Staatstheater Nürnberg
Himmlische Tochter im Tudor-Kleid
Eva, Judith, Medusa oder Königin Elisabeth: Die Geschichte des Geschlechterkonflikts ist so vielgestaltig wie die der Enthauptungen. In Kateryna Sokolovas Inszenierung fließt vieles davon in Giacomo Puccinis «Turandot» zusammen. Entsprechend aktionsreich geht es auf der Bühne zu
Stephan Schwarz-Peters • 26. Januar 2026
Drei sind die Rätsel, einer ist der Tod – und Turandot? Das sind ganz viele: Frauen in der Geschichte, die das Schicksal der Ehe eher erdulden, als dass sie Glück und Erfüllung in ihr finden. Wie der Inbegriff bürgerlich-gesellschaftlicher Ehemoral schiebt sich zu Beginn von Kateryna Sokolovas neuer Nürnberger «Turandot»-Inszenierung das 19. Jahrhundert ins Bild. Eine feine Hochzeitgesellschaft lässt Krinolinen rauschen, reckt drohend ihre Hochsteckfrisuren in den Himmel, nur wie das Echo aus einem chinesischen Märchen dringt das Gebimmel von Gongs und Xylophonen aus dem Orchestergraben. Schon bei den ersten Akkorden ist viel los auf der Staatstheaterbühne, die im Laufe des Abends noch häufiger den Eindruck machen wird, sie wäre zu klein, um das Aufgebot der Massen, die unüberschaubare Vielzahl der szenischen Aktionen, das viele Gerenne und Gerangel, die Parallelität der zeitlichen Epochen und ihrer Protagonisten zu fassen. Die ukrainische Regisseurin fordert den selektiven Blick heraus; schon früh verkneift man sich besser das allzu ausführliche Verweilen im Detail, zumal mit der ausdrucksstarken Tänzerin Stephanie Roser eine weitere Turandot-Inkarnation um permanente Aufmerksamkeit buhlt. Besser also, sich auf Grundsätzliches zu konzentrieren.
Zeitlicher Startpunkt der Handlung: die letzten Stunden vor Turandots Hochzeit, in denen die junge Braut in ihrer Fantasie mit historischen und mythischen Identifikationsfiguren verschmilzt, die sowohl ihre Sorgen und Ängste als auch konkrete Elemente der von Gozzi und Schiller geschaffenen Handlungsvorlage spiegeln. Da ist die biblische Judith, die Holofernes mit einem Schwert den Kopf absäbelt, das Vergewaltigungsopfer Medusa, das durch die Hand des Perseus ein ebensolches Schicksal erleidet, oder die englische Königin Elisabeth, unter deren Herrschaft das Henkersbeil gleichfalls keinen Beschäftigungsmangel zu leiden hatte. Im Gewand der „Virgin Queen“ steigt Turandot, erstmals singend, schließlich selbst auch als Quiz-Masterin in den Ring. Mit dem wie stets agilen, seine kurzen Einwürfe singschauspielerlisch perfekt platzierenden Hans Kittelmann an ihrer Seite (Kaiser Altoum als Henry VIII., eine weitere Berühmtheit unter den historischen Halsabschneidern), postiert sie sich dabei, umgeben von einer Bücherlandschaft, auf einem Schafott.
Subtil sind diese Anspielungen nicht gerade und tragen in ihrer seltsamen Mischung aus „allzu nahliegend“ und „an den Haaren herbeigezogen“ nur wenig Erhellendes bei. Genauso gut hätte sich Sokolova komplett für eine der von ihr bemühten Figuren (zu der sich später auch noch die paradiesische Eva gesellt) als Chiffre für Turandot entscheiden und die Handlung an ihr und in ihrem historischen Umfeld durchexerzieren können. Dass ihr dennoch immer wieder atmosphärisch dichte Momente gelingen, wie im Finale, das hier in einer nur moderat gekürzten Alfano-Fassung gespielt wird, oder in Liùs Sterbeszene, rettet die Inszenierung davor, unter ihrer Bedeutungslast zu ersticken.
Ausgesprochen prägnant und choreografiert stechen auch die Szenen der drei Minister Ping, Pang und Ping heraus, die Demian Matushevskyi, Sergei Nikolaev und Martin Platz nicht nur darstellerisch, sondern auch vokal in herzerfrischender Eintracht auf die Bühne bringen. Hier wurde ähnlich gefeilt wie am Klang des dauerbeschäftigten, bei allen geforderten Massenemotionen die richtige Tonlage, Lautstärke und Farbe treffenden Chor und Extrachor des Staatstheaters Nürnberg, einstudiert von Tarmo Vaask. Besonders durchsetzungsstark: der Kinderopernchor, mit dem der Chorleiter Philipp Roosz nicht nur sorgfältig am schönen Ton, sondern auch an der italienischen Diktion gearbeitet hat. Bravissimo!
Im Gegensatz zu jeder anderen weiblichen Puccini-Figur stellt sich bei Turandot nicht die Frage, ob sie einem sympathisch ist oder nicht. Abgesehen von ihrer (stereo-)typenhaften Herkunft aus der Commedia dell’arte-Welt Carlo Gozzis bleibt sie als Prinzessin, als gesellschaftlich entrückte „Tochter des Himmels“, immer Märchenwesen, das erst durch die Musik zum echten Menschen wird. Emily Newton, die schon seit Beginn der Intendanz von Jens-Daniel Herzog als „Sopran für alle Fälle“ das Nürnberger Ensemble rockt, weiß sich wahrlich mit einem Gürtel aus Eis zu umgeben. Kein Schmerz, kein Trauma, keinerlei emotionale Regung dringt aus dem Inneren dieses Panzers heraus, auch wenn die Worte davon erzählen. Jeder Ton bleibt derart unter Kontrolle, dass man selbst das gewohnte Timbre dieser sonst so überschwänglichen und mitreißenden Sängerin kaum wiedererkennen möchte. Das straft einerseits die Panik der durch ihre anstehende Hochzeit so verunsicherten Ausgangs-Turandot Lügen; andererseits passt es perfekt zu der sich jeden privaten Gefühls enthaltenden „Kopf-ab“-Königin im Tudor-Kleid, die nach der verpatzten Rätselrunde nun ihrerseits vor einem Rätsel steht.
Nicht nur als Ratefuchs, auch durch seine vokalen Vorzüge schlägt sich Ragaa Eldin als Calàf darin prächtig: ein sehr schöner, sehr italienischer Tenor mit eher sanft strahlenden als metallisch dröhnenden Trompetentönen und lyrischer Note, der seine darstellerische Begabung weniger im schauspielerischen als im stimmlichen Bereich entfaltet. Sein „Nessun dorma“ kann sich auch an größeren Häusern hören lassen und dient ideal zur Enteisung von Emily Newtons tiefgefrorener Turandot, die an der Seite ihres neu gewonnenen schließlich und rollengemäß doch noch zu herzerwärmender Emphase findet. Vielschichtig schon in ihrer ersten Szene: Chloë Morgan, vom stürmischen Schlussapplaus sichtlich überwältigt, die als Liù nicht in süßlicher Demutshaltung verweilt, sondern mit herber Note zugleich auch die Erfahrungen einer trotz Jugend durch zahlreiche Lebenshärten geprägten Frau anklingen lässt. Mit seiner anrührenden Darstellung des blinden Timur bildet Taras Konoshchenko den überzeugenden Gegenpart zu dieser Figur.
Am Dirigentenpult setzt Jan Croonenbroeck, seit vorletzter Saison Erster Kapellmeister am Nürnberger Haus, vor allem auf den Breitwandeffekt. Das führt die bekanntermaßen heiklen akustischen Gegebenheiten bisweilen stark an die Belastungsgrenze, und was den zahlreichen Überwältigungsattacken von Puccinis Partitur zugutekommt, sorgt an Stellen wie der grandiosen Mondaufgangsszene im ersten Akt dafür, dass die delikateren Aspekte dieser Musik etwas unterbelichtet bleiben. Andererseits korrespondiert der klangliche Bombast gut mit der Aktionsdichte auf der Bühne – und was könnte besser zum frenetischen Publikumsapplaus überleiten als ein derart steil ansteigendes Crescendo, wie es der junge Dirigent am Ende serviert?
«Turandot» – Giacomo Puccini
Staatstheater Nürnberg · Opernhaus
Kritik der Premiere am 24. Januar
Termine: 27./30. Januar; 1./8./15./23./25./27. Februar; 5. März
Zum Thema
OPE[R]NTHEK / STAATSTHEATER NÜRNBERG
Aus der Sicht von Turandot. - von: Kateryna Sokolova, in: Turandot, Oper von Giacomo Puccini, Staatstheater Nürnberg, Saison 2025/26 [Programmheft]