Theater Regensburg
Glanz im Reitstadel
In Joseph Beers Operette «Polnische Hochzeit» zündet fast jede Nummer wie ein Ohrwurm, Regisseur Ronny Scholz und Dirigent Andreas Kowalewitz setzen auf Tempo
Klaus Kalchschmid • 09. Februar 2026
Was wäre aus der Welt der Operette geworden, wenn die beiden Bühnenwerke des 25- und 29-jährigen Joseph Beer, in Zürich 1934 («Der Prinz von Schiras») und 1937 («Polnische Hochzeit») uraufgeführt, der Beginn einer großen Karriere geworden und nicht schon das Ende wären? Denn der Jude Joseph Beer musste emigrieren – zunächst nach Paris. Als die Flucht weder in die USA noch nach England gelang, blieb er in Nizza, wo er 1987 starb. Da war sein drittes Musiktheaterwerk «Stradella in Venedig» schon lange uraufgeführt, 1940, wieder in Zürich.
Das Theater Regensburg – bald Staatstheater – hatte großen Erfolg mit der deutschen Erstaufführung des famosen «Prinzen von Schiras», der soeben auf beim Label cpo auf CD herauskam, und legte jetzt nach. Seinerzeit an über 40 Bühnen gespielt, war «Polnische Hochzeit» bis zu Produktionen in Wien 2012 und Graz 2018, dort inszeniert vom amtierenden Regensburger Intendanten Sebastian Ritschel, vergessen. Wieder verblüfft die Verschmelzung von Pariser, Wiener und Berliner Operette mit vorausschauendem Blick in Richtung Musical, sowie die teils eigenwillige, farbige Instrumentation mit Saxofonen, Banjo oder Celesta, aber auch die Vermischung von großen Duetten und Chören mit schmissiger Tanzmusik und jazzigen Intermezzi. Manches klingt auch schon nach den großen Tonfilm-Schlagern der 1940er Jahre. Dass fast jede Nummer wie ein Ohrwurm zündet, löst im Publikum schon bald große Begeisterung mit viel Zwischenapplaus aus. Die Tanzcompany des Theaters Regensburg leistet in der Choreografie von Gabriel Pitoni wieder Außerordentliches. Sie agiert so originell wie temporeich und präzise. Auch die Sängerinnen und Sänger können sich bis in die kleinen Partien hinein allesamt hören und sehen lassen, oft geschickt in das Ballett integriert.
Die Handlung kreist um Graf Boleslav Zagorsky (Carlos Moreno Pelizari), einen Freiheitskämpfer im 19. Jahrhundert im Widerstand gegen russische Fremdherrschaft. Er kommt inkognito auf den Hof von Suza (mit enormer Bühnenpräsenz und durchschlagskräftigem Mezzo: Rahel Brede) an der Seite von Casimir (ein Stenz mit kultiviertem Bariton: Benedikt Eder), um seine Jugendliebe Jadja (Sophie Bareis) zu heiraten. Das gelingt ihm schlussendlich. Bareis und Pelizari sind ein feines Paar, ganz in Blau gekleidet und mit den schönsten Melodien ausgestattet. Er glänzt mit reichem Timbre tenoral, sie briliert mit leuchtenden Sopran-Spitzen. Alte Schuldscheine gilt es zu löschen und neues Geld zu akquirieren: Ursprünglich plante Gutsbesitzer Baron Mietek Oginsky (fast eine komische Rolle für den altgedienten Seymur Karimov) die Heirat seiner Tochter Jadja aus handfest monitären Gründen mit dem reichen Grafen Staschek. Alexander Franzen ist in letzter Minute für Jakob Hoffmann eingesprungen und hat und deshalb gelegentlich den Klavierauszug neben sich oder in der Hand. Trotzdem liefert er eine reife, vom begeisterten Publikum entsprechend gewürdigte Leistung. Doch Suza hat es so eingefädelt, dass er, der schon sechsmal verheiratet war, sie selbst, unter dem Schleier versteckt, heiratet. Als sie ihm schon in der Hochzeitsnacht die Hölle heißmacht, fleht Staschek um Aufhebung der Ehe. So kann Boleslav sein Erbe antreten und Jadja heiraten. Ende gut, alles gut. Aber am Ende steht ein melancholisches Couplet Stascheks.
Die (Dreh-)Bühne von Barbara B. Blaschke, eine Art Reitstadel aus Brettern, ist für den ersten Akt ein Stall, in dem die Hinterteile von schwanzwedelnden Kühen auf die Bühne ragen, oder ein eleganter Salon mit entsprechend drapierten Vorhängen für die zwei folgenden Akte. Entsprechend vielfältig beleuchtet Maximilian Spielvogel immer wieder neue Räume. In diesen kommen die ironisch angehauchten Kostüme, ebenfalls von Barbara Blaschke, einmal schwarz geflecktes Kuh-Muster oder gelber Lack und Leder für die Tänzer – gut zur Geltung.
Regisseur Ronny Scholz wie Dirigent Andreas Kowalewitz setzen auf Tempo. Beide sorgen dafür, dass keine Sekunde Langeweile aufkommt und die Qualitäten des Werks voll zur Geltung kommen. Einzig die Neufassung der Dialoge hätte noch spritziger und geschärfter sein können. Wenn man den Komponisten als Sprechrolle (Gabriel Kähler) und Alter ego Boleslavs einführt, dürfte er auch mehr in die Handlung eingreifen, dem Publikum die Zusammenhänge schildern, das Geschehen immer wieder befeuern oder in eine neue Richtung lenken. Doch das sind kleine Einwände angesichts einer ansonsten rundum gelungenen Produktion, für die es am Ende größten Beifall und Standing Ovations gibt.
«Polnische Hochzeit» – Joseph Beer
Theater Regensburg
Kritik der Premiere am 7. Februar 2026
Termine: 14./22./25. Februar; 6./15./29. März; 5./8./12./18./25. April, 1./29. Mai; 5./16./22. Juli