Oper Frankfurt

Auf der grünen Wiese

Steffani-Expeditionen nehmen Fahrt auf: Jetzt entdeckt der Bestattungsort des Komponisten und Politikers dessen Vergil-Adaption über die Ankunft des Aeneas in Italien

Albert Gier • 29. Januar 2026

Constantin Zimmermann als Coralto trägt Giuturna (Daniela Zib) fort, die er für Lavinia hält © Matthias Baus

Einmal mehr erfreut uns die Oper Frankfurt mit einer Rarität aus der Zeit des Barock: Agostino Steffani, „ein unglaublich origineller Komponist mit einer außergewöhnlichen Fähigkeit, verschiedene musikalische Stile miteinander zu verbinden“, so der Dirigent Václav Luks, wartet noch auf seine Wiederentdeckung (obwohl auch das Theater Heidelberg beim „Barockfest Winter in Schwetzingen“ im letzten Jahr seine Oper «La libertà contenta» und die Musikfestspiele Potsdam Sanssouci «Orlando generoso» präsentiert hat). Davon, dass seine Musik von außergewöhnlich melodischer Schönheit ist, kann man sich jetzt in Frankfurt überzeugen.

Agostino Steffani (1654-1728) ist weit herumgekommen: Er wurde in Castelfranco bei Venedig geboren, wirkte als Kapellmeister und Komponist an den Höfen in München, Hannover und Düsseldorf, wurde von den Fürsten aber auch oft mit diplomatischen Missionen betraut, die ihn zu vielen Reisen zwangen. Sogar der Papst nutzte seine diplomatischen und administrativen Fähigkeiten. Steffani war Priester, ab 1706 Titularbischof von Spiga im osmanischen Reich und ab 1709 Apostolischer Vikar für den Norden Deutschlands. Seine vielen Verpflichtungen ließen ihm nach 1700 kaum noch Zeit zum Komponieren: Von 1681 bis 1695 entstanden fünfzehn Opern (oder sechzehn – in einem Fall ist die Urheberschaft unklar), nach 1700 nur noch zwei. Am fruchtbarsten war seine Zeit in Hannover, wo Steffani zwischen 1689 und 1695 neun Bühnenwerke (oder zehn?) komponierte, immer auf Libretti des Hofdichters Ortensio Mauro. Nach Frankfurt am Main haben ihn seine diplomatischen Missionen offenbar nicht geführt, dennoch liegt er im Dom begraben: Auf der Durchreise nach Italien, wo er sich zur Ruhe setzen wollte, erlag er am 12. Februar 1728 einem Schlaganfall.

Es war also höchste Zeit, dass die Oper Frankfurt eines seiner Werke auf den Spielplan setzte: Die Wahl fiel auf «Amor vien dal destino» (etwas frei übersetzt: «Liebe ist Schicksal») – 1694 in Hannover komponiert, dort aber nicht aufgeführt: Bei näherer Betrachtung erschien der Stoff wegen der Parallelen zu einem Skandal, der in derselben Zeit für Aufsehen sorgte, offenbar zu heikel. Die Uraufführung fand erst 1709 in Düsseldorf statt.

Liebe nach göttlicher Bestimmung: Michael Porter (Enea) und Margherita Maria Sala (Lavinia) © Matthias Baus

Vorlage ist die Geschichte von Aeneas und seiner zweiten Frau Lavinia in der „Aeneis“ Vergils, die heute weit weniger bekannt ist als die unglückliche Liebe zwischen dem Trojaner und der Königin Dido: Lavinia war mit dem Rutulerfürsten Turnus verlobt, aber ein prophetischer Traum zeigt ihr im Libretto Aeneas als den ihr bestimmten Gatten, der seinerseits Lavinia im Traum gesehen hat. Bei Vergil wird Turnus zuletzt von Aeneas erschlagen. Die Oper endet wie üblich mit einem glücklichem Ende: Aeneas kriegt Lavinia, Turnus wird mit ihrer Schwester Giuturna abgefunden (in der „Aeneis“ ist Iuturna die Schwester des Turnus!).

Das Bühnenbild (Anna-Sofia Kirsch) zeigt in Frankfurt eine weite Rasenfläche, eine „Spielwiese“ für die Figuren und ihre Gefühle. Es gibt keinerlei Mobiliar, auch keine Türen. Der Hintergrund ist dunkel. Nach der Pause flackert in versenkten Schalen offenes Feuer. Die Kostüme (Katrin Lea Tag) sind mehr oder weniger zeitlos, Verweise auf die Entstehungszeit der Oper (die goldbestickte Weste des Turnus!) werden sehr sparsam gesetzt. Nur Jupiter (Giove) wirkt im Prolog mit seiner Perücke à la Louis XIV und dem Federschmuck auf seiner Krone wie ein Zitat aus der zeitgenössischen französischen Tragédie lyrique. Regisseur R.B. Schlather stellte kategorisch fest: „Diese Figuren haben mit dem Leben hier draußen nichts zu tun“. Er sagte aber auch: „Ich höre in «Amor vien dal destino» großen Witz, Düsternis, Intensität, Absurdität, Fantasie, Tiefgang, Verwirrung, Sinnlichkeit und Leidenschaft.“ Die Regie lässt den Sängern viel Raum zur Entfaltung, den nicht nur die Darsteller der Hauptrollen, sondern auch die beiden komischen Nebenfiguren optimal zu nutzen verstehen.

Unter der kundigen Leitung des Alte Musik-Spezialisten Václav Luks spielt das Orchester klangschön und konzentriert, mit etlichen eher selten zu hörenden Instrumenten wie Hackbrett, Zimbeln, Barockoboen und gleich vier Chalumeaux. Gesungen wird durchweg hervorragend. Wäre die Oper 1694 in Hannover zur Uraufführung gekommen, dann hätte sie „Il Turno“ geheißen – mit vollem Recht, obwohl der Rutulerfürst im Kampf um Lavinia zweiter Sieger ist: Was Steffani ihm an Koloraturen abverlangt, und was die Mezzosopranistin Karolina Makula mit virtuoser Leichtigkeit meistert, ist atemberaubend. – Die Arien der Lavinia sind ein bisschen weniger spektakulär, mehr Gefühlsausdruck als Raserei, Margherita Maria Sala (welcher andere italienische Komponist dieser Zeit hat die weibliche Hauptrolle einer Oper für eine Altistin geschrieben?) gestaltet sie wunderbar. – Der Tenor Michael Porter als Enea hat es, so schön er auch singt, etwas schwer, was ausnahmsweise die Schuld des Librettisten ist: Mauro hat ihn, anders als die Damen, ein bisschen blass gezeichnet; und wenn er seine Liebe so ungeschickt gesteht, dass Lavinia annehmen muss, er spräche von einer anderen, kommt einem die brave Hamburger Hausfrau in den Sinn, die nach einer Aufführung von „Kabale und Liebeseufzte: „Gott, was für Missvers-tändnisse!“ (sic).

Giove (Constantin Zimmermann) liebt viel und lässt lieben © Matthias Baus

Die junge Sopranistin Daniela Zib, Mitglied des Frankfurter Opernstudios, singt als Venus im Prolog sehr schön die Arie, in der die besorgte Mutter Jupiter anfleht, Eneas Leiden endlich zu beenden. Danach kann sie als Giuturna wesentlich mehr Temperament zeigen, und auch das gelingt ihr hervorragend. Hier bereitet sich vielleicht eine große Karriere vor. Constantin Zimmermann als Jupiter (im Prolog) ist der einzige Countertenor (eine einzige Kastratenpartie in einer Oper aus dieser Zeit ist höchst ungewöhnlich). Der Regisseur sagt völlig zu Recht: „Ich kann nicht anders, als ihn als eine etwas lächerliche Figur darzustellen“.

Als Coralto, der Hauptmann des Turnus, darf er sich dann Giuturna, die er für Lavinia hält, über die Schulter werfen und fortschleppen. Der Bass Thomas Faulkner gestaltet die Partie des Latino einfühlsam. Der Vater der beiden Mädchen tut einem leid. Weil er Lavinia Turnus versprochen hat, steckt er in einer Zwickmühle und sieht keinen Ausweg. Die beiden komischen Partien (die Libretto-Reform der 1690 in Rom gegründeten Accademia dell’Arcadia wird komische Rollen in ernsten Opern wenig später zum Verschwinden bringen) verkörpern der Tenor Theo Lebow in der Rockrolle von Lavinias Amme Nicea und der Bassbariton Pete Thanapat als Corebo. Beide geben ihrem Affen reichlich Zucker und machen viel Vergnügen. Thanapat hat außerdem einen kurzen Auftritt als Latinos Vater Fauno. Die Frankfurter Produktion ist rundum gelungen und macht neugierig auf mehr von Agostino Steffani.

 

«Amor vien dal destino» – Agostino Steffani
Oper Frankfurt · Opernhaus

Kritik der Premiere am 25. Januar 2026
Termine: 30. Januar; 5./7./15./18./20./28. Februar 2026

 

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