Universität Mozarteum Salzburg
Humanes Pamphlet und emotionale Reportage
Deutlich und subtil zeigt eine Produktion von Brittens «The Rape of Lucretia» das perfide Drangsal eines patriarchalen Systems mit Druck auf frauliches Sein oder Nicht-Sein
Roland H. Dippel • 28. Januar 2026
Einige Opern aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ereilt der Vorwurf der Langeweile zu Unrecht, unter ihnen einiges aus der Nicht-mehr-Spätromantik und Nicht-radikalen-Avantgarde. Zu diesen gehört Benjamin Brittens zwischen dem Fast-Repertoirestück «Peter Grimes» und der verräterischen Komödie «Albert Herring» nach den traumatisierenden Erlebnissen im Zweiten Weltkrieg entstandene Kammeroper «The Rape of Lucretia». Zu Unrecht kommt das 1946 in Glyndebourne erstmals erklungene Opus an Hochschulen wie der Universität der Künste Berlin oder Montclair eher zur Aufführung als an regulären Häusern. Dabei birst die 105-Minuten-Partitur bei intelligenten Produktionen durch eine mitreißende Steigerung vor appellativer und affektiver Spannung. Zugleich ist «Die Schändung der Lucretia» mit acht Solopartien und Kammerorchester ohne Chor ein ideales Hochschulstück. Unter Beweis gestellt jetzt von den Departments für Oper & Musiktheater in Kooperation mit den Departments für Gesang und Szenografie an der Universität Mozarteum – eine ernstzunehmende Alternative zu Rolando Villazóns «Zauberflöte» in der parallel stattfinden 70. Mozartwoche.
Alexander von Pfeil forderte die Studierenden in seiner szenischen Leitung heraus – mit immenser Genauigkeit, ohne peinigende Betroffenheitsgesten sowie einer hinterfragenden und gerade deshalb emotionalen Haltung. Das Kernthema sind sexuelle Untaten an Frauen, welche im langen 19. Jahrhundert zu oft dargestellt, aber im gesellschaftlichen Überbau kaum kritisiert wurden: „Es bedarf einer kritischen Aufarbeitung dieser Mythen, weshalb die Analyse kanonischer Opernwerke zugleich den Anspruch trägt, diese tradierten Vorstellungen zu hinterfragen und neu zu reflektieren“, fordert Rebecca Raitz in ihrem Originalbeitrag für das Programmheft. Warum muss Lucretia, die vom altrömischen Usurpator Tarquinius Superbus vergewaltigt wird, das als eigene Sünde anprangern? Und warum kann sie sich nicht als schuldloses Opfer betrachten? Lucretias Selbstmord durch einen Dolch ist ein Topos der europäischen Kunst. Mit der phallisch deutbaren Geste des tödlichen Stoßes erfolgt Sühne, Reinigung der Ehre und der Appell zur Rache an Lucretias Ehemann Collatinus – gegen den skrupellosen Tyrannen Tarquinius und für den Wandel Roms von der Monarchie zur Republik.
Diese Präambel muss sein. Denn den jungen Menschen auf der Bühne und dem mit Virtuosität agierenden Kammerorchester der Universität Mozarteum unter Gernot Sahler gelingt eine fesselnde, brisante und emotionale Aufführung der eher moderat als mit großer Pranke komponierten Partitur. Einzig lässlicher Einwand könnte das Frauenterzett treffen, weil es im zweiten Bild nicht ganz makellos zusammenkam. Ähnliches geschieht auch an den besten Häusern und schmälert den fulminanten Eindruck nicht. Viel wichtiger ist, dass Lucretias Dilemma, die sich gegen die Schändung und innere Anfechtungen wehrt und sich dennoch alle Schuld aufbürdet, durch Lurda Bukau intensiv aufblüht. Ihr teilte Britten erst „nur“ Deklamatorisches zu. Gegen Ende wächst Bukau zu großer Eindringlichkeit. Lucretia stirbt hier nicht von eigener Hand, sondern treibt ihren Leib in den Dolch in der Hand ihres Ehemanns Collatinus. Das verdeutlicht unmissverständlich die perfiden Drangsale männlicher Bestimmungsgewalt über frauliches Sein oder Nicht-Sein. Ronald Duncans Libretto nach dem Schauspiel „Le viol de Lucrèce“ von André Obey verpackt zynische Infamität hinter einer grundweg falschen Prophetie. Denn die beiden Prolog-Figuren ersehnen eine zukünftige Moraldimension durch die allerheiligste Jungfrau Maria. Dabei wurden patriarchale Druckmechanismen durch die Trösterin und Fürsprecherin in der konfessionellen Dogmatik über Jahrtausende nur anders kanalisiert, aber keinesfalls überwunden.
Alles vollzieht sich in einer überaus exakten Personenführung der leisen Gesten und subtilen Details. Alexander von Pfeil vermittelt, wie man mit sensitivem Spiel mehr ausdrückt als durch gespreizte Grandiosität. Dabei ist die personelle Leitungsausstattung der Universität Mozarteum großzügig: Neben Jurij Kowol (Dramaturgie), Antonia Pumberger (Szenische Assistenz), Ulfried Kirschhofer (Kampfszenen-Coaching) und Esther Michel-Spraggett (Sprach-Coaching) kam man für das neben #MeToo überaus heikle Sujet bestens miteinander aus und verzichtete auf die spezielle Setzung eines eigenen Cast-Moduls für Intimitätskoordination.
Die in Brittens Vertonung über längere Zeit getrennten Frauen- und Männergruppen versetzt die Bühnenbildnerin Lena Matterne in Räume zwischen Fächer, die sich um eine Mittelsäule drehen. Theresa Staindle evoziert Zeitlosigkeit aus stilisierten Gegenwartsschnitten in Erdfarben für die Männer und fließende Kleider. Raumöffnungen und -verengungen ereignen sich durch die intelligente Licht-Dramaturgie von Anna Ramsauer.
Alle Singenden sind über das ganz leichte Fach hinaus und kommen im akustisch vorteilhaften Max Schlereth Saal problemlos über die im zweiten Akt verdichteten Forte-Flächen. Vom Korrepetionsteam wurde eine feingeschliffene Text- und Gestenarbeit mit dem für Britten unerlässlichen Nuancenreichtum vorbereitet. Für sechs Partien sind Doppelbesetzungen vorgesehen. Samuel Pörnbacher ist ein baumhoher Verführer mit durchaus hypnotischer Virilität hinter den markanten Kraftsprüchen, Xuanbo Li ein samtener und in der Liebe zu Lucretia etwas glatter Gatte Collatinus, Joseph Breslau ein attraktiver Stichwortgeber Junius. Erika Henriques als Bianca und Sujin Kim als Lucia könnten zum Beispiel als Wagners Rheintöchter überall reüssieren. Spezifikum von Brittens Oper sind die beiden Handlung und Moralüberbau kommentierenden Prolog-Figuren. Sofia Levina beeindruckt, verliert jedoch zwangsläufig an Bedeutung neben dem die Herausforderung annehmenden und optimal realisierenden Ilyà Dovnar. Der Tenor-Prologist ist eine frühe Charakterpartie Brittens für Peter Pears. Dovnar singt und akzentuiert ausgezeichnet, dazu mit intelligenter Emphase. Seine Leistung krönt die sensitive Produktion und eine intelligentem Umgang mit Brittens Kritik an tödlichem Machtmissbrauch und toxischer Anmaßung.
«The Rape of Lucretia» – Benjamin Britten
Universität Mozarteum Salzburg · Max Schlereth Saal
Kritik der Generalprobe am 23. Januar
Termine: 27./30. Januar; 1. Februar
Alternative Besetzungen: Achim Schurig (Male Chorus), Dorka Denke (Female Chorus),
Danny Leite (Collatinus), Johanna Zeitlhöfler (Lucretia), Emma Kindinger (Lucia)