früher oft mit Im
provisationen erarbeiteten Intimszenen sind die Ziele des jungen Berufs. Wenn diese Ziele Standard einer strukturellen und künstlerischen Kommunikation sind, wird das Berufsfeld der Intimitätskoordination mit personellen Zugängen aus der Choreographie, der Regieassistenz und Coach-Kompetenzen unnötig. Bis dahin soll sich die Position im künstlerischen Team als Titel mit eigens dafür vorgesehenem Budget etablieren. Anders als im Fall des Blackfacing plädiert der woke Idealismus hier nicht gegen die totale, kompromisslose Abschaffung des Phänomens von intimen Szenen und Entschärfung von systemischen Hintergrundfaktoren generell, sondern möchte erotische Darstellung in moralisch einwandfreien Produktionsbedingungen und ohne Erweckung sexuellen Interesses.
Saskia Oidtmann (Hrsg.): Intimitätskoordination. Intimität im Film und auf der Bühne inszenieren. Henschel Verlag (Leipzig), 2025, 184 Seiten
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