Hessisches Staatstheater Wiesbaden
Zum Schmelzen schön
Wer bei den Vorankündigungstexten an Eigenmacht und Bildersturm dachte, lag falsch. Das Wiesbadener «Schneeflöckchen» ist tontypisch und bildgewaltig zur echten Trouvaille geraten
Daniela Klotz • 29. Januar 2026
«Schneeflöckchen» ist großjährig geworden. Wohlbehütet wächst das ganz entzückend von Josefine Mindus gesungene Mädchen bei Vater Frost in Eiseskälte auf, dem wie immer stimmstarken Young Doo Park (der auch den Bermjata gibt). Nichts ahnt es vom Unheil, das seine schiere Existenz über die Welt gebracht hat. Denn seit Vater Frost und Mutter Frühling, Camille Sherman in Bestform, Schneeflöckchen im Lauf einer kurzen heftigen Affäre zeugten, versagt der Sonnengott Jarila der Erde Wärme und Licht. Die Winter werden immer länger, die Menschen beten einen Reaktor an, der ihnen immerhin ein wenig Wärme schenkt. Doch gerade zu ihnen, den wärmebedürftigen und zur Wärme fähigen Menschen zieht es Schneeflöckchen.
Der schöne Lel, ihr charismatischer Anführer in wahrhaft schamanisch-magischer Manier (Fleuranne Brockway), hat es dem fragilen Kind angetan. Schweren Herzens lassen Vater und Mutter ihr Mädchen ziehen und bei Sascha Zarrabi als Bobyl und Aistė Benkauskaitė als Bobylicka aufwachsen. Und so nimmt eine Geschichte ihren Lauf, die alt ist wie die Welt – der Wechsel der Jahreszeiten, der immer wieder aufs Neue das Opfer des Alten, Kalten zugunsten des neu erwachenden Lebens fordert, fordert hier die Korrektur der Liebe, die nicht sein durfte in der Liebe, die nicht möglich ist. Denn Schneeflöckchen wird schmelzen sobald sie lieben kann. Lieben möchte sie ja. Doch im Gegensatz zu Alyona Rostovskaya, die als Kupawa im Grunde dem Erstbesten, der ihr in den Weg kommt, ihr Herz schenkt, muss Schneeflöckchen erst lernen, was Liebe, was Wärme ist. Jaeyoung Ha ist ihr als Misgir sofort verfallen und verlässt Kupawa umstandslos – nur, um am Ende mit Schneeflöckchen in den Kreislauf des Lebens einzugehen.
Regisseur Maxim Didenko hat tief gegraben, um Mythologie und Geologie auf der Bühne zu einer allweisen Geschichte zu verbinden. In seiner von Galya Solodovnikova ausgestatteten und von den Videoprojektionen Oleg Mikhailovs ins unendliche getragenen Eiswelt sind Vater Frost und Mutter Frühling Forscher, die versuchen zu retten, was sie nicht retten können. Wohl sind sie sich bewusst, dass sie all die Kälte verursacht haben. Wohl sind die Sonnenstrahlen, die am Ende endlich auf die Erde treffen, von giftigem Verderben verheißendem Gelb. Doch ihr Kind opfert Mutter Frühling dieser dystopischen Vorahnung ungeachtet erst auf dessen innigsten Wunsch. Göttliche Wesen sind halt auch nur Menschen. Selbst in der Eiseskälte, die laut Lesart der Regie ausgerechnet aus der Erderwärmung entsteht. Kommt durch die Gletscherschmelze nämlich zu viel Süßwasser in den Golfstrom, verlangsamt der sich, was zu einer neuen Eiszeit führen könnte. Der Situation eben, in der Didenko sein Szenario ansetzt.
Mit diesem von Dramaturgin Hanna Kneißler übermittelten Wissen im Hinterkopf wird das Wiesbadener «Schneeflöckchen» zu einer Art Achterbahnschlittenfahrt. In den hochpoetischen Bühnen- und Kostümbildern finden sich nämlich weder Didaktik noch erhobene Zeigefinger. Die ganze Geschichte ist eher vollauf organisch, wenn der Beziehungsstreit der Jahreszeiten auf die Bedürfniswelt der Menschen trifft. Die Musik zeichnet vor, was der Bühne vorenthalten bleibt: Frühlingsstimmen, Vogelgezwitscher, Leben. GMD Leo McFall leitet das hessische Staatsorchester Wiesbaden bestens durch die wörtlich zurück in die Zukunft weisende Musik Rimski-Korsakows. Der Komponist gehörte der russischen „Gruppe der Fünf“ an, die ihre musikästhetischen Wurzeln in der Volksmusik hatte und Werken wie Strawinskys „Frühlingsopfer“ den Weg bereitete. Die Musik zeichnet, was die Bühne nicht haben kann – erst das Selbstopfer aus Liebe ermöglicht das Erwachen zu neuem Leben.
Großes Kino sozusagen, getragen von großen Stimmen. Komplett aus dem eigenen Ensemble besetzt zeigt das Staatstheater Wiesbaden hier, was es kann. Großartig ist der von Aymeric Catalano einstudierte Chor, dessen „Rolle“ im Geschehen durch Tanzeinlagen (Choreografie Sofia Pintzou und Alexander Fend) verstärkt wird. Es kommt also zum Bühnengeschehen und zur Musik noch ein Drittes hinzu, das diesen Jahreszeitenmythos auf einer weiteren Ebene fortspinnt. Szenisch changiert das Ganze zwischen russisch-asiatisch-finnisch anmutender Folklore und eine Art künftiger Archaik. Der Kreis als Symbol für den Lebenslauf, die Erde, die Sonne findet sich immer wieder. Unaufgeregt wurden sogar die misslichen Umstände des täglichen Lebens in die Inszenierung integriert: Fleuranne Brockway hatte sich offensichtlich verletzt – Lel, der schamanisch erscheinende Frühlingsgott bekam so mit dem Auftritt an Gehhilfen eine Wendung, die ausgezeichnet zu der Idee passt, dass in dieser Geschichte im Grunde nichts ist wie es scheint.
Oder gerade genauso. Denn, selbst, wenn sich kaum jemand erinnert, wie es war, als Eisblumen noch die Fenster zierten, ist uns allen klar, dass eine Schneeflocke Kälte braucht, die Natur aber den Wechsel der Jahreszeiten. Schneeflöckchen, das Kind von Frost und Frühling, muss also dahinscheiden, wird aber im kommenden Winter zu neuem Leben erwachen. Der einhellig umjubelten Inszenierung sei zu wünschen, dass auch sie eine nächste Spielzeit erlebt.
«Schneeflöckchen» – Nikolai Rimski-Korsakow
Staatstheater Wiesbaden · Großes Haus
Kritik der Premiere am 24. Januar
Termine: 30. Januar; 14./26. Februar; 22. März