Theater Basel

Vor Höllenschlünden

Herbert Fritsch inszeniert Giuseppe Verdis «Macbeth» ganz in seinem eigenen Stil. Ein Wagnis, das auf erstaunliche Weise aufgeht

Joachim Lange • 24. Januar 2026

Mit einer Vorliebe für knallige Farben entwirft Herbert Fritsch in seinen Inszenierungen zumeist auch die Bühne und die Kostüme © Ingo Höhn

Dieser neue Basler Verdi-«Macbeth» hätte auch schiefgehen können. Natürlich nicht wegen Verdi, dessen Musik zuverlässig funktioniert. In Basel wird die Zweitfassung von 1865 mit dem Finale der Erstfassung von 1847 gegeben. Mit Dirk Kaftan am Pult des Sinfonieorchesters Basel entfaltet sie ihren ganzen mitreißenden Schwung, unterschlägt aber auch die verhaltenen Töne nicht. Das Risiko lag hier mehr in der Entscheidung für den Regisseur Herbert Fritsch, der wie meistens in seinen Inszenierungen auch die Bühne und Kostüme selbst verantwortet.

Bei der Frage, ob ein bewährtes und im Kanon des Weltrepertoires fest verankertes und dort sozusagen ruhendes Stück einerseits und der nach seiner Schauspielerkarriere (vor allem an Frank Castorfs Volksbühne, als eines von dessen besten Pferden im Stall) spät berufene Turbo-Regisseur anderseits zusammenpassen würden, wurde jetzt in Basel mit einer Antwort versehen, die so eindeutig jedenfalls nicht zu erwarten war. Bei seinem Hang zu einer bis ins sinnfreie Herumalbern getriebenen Situationskomik hatte man sich vor fünf Jahren an der Wiener Staatsoper mit seinem Rossini-«Barbier» ebenso verrechnet, wie man jetzt in Basel bei Verdis Opernexkursion ins Reich der Finsternis auf einiges gefasst war, was da womöglich nicht zusammenpassen würde.

Allein den auch in hochpolitisch gemeinten Inszenierungen nicht immer geglückten „Patria oppressa“-Chor der schottischen Flüchtlinge konnte man sich ehrlich gesagt nur schwer in Fritsch-Manier vorstellen. Doch wer diese Sorge hatte, wurde – sozusagen in der entgegengesetzten Richtung wie in Wien, wo er den «Barbier» todkitzelte – eines Besseren belehrt. Fritsch machte aus diesem Chor eine ruhig und machtvoll für sich stehende Szene, die auch einer anderen Lesart zu eindrucksvoller Wucht verholfen hätte. Und sie stand pars pro toto.

Zwischen Macbeth (Iain MacNeil) und seiner Lady (Heather Engebretson) knistert die Erotik © Ingo Höhn

Dass man den tändelnden Einmarsch von König Duncan musikalisch bestens begründet, auch mit einigem Witz vorführen kann, das hatte schon Peter Konwitschny in seiner legendären Grazer Inszenierung von 1999 exemplarisch vorgeführt. Das lässt sich auch Fritsch natürlich nicht entgehen. Und obwohl jetzt jeder Verweis auf irgendeine Gegenwart bewusst fehlt, löst gerade der leicht senil wirkende, mechanisch winkende und vor sich hin trottende König, der in den Orchestergraben stürzen würde, wenn man ihn nicht aufhielte, Assoziationen aus, die sich auch mit Beispielen aus der Gegenwart belegen lassen. Auch Joe Biden lief ja gelegentlich mal vor laufenden Kameras in die falsche Richtung.

Fritsch macht auch in vielen anderen Szenen auf erstaunliche, geradezu altmeisterliche Weise alles richtig. So imaginiert sein Macbeth bei der zweiten Hexenprophezeiung die Banco ähnelnden Könige, die ihm die Abgesandten der Hölle vorführen, nur mit dem Entsetzen in seinem Blick und wir denken uns zwangsläufig dazu, was er sieht. Das fügt sich perfekt ein und ist geradezu schulbuchmäßig umgesetzt. Das gilt analog auch für die berühmte Bankettszene, in der ihm sein ermordeter Freund Banco erscheint. Hier gibt es keine blutüberströmte Geistererscheinung, sondern „nur“ die Reaktion von Macbeth auf das, was nur er sieht.

Natürlich – so viel Fritsch muss dann doch sein – bewegen sich seine Protagonisten über weite Strecken wie Marionetten in den Händen ihres Puppenspielers. Nur, dass in diesem Fall nicht nur der mit Extravaganz und Selbstbewusstsein ausgestattete Regisseur die Fäden zieht, sondern vor allem der Komponist. Und das ist das Überraschendste an diesem Abend. Dieser «Macbeth» ist bei allem herausgekitzelten szenischen Witz viel näher an der Musik und von Verdi gesteuert, als manch andere Lesart. Wenn die Musik tänzelt oder wogt, dann tänzeln oder wogen auch die Protagonisten oder der Chor (Einstudierung: Michael Clark), ganz gleich wen er gerade verkörpert.

Seine Vorlieben für knallige Farben hat der Ausstatter Fritsch diesmal auf höllisches Feuerrot für die Bühne und düster tödliches Schwarz bei den Kostümen beschränkt. Außer bei der optisch recht mädchenhaften Lady, der er ein helles Trägerkleidchen zubilligt. Die Bühne beherrschen fünf hintereinander gestaffelte Portale, die man gut für einen ins Abstrakte übersetzten Eingang zur Hölle nehmen könnte. Die Abstände zwischen den Portalen bieten jede Möglichkeit für flotte Auf- und Abgänge. Die raffiniert eingesetzte Lichtregie von Cornelius Hunziker imaginiert zusätzlich jeden benötigten Ort.

Auch bei Fritsch ist Lady Macbeth (Heather Engebretson) die Strippenzieherin ihres Mannes (Iain MacNeil), wenngleich der Regisseur sie gleichsam als Aquarell profiliert © Ingo Höhn

In der Titelpartie brilliert der von der Oper Frankfurt ausgeborgte Bariton Iain MacNeil nicht nur mit seiner wohltimbriert kernigen Stimmkraft, sondern er imponiert auch darstellerisch mit einer Wie-auf-dem-Sprung-Präsenz, schlägt auch mal ein Rad. Dass er womöglich manchmal eine Spur zu schön für den Finsterling klingt, nimmt man gerne in Kauf, zumal er das höllische Lachen drauf hat, das ihm Fritsch hier verordnet. Heather Engebretson ist zwar kein an die geforderte Grenze des Schöngesangs gehendes hochdramatisches Schwergewicht, versteht es aber mit vokaler Präsenz und körperlicher Leichtigkeit eine Lady von einigem Profil zu formen. Eine ehrgeizige Strippenzieherin mal nicht in Stein gemeißelt, sondern als Aquarell profiliert. Immerhin kommt kein Zweifel auf, dass zwischen den beiden eine enge innere Verbindung besteht und die erotische Anziehungskraft knistert.

Sam Carl ist mit der dunklen Grundierung seiner Stimme ein eindrucksvoller Kontrast zu Macbeth, während Rolf Romeis Macduff in seiner großen Arie im Anschluss an den Chor der Flüchtlinge etwas angestrengt wirkt. Ervin Ahmeti ist als Malcolm nicht nur der Anwärter auf den Königsthron, sondern auch der Statthalter des Running-Gag-Liebhabers Fritsch im Stück – so oft wie ihm seine Krone vom Kopf fällt. So wie er am Ende, wenn er zusammen mit Macduff gesiegt hat, kaum das Schwert anheben kann, so jubelt Fritsch seiner fabelhaft gelungen und unterhaltsamen, vor allem musik- und situationsbezogenen Inszenierung doch auch das Fragezeichen unter, das noch hinter jede gelungene «Macbeth»-Inszenierung gehört. Denn ob nun wirklich alles besser wird, das ist die Frage. Und die bleibt auch nach diesem Opernvergnügen am Eingang zur Hölle offen.


«Macbeth» – Giuseppe Verdi
Theater Basel · Stadttheater / Große Bühne

Kritik der Premiere am 22. Januar
Termine: 24./20. Januar; 7./14. Februar; 1./12./18./21./26./28. März