Erzgebirgische Theater

Ein großer Spaß

«Mein Freund Bunbury» – im berühmtesten DDR-Musical steht Gundula Natschinski, die Witwe des Komponisten, auf der Bühne und sein jüngster Sohn Lukas Natschinski am Pult

Albert Gier • 10. Februar 2026

Algernon (Richard Glöckner) „bunburysiert“ gleich © Dirk Rückschloß

In der alten DDR erfreute sich das sogenannte „heitere Musiktheater“ (Operette, Musical, musikalische Komödie…) bemerkenswerter Beliebtheit. Nach der sogenannten „Wende“ 1989 verschwanden diese Stücke plötzlich von den Spielplänen. Das Publikum war verständlicherweise neugierig auf Dinge, die ihnen jahrzehntelang vorenthalten worden waren. Auch, weil die Tendenz oft mit der DDR-Ideologie nicht vereinbar war. Für amerikanische Musicals konnten die DDR-Theater die hohen, in Devisen zu zahlenden Lizenzgebühren nicht aufbringen. In der letzten Zeit gibt es erste Anzeichen für ein neues Interesse am „heiteren Musiktheater“ aus dem Osten. Zu Weihnachten spielte die Komische Oper Berlin «In Frisco ist der Teufel los», das erfolgreichste Stück von Guido Masanetz (mehr als 70 Inszenierungen, über 1000 Aufführungen), allerdings nur an drei Abenden (siehe „Heute siegt das Gute“).

Jetzt legt das Eduard-von-Winterstein-Theater in Annaberg-Buchholz, das sich seit Jahren mit Ausgrabungen vergessener Operetten vor allem aus der Zwischenkriegszeit einen Namen gemacht hat, mit «Mein Freund Bunbury» von Gerd Natschinski nach. Das Textbuch zum beliebtesten Stück des erfolgreichsten Musical-Komponisten der DDR stammt von Helmut Bez und Jürgen Degenhardt. Dieses wurde gelegentlich auch in der alten Bundesrepublik gespielt. Der geschäftsführende Intendant Moritz Gogg wies darauf hin, dass die erste Anregung zu dieser Neuinszenierung von Theaterbesuchern kam, die das hier zuletzt 1997 aufgeführte Paradewerk gern wieder einmal sehen wollten. Bei «In Frisco ist der Teufel los» kann man darüber diskutieren, ob das „noch“ eine Operette oder „schon“ ein Musical ist. «Bunbury» ist eindeutig ein Musical und vor allem ein großer Spaß. Schmissige Tanzrhythmen dominieren in fast allen Nummern. Das Programmheft zitiert den Komponisten: „Eine große Kiste musikalischer Bausteine lag vor mir, ich hatte eine enorme Auswahl: Charleston, Black Bottom, Foxtrott sowieso, schnell oder langsamer, aber auch frömmelnde Heilsarmeegesänge und britische Folksongs, Tango und English Waltz – alle lachten sie mich an und wollten in meiner Partitur Platz nehmen. Und ich griff zu.“ Dabei gelangen Natschinski lauter Glücksgriffe: Ein Schlager reiht sich an den anderen, jede Nummer wird vom Annaberger Publikum eifrig beklatscht.

Auch die Duette der beiden verliebten Paare – Jack und Gwendolen, Lady Bracknells Tochter; Algernon und Jacks Mündel Cecily  –sind nicht sentimental, sondern gut gelaunt und übermütig. Die Librettisten haben ihre Vorlage, die Gesellschaftskomödie „The Importance of Being Earnest“ von Oscar Wilde (1887) ziemlich frei behandelt: Dass Gwendolen nur einen Mann heiraten will, der „Ernst“ heißt (daher Wildes Titel), kommt im Musical gar nicht vor. Die Upper Class-Figuren der Komödie wären als Soldaten der Heilsarmee nicht vorstellbar. Im Musical gehören Jack und Cecily zu der frommen Truppe, obwohl es ihnen mit der Verbreitung von Gottes Wort nicht sehr ernst ist. Jack, sein Freund Algernon und Cecily führen jeweils ein Doppelleben: Jack und Algernon schieben häufig den imaginären Bunbury vor, um sich unliebsamen gesellschaftlichen Verpflichtungen zu entziehen. Jack bezeichnet ihn als seinen Bruder, der sich durch seinen lasterhaften Lebenswandel ständig in Schwierigkeiten bringt. Für Algernon ist er ein todkranker Freund, dem er beistehen muss. Die scheinbar so ehrbare, ja ein die ein bisschen schüchterne Cecily tritt in der Music Hall als „Sunshine Girl“ auf.

Doppelleben zwischen Heilsarmee und Music Hall: Cecily (Zsófia Szabó) © Dirk Rückschloß

Regisseur Oliver Pauli hat seit 2016 vor allem Musicals inszeniert. Die erste Szene spielt am Londoner Victoria-Bahnhof, wo die Heilsarmee Spenden sammelt. Die Konstruktion aus Eisen und Glas, die den Hintergrund abgibt, lässt sich durchaus mit Bahnhofs-Architektur aus der Zeit um 1900 in Verbindung bringen. Es war vielleicht das Bahnhofsmilieu, das den Ausstatter Martin Scherm veranlasste, Berge von Koffern auf der Bühne aufzuhäufen. Der Regisseur erklärt: So wie die Figuren jeweils ein Doppelleben führen, sei auch ein Koffer „eben nicht nur ein Behälter für Socken – er ist ein Tresor für das Doppelleben, ein Podest für eine Lüge oder ein Fenster zu einer anderen Welt“.

Die Produktion profitiert sehr von der Mitwirkung der Witwe und des jüngeren Sohnes des 2015 verstorbenen Komponisten: Lukas Natschinski dirigiert erstmals ein Bühnenwerk seines Vaters. Er interpretiert die Partitur sehr nuanciert, lässt es in den Tanznummern aber richtig fetzen. Auch das Orchester hat hörbar Spaß an dieser Musik. Gundula Natschinski, die zu Beginn ihrer Theaterkarriere die Cecily spielte, kehrt nach dreißig Jahren Pause als Lady Bracknell auf die Bühne zurück. Sie agiert so energisch, wie man es von Wildes Lady gewohnt ist, spielt diesen weiblichen Dragoner aber deutlich charmanter als gewohnt. In Annaberg-Buchholz gibt es – die langjährige Erfahrung trägt Früchte – inzwischen ein Operetten- und Musical-erprobtes Ensemble. Gäste sind neben Mutter und Sohn Natschinski der junge Bariton Vincent Wilke als Jack und die Sopranistin Magdalena Hallste als Gwendolen. Beide sind stimmlich wie darstellerisch als Glücksgriffe zu bezeichnen. Aber die Ensemblemitglieder Richard Glöckner (Algernon) und Zsófia Szabó (Cecily) stehen ihnen nicht nach. Glöckner, der in den letzten Jahren viele große Operettenpartien gesungen hat, avanciert einmal mehr zum Star der Aufführung, Szabó singt wunderbar und begeistert in ihren temperamentvollen Tanzeinlagen.

Tricks und Talmi zwischen Tante und Neffe: Algernon (Richard Glöckner) und Lady Bracknell (Gundula Natschinski) © Dirk Rückschloß

Auch die Nebenrollen sind adäquat besetzt, zum Teil mit langjährigen Ensemblemitgliedern. Als Offizier der Heilsarmee mit einer Neigung zum Alkohol, die Wildes Kanonikus Chasuble natürlich ganz fremd ist, agiert László Varga. Cecilys Gouvernante Laetitia Prism ist Bettina Grothkopf. Allerdings ist diese Figur, die bei Wilde dafür sorgt, dass Jack zuletzt als Stiefbruder Algernons erkannt wird, im Musical fast bedeutungslos. Lady Bracknells Butler ist Leander de Marel. Er kommt oft aus einem mannshohen Schrankkoffer, als wäre das das Natürlichste von der Welt. Im übrigen – ein Gag der Librettisten – heißt er tatsächlich Bunbury! Auch die fünf Tänzerinnen tragen das Ihre zu diesem gelungenen Abend bei. Fazit: Mit «Bunbury» hat das Eduard-von-Winterstein-Theater einen Volltreffer gelandet!


«Mein Freund Bunbury» – Gerd Natschinski
Erzgebirgische Theater ∙ Eduard-von-Winterstein-Theater Annaberg-Buchholz

Kritik der Premiere am 7. Februar 
Termine: 22. Februar; 4./7./15./20./29. März; 5./12. April