Theater an der Wien
Reif für eine Trilogie
Der Regisseur Christof Loy verbindet in Pedro Lunas Zarzuela «Benamor» mit phänomenalen Sängerinnen und Sängern mehrere Genres und sorgt in dieser Komödie der Geschlechter für einen Dauergrinser
Stephan Burianek • 25. Januar 2026
Die Haremsdamen sind genervt. Seit anderthalb Jahren warten sie darauf, dass der junge Sultan Dario ihren Arbeitsplatz im persischen Isfahan einweiht, aber er kommt einfach nicht. Notgedrungen versorgen sie stattdessen die Soldaten der Palastgarde. Darios Schwester Benamor hingegen würde ihre Stricknadel herzlich gerne gegen einen Degen tauschen. Was auf dem ersten Blick wie eine „woke“ Emanzipationsproblematik klingen mag, ist eigentlich das Gegenteil: In Pablo Lunas Zarzuela «Benamor» streben die Geschlechter in ihre traditionellen Rollen, denn Benamor ist in Wahrheit ein Mann, Dario eine Frau.
Wie es dazu kam, schildert im Theater an der Wien gleich zu Beginn mit Milagros Martín eine Doyenne der Zarzuela in der Rolle der rührigen Sultansmutter Pantea: Im fernen Persien musste das erste Kind in Sultansdynastien männlich sein. War es das nicht, wurde es getötet. Um dieses barbarische Gesetz zu umgehen, zog Pantea das zuerst geborene Mädchen als Junge und den danach geborenen Jungen als Mädchen auf. Doch lange werde sich dieser „Betrug“ nicht mehr verheimlichen lassen, zumal Dario plane, seine „Schwester“ zu verheiraten.
Auch im Graben steht mit dem Dirigenten José Miguel Pérez-Sierra ein Spezialist, er ist Musikdirektor des Teatro de Zarzuela in Madrid. Unter seiner Leitung sorgt das bestens disponiert klingende ORF Radio-Symphonieorchester für einen abwechslungsreichen, mitreißenden Premierenabend. Die Ohrwürmer in der spanischen Form der Operette wurzeln oftmals in der iberischen Volkstradition. Für «Benamor» tauchte Pablo Luna außerdem tief in einen morgenländischen Farbtopf, das Werk gilt als Teil seiner „Orientalischen Trilogie“.
Man müsste schon sehr mieselsüchtig sein, um dieser Produktion nicht mit einem zufriedenen Dauergrinser zu folgen. Zarzuela-Aufführungen sind generell „sehr gut geprobt und auf Perfektion gedrillt“, sagt der Regisseur Christof Loy im Programmheft, was für in diesem Fall auf allen Ebenen gilt. Wie auch im Musical und in Wiener und Pariser Operetten wird den Sängerschauspielern einiges abverlangt. Sie müssen sich außerordentlich vital bewegen, ein überzeugendes Sprechtheater abliefern und – freilich – singen können. All das wird in Wien derzeit auf unschlagbare Weise vereint: Marina Monzó bezaubert in der Titelpartie als Prinzessin-aber-eigentlich-Mann nicht bloß mit lyrischer Finesse, sondern trillert in einer Foxtrott-Nummer in Anbetracht der Haremsdamen sogar wie ein Vogerl. Mit warmen hohen, scheinbar mühelosen Tönen begeistert der Sopranist Federico Fiorio als Benamors Bruder-und-eigentlich-Schwester Dario – eine Partie, die ursprünglich für eine Sängerin konzipiert wurde.
Loys opulente Inszenierung wird dem vielfältigen Charakter des Werks szenisch auf mehreren Ebenen gerecht: Befriedigt wird zum einen die Schaulust insbesondere in Herbert Murauers opulentem Bühnenbild im 1. Akt, im orientalischen Sultanspalast, wenn auf den Haremsdamen die Steinchen im satten Bühnenlicht (Fabrice Kebour) glitzern und die Federboas wacheln. Auch das restliche Hofpersonal steckt in edlen Mustern und Stoffen von Barbara Drosihn. Gemeinsam mit den Choreografien von Javier Pérez liefert Loy damit Ausstattungstheater der edelsten Güte. Doch der Ventilator an der Decke des Palastzimmers lässt bereits ahnen, dass Loy im Laufe des Abends nicht vorhat, das Stück aus dem 19. Jahrhunderts reaktionär auf eine heutige Bühne zu hieven. Wenn im 2. Akt auf Isfahans Basar dem alten, aber immer noch geilen Großwesir Abedul eine junge Sklavin für ein Schäferstündchen angeboten wird, steckt das Volk in heutigen Schnitten. Die Message ist klar: Die strukturelle Unterdrückung insbesondere von Frauen und insbesondere in orientalischen Kulturen ist ein scheinbar endloses, noch heute gültiges Thema.
Ansonsten ist der Großwesir ein ulkiger Kerl: Nach dem Beischlaf ist Abedul für gut zwei Stunden lang taub, was diverse für eine komische Handlung notwendige Missverständnisse erzeugt. Für die Geschlechterproblematik kennt sein Zarathustra-Buch freilich keine Lösung, die müssen andere finden. In der Zwischenzeit konkurrieren drei Bewerber um die Gunst der vermeintlichen Prinzessin Benamor: Das weichliche Müttersöhnchen Jacinto (makellos: César Arrieta), der grobschlächtige Krieger Rajah-Tabla (stimmmächtig: Alejandro Baliñas Vieites) und ein spanischer Caballero. Letzterer ist von Beginn an Darios Favorit, und man zweifelt keine Sekunde lang an den Gründen: David Oller ist ein Juan de León der Frohnatur mit ritterlicher Aura, der nicht nur den Schlager „País del sol“ mit großer Inbrunst zu intonieren versteht. Nuria Pérez als Haremsdame Cachemira und Sofía Esparza als frisch gekaufte Sklavin Nitetis (die bei Benamor landet) sind die für diese Rollen gewünschten Augenweiden und stimmlich dem übrigen Ensemble ebenbürtig.
Loy findet in «Benamor» geschickt eine Balance aus Tanzrevue und tiefgründiger Komödie. Das Ballett im Mithras-Tempel am Ende des 2. Akts sorgt mit seiner düsteren musikalischen Färbung zudem für einen ernsten Kontrapunkt. Dass sogar die Sprechtexte in Spanisch belassen wurden, stört keineswegs, sondern fördert ganz im Gegenteil den Spielfluss.
Natürlich brechen die Geschlechtergrenzen im Theater an der Wien, wie derzeit auf praktisch allen deutschsprachigen Bühnen üblich, auch in diesem Werk letztlich doch auf, weil Loy die Geschwister selbst nach ihrer Aufklärung in ihrer angestammten Maske und in ihren Kostümen belässt und das Werk letztlich mit zwei gleichgeschlechtlichen Paaren auf der Bühne beendet wird.
Während Wiener Operetten seinerzeit in Spanien sehr wohl aufgeführt wurden, sind Zarzuelas im deutschsprachigen Raum bis heute weitgehend unbekannt, und man fragt sich weshalb. Nicht einmal der Publikumsliebling Plácido Domingo konnte das ändern, dessen Eltern einst einer Zarzuela-Truppe angehörten und dessen Versuche, dieses Genre auch außerhalb der spanischsprachigen Welt bekannt zu machen, weitgehend verpufft sind. Aber vielleicht gelingt Loy, was Domingo nicht vermochte: Angefixt von einer «Benamor»-Vorstellung vor fünf Jahren im Teatro de Zarzuela in Madrid (die auf Youtube zu streamen ist), wird Loy in ebendiesem Theater im Juni «El gato montés» (Die Wildkatze) von Manuel Penella inszenieren, nach «El barberillo de Lavapiés» (Der Barbier von Lavapiés) von Francisco Asenjo Barbieri in Basel im vergangenen September – vielleicht ein Anfang?
Nach der «Benamor»-Premiere am Theater an der Wien scheint es jedenfalls schwer vorstellbar, dass diese unterhaltsame Mischung aus penibel einstudiertem Spiel, Tanz, Revue und Operngesang im deutschsprachigen Raum keine Chance haben sollte. Ob man die beiden verbleibenden Zarzuelas aus Lunas „Orientalischen Trilogie“ in Wien erleben wird können? Die Zeit dafür wäre wohl reif.
«Benamor» – Pablo Luna
Theater an der Wien
Kritik der Premiere am 23. Januar
Termine: 27. Januar; 1./3./5./7. Februar
Zum Thema
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«Benamor»-Aufzeichnung vom 22. April 2021, Inszenierung: Enrique Viana, Dirigent: José Miguel Pérez-Sierra