Semperoper Dresden
Ein „Amen“ aus Stahl
Die Dresdner Erstaufführung von Poulencs «Gespräche der Karmelitinnen» mit Marjukka Tepponen und Evelyn Herlitzius entfaltet eine Eindringlichkeit von seltener Konsequenz
Willi Patzelt • 02. Februar 2026
Ein letztes Gebet. „… in saecula saeculorum“ – bis in alle Ewigkeit. Mit einem „Amen“ antwortet nur die Guillotine. Noch ein paar fahle Klänge aus dem Orchestergraben, ein hartes Pizzicato in c-Moll. Dann Dunkel, eine zu kurze Stille – Applaus. Der Schluss von Francis Poulencs «Gespräche der Karmelitinnen» entzieht sich selbst den Boden – und dem Premierenpublikum in der Semperoper Dresden ebenso. Was hier zuvor knapp drei Stunden lang an szenischer und musikalischer Intensität entfaltet wurde, wirkt lange nach.
Es ist das erste Mal überhaupt, dass Poulencs Oper an der Semperoper zu erleben ist. Entstanden Mitte der 1950er Jahre, erzählt das Werk die Geschichte der Karmelitinnen von Compiègne, die während der Französischen Revolution verhaftet und hingerichtet wurden. Im Zentrum steht Blanche de la Force, eine junge Frau aus adligem Haus, die seit ihrer Kindheit von Todesangst beherrscht wird und im Eintritt in den Karmel Schutz sucht. Im Zusammenleben mit den Schwestern – insbesondere mit der lebensfrohen Sœur Constance – und im Miterleben des qualvollen Todes der alten Priorin verändert sich Blanches Verhältnis zu ihrer Angst. Ihr Bruder bittet sie eindringlich, das Kloster zu verlassen und in Sicherheit zu gehen. Blanche weigert sich. Erst nach der Auflösung des Konvents verlässt sie die Gemeinschaft heimlich. Die übrigen Nonnen legen das Gelübde ab, gemeinsam den Märtyrertod zu erleiden. Fünfzehnmal fällt das Fallbeil. Dann, doch wieder zurückgekehrt, steigt auch noch Blanche als letzte aufs Schafott.
Die Inszenierung von Jetske Mijnssen, aus dem Opernhaus Zürich übernommen, bleibt konsequent in einem einzigen Raum. Ein klar gefasster Bühnenkasten mit austauschbaren Paneelen bestimmt den Abend und verschiebt von Bild zu Bild den Bedeutungsrahmen. Bühnenbildner Ben Baur entwirft keinen realistischen Ort, sondern einen symbolischen Deutungsraum, der als Projektionsfläche für Blanches Innenwelt fungiert. Die Personenregie bleibt präzise und zurückhaltend – auf psychologisierende Zuspitzungen wird verzichtet. Gerade daraus gewinnt die Erzählung ihre Stringenz.
Bemerkenswert ist, wie sehr das Bedrohliche dieses Abends im Impliziten bleibt. Die Revolution wird nicht ausgestellt, nicht bebildert – und ist gerade deshalb ständig präsent. Sie wirkt als stummer Druck, der den Raum verengt und Entscheidungen erzwingt. Im Schlussbild treten die Schwestern nacheinander vor und verwischen ihre mit Kohle an die Wand geschriebenen Namen. Dass dieses Ende nicht auf erlösendes Vollformat inszeniert wird, sondern im Impliziten bleibt, ist ungeheuer bildstark.
Und gewissermaßen implizit ist auch Poulencs Musik. Sie sucht selten den großen opernhaften Ausbruch; ihre Spannung entsteht aus Zurücknahme und Verdichtung. Unter der Leitung von Marie Jacquot findet die Staatskapelle Dresden insgesamt einen stimmigen Zugriff auf diese im besten Sinne fragile Tonsprache, auch wenn einiges an diesem Abend im Graben etwas zu laut gerät. Dass dabei vor allem die Holzbläser häufig intonatorisch daneben liegen, ist ungewöhnlich für die Kapelle. Die tourt aber parallel auch noch in Südkorea.
Auf der Bühne hingegen wird hier voll aufgefahren: das Sängerensemble – zum allergrößten Teil ein Sängerinnenensemble – ist fein austariert und findet in einer farbigen Vielfalt unterschiedlicher Stimmen zu einer geschlossenen Gesamtwirkung. Den Maßstab setzt Evelyn Herlitzius als Madame de Croissy. Ihrer große Sterbeszene im ersten Akt kann man sich nicht entziehen: Mit enormer Präsenz, großer Durchschlagskraft gestaltet sie den Tod der Priorin als existenzielles Ringen, ohne je ins Forcieren zu kippen.
Blanche, die Hauptfigur, erhält in Marjukka Tepponen eine stimmlich ausgewogene Gestalt. Ihr Sopran verfügt über ausreichend Volumen, bleibt flexibel und strahlt in der Höhe sicher. Rosalia Cid gibt der Sœur Constance mit hell-stimmschön, leicht geführtem Sopran eine scheinbar mühelose Unbekümmertheit, die nie ins Naive kippt und im Verlauf des Abends an stiller Tiefe gewinnt. Sinéad Campbell Wallace verleiht Madame Lidoine ruhige, unaufgeregte Autorität; ihre warme, ausgeglichene Stimmführung schafft Halt in einer Situation wachsender Bedrohung. Julie Boulianne zeichnet Mère Marie mit festem, konzentriertem Ton als Figur innerer Strenge und unbeirrbarer Konsequenz.
Am Ende steht die Erfahrung, dass Oper noch immer unmittelbar treffen kann. Ohne Pathos, ohne Überwältigungsästhetik, ohne falsche Erlösung. Diese «Gespräche der Karmelitinnen» setzen auf Konzentration, auf innere Konsequenz, auf die stille Gewalt der Situation. Szene, Musik und Ensemble greifen ineinander und entfalten eine Wirkung, die nicht laut werden muss, um nachhaltig zu sein. Große Oper ist Oper, die das Publikum trifft und betrifft. An der Dresdner Semperoper gelingt hier genau das.
«Dialogues des Carmélites» (Gespräche der Karmelitinnen) – Francis Poulenc
Semperoper Dresden
Kritik der Premiere am 31. Januar
Termine: 8./12./15./20./23. Februar