Opern-Knigge als Ablenkung

Ein Hort der Unsitte

Kommentar zu „Diese Buhs waren eine Unsitte“ von Christoph Irrgeher in der Tageszeitung Der Standard

Stephan Burianek • 12. März 2026

Anna Netrebko als Abigaille an der Wiener Staatsoper © WSO / Michael Pöhn

Woher wohl der Glaube kommt, dass ein Opernhaus ein Ort der Sittsamkeit ist? „Diese Buhs waren eine Unsitte“, schrieb Christoph Irrgeher in der Tageszeitung „Der Standard“ völlig zurecht über die teils wütende Ablehnung des Publikums gegenüber einer Sopranistin, die für die offiziell erkrankte Anna Netrebko eingesprungen war. Eine Opernvorstellung ist in der Regel eine Achterbahn-Fahrt der Gefühle, und nicht immer haben sich die Zuhörer – ungeachtet der Schale, in die sie sich geworfen haben – im Griff. 

Das war schon immer so. Buhs gegen eine Sopranistin sind aber eher neu, derzeit sind vielmehr Regisseure, die mit eigenen Ideen daherkommen, die erklärten Hassobjekte gealterter Opern-Hooligans. Klar sollte aber auch sein, dass Netrebko-Fans angesichts des Verhaltens ihrer Heroin vor und nach dem Beginn der Vollinvasion Russlands in der Ukraine generell über eine selbstschützende Ignoranz verfügen dürften (Stichwort: Instagram-Postings, wie „Einen Russen kann man nicht brechen, niemals!“).

Wie auch immer, die Diskussion lenkte gleich in zweierlei Hinsicht ab. Zum einen vom offensichtlichen Optimierungspotenzial des Managements des Hauses: Kann es sein, dass man einen unzureichenden Überblick über die Vielzahl der in Wien ansässigen Künstler und Künstlerinnen hat? Die Rolle der Abigaille zählt zu den schwierigsten Sopranpartien, nur wenige können sie makellos singen (auch Netrebko hatte in der ersten Vorstellung ihre Schwierigkeiten, berichten Ohrenzeugen). Aber muss ein Ersatz tatsächlich hektisch aus Prag herangekarrt werden? Gibt es in der Musikhauptstadt Wien wirklich keine andere Sängerin, die als Ersatz in Frage käme? 

Was dieser Fall vermuten lässt: Man hat das Besetzungszepter längst den Sänger-Agenturen überantwortet. Was die Direktion des „ersten Hauses am Ring“ womöglich nicht weiß: In Wien leben mehrere erstklassige Sängerinnen, auch Sopranistinnen, die aus ihrer ukrainischen Heimat flüchten mussten und davor beispielsweise an den großen Opernhäusern in Kijiv oder Charkiw gesungen haben. Die berichten teilweise von kühlen Reaktionen auf ihre Kontaktversuche.

Und dann lenkt die Strahlkraft der Netrebko einmal mehr von einer weit wichtigeren Problematik ab: Nach vier Jahren Angriffskrieg war die Wochenzeitung „Der Falter“ das erste österreichische Printmedium, dass anhand der Causa Dmitry Korchak auf die Problematik der russischen Kunstförderung im Bereich Oper und Klassische Musik aufmerksam gemacht hat. Wie der österreichische Politikwissenschaftler Martin Malek kürzlich in einer aufwendigen Analyse feststellte, wird die Kultur vom Kreml ganz offiziell als Soft-Power-Kriegswaffe verstanden – und unter dieser Prämisse werden ganz bestimmte Projekte und Personen gezielt gefördert. Wer bei den dokumentierten Verwicklungen wegschaut, der macht sich mitschuldig.

Weil man an der Netrebko-Diskussion leider nicht vorbeikommt: Wenn eine Diva glaubt, nach einer bereits nicht optimalen Leistung in der ersten Vorstellung nach Barcelona jetten zu müssen, anstatt sich und ihre Stimme zu schonen (und das dann auch noch auf Instagram kundtut), dann sollte sich die Direktion vielleicht überlegen, ob ein solches Verhalten dem Haus nicht doch mehr schadet als ihm der boulevardpolierte Glanz vermeintlich nutzt. Denn ein solches Verhalten ist ebenfalls eine Unsitte.

 

Zum Thema

Am Prager Nationaltheater ist übrigens die Ukrainerin Oksana Nosatova engagiert, die früher am Donezker Opernhaus sang (dort, wohin Anna Netrebko einst eine Spende hinschickte, um dann bei einer Pressekonferenz in St. Petersburg mit Putins Separatistenführer und der Separatistenflagge vor den Kameras zu posieren) und die vor zwei Jahren ein phänomenales Abigaille-Debüt feierte – aber die wurde nicht geholt: Ein ewiger Kampf. Nach Bratislava ist nun auch in Prag eine poetische wie zeitgemäße Interpretation von Verdis «Nabucco» zu sehen. Die Erstbesetzung ist Weltklasse. – von: Stephan Burianek, 17.02.2024