Römerland Carnuntum
Die Beleuchtung zweier Künstlerfreundschaften
Die Haydnregion Niederösterreich startete mit einem Thementag in die aktuelle Saison, an dem die Wertschätzung zwischen den Gebrüdern Haydn und Wolfgang A. Mozart beleuchtet wurde
Stephan Burianek • 17. März 2026
Gegen Ende des dritten Satzes von Wolfgang A. Mozarts Duo in G-Dur (KV 423) regt sich beim Publikum ein kollektives Schmunzeln. Der Violinist Christian Altenburger spielt seinen Part makellos, denn der ist freilich ein Profi. Aber für ihn hatte Mozart diese fordernde Fingerübung nicht geschrieben. Zuvor hatte Claus-Christian Schuster in seinem musikalisch begleiteten Vortrag die Hintergrund-Story erzählt: Michael Haydn hatte vom Salzburger Erzbischof Hieronymos Colloredo den Auftrag für sechs Duos für Violine und Bratsche erhalten, nach vier Kompositionen war seine Schaffenskraft allerdings erschöpft. Also bat er Mozart, die restlichen zwei Werke gleichsam als „Ghostwriter“ zu übernehmen – was dieser auch tat. Bekanntlich war das Verhältnis zwischen dem Erzbischof und dem Wunderkind nicht das allerbeste, also brachte Mozart den guten Mann, für den der Violin-Part gedacht war, mit seiner Komposition ordentlich ins Schwitzen.
Altenburger war an jenem Abend Teil eines erstklassigen Kammerensembles, das in einem kleinen Kammerkonzertsaal neben dem Geburtshaus von Michael und Joseph Haydn in der Gemeinde Rohrau die diesjährige Saison der Haydnregion Niederösterreich eröffnete. Erstmals tritt bei dieser intimen Veranstaltungsreihe nicht das Bundesland Niederösterreich, sondern der Regionalentwicklungsverein Römerland Carnuntum als Veranstalter in Erscheinung. An unterschiedlichen Orten in der Haydn-Geburtsregion, die vor allem für die römischen Ausgrabungen und Rekonstruktionen der antik-römischen Limes-Garnisonstadt Carnuntum bekannt ist, werden in Konzerten bis zum Ende des Jahres die Gebrüder Haydn gefeiert. Das ermöglicht teilweise den Besuch von Orten, die normalerweise nicht öffentlich zugänglich sind, wie beim Festkonzert im Prunksaal des Schlosses Petronell am 17. Mai, sowie intime Konzerterlebnisse in den Kirchen. Auch das Finalkonzert des Internationalen Haydn-Wettbewerbs unter der Jury-Leitung von Angelika Kirchschlager ist im Mai Teil des Programms – OPERN∙NEWS wird diesmal einen Preis stiften und berichten.
Zurück zum Eröffnungstag, an dem auf Schusters musikalisch begleiteten Vortrag das eigentliche Eröffnungskonzert folgte. Für die kurzfristig erkrankte Petra Morzé sprang die in Österreich nicht minder bekannte Julia Stemberger als Sprecherin ein. In der ersten Hälfte des Eröffnungskonzerts beleuchtete die Schauspielerin Mozarts Verhältnis zu Michael Haydn, der gegenüber den Salzburger Machthabern viele Jahrzehnte lang einen devoten wiewohl produktiven Dienst absolviert hatte – und dessen Grabmal sich in der Stiftskirche der Salzburger Erzabtei St. Peter befindet.
Als Johann Michael Haydn (kurz: Michael Haydn) im Jahr 1763 im Alter von 26 Jahren in den Dienst des Fürsterzbischofs von Salzburg eintrat, der damals Sigismund von Schrattenbach hieß, war der siebenjährige Wolfgang A. Mozart bereits als Wunderkind bekannt. „Mozart wird bestaunt, Haydn gebraucht“, brachte es Stemberger auf den Punkt, die von Michael Haydn das Bild eines devoten Arbeiters zeichnete, der verlässlich seine Arbeit machte, sich nie vordrängte und bei vakanten Spitzenposten übergangen wurde. Ungeachtet dessen muss die gegenseitige Wertschätzung der beiden Komponisten hoch gewesen sein. Auf diese Tatsache macht auch die Dauerausstellung im Geburtshaus mit Musikbeispielen aufmerksam: Als im Dezember 1771 im Salzburger Dom Michael Haydns Requiem für den verstorbenen Fürsterzbischof gespielt wurde, waren Wolfgang und sein Vater Leopold Mozart anwesend. Zwanzig Jahre später wählte Mozart für sein Requiem einen nahezu identen Beginn.
Neben Altenburger stellten Katharina Strepp (Violine), die Bratschisten Thomas Selditz und Raika Yamakage sowie Reinhard Latzko am Cello einmal mehr Michael Haydns musikalische Qualität unter Beweis: Sein Streichquintett C-Dur (MH 187) ginge in seinem elegant-klassischen, melodiösen Charakter durchaus als Mozart-Werk durch.
Bekannter ist das künstlerisch-väterliche Verhältnis von Michaels Bruder Joseph Haydn zu Wolfgang A. Mozart. Über den Einfluss, den Mozart nach seinem Tod auf den alten Joseph Haydn hatte, schrieb Ulrich Konrad bereits im Almanach zur Salzburger Mozartwoche 2017. In Rohrau betonte Julia Stemberger die gegenseitige Befruchtung in der von Haydn neu entwickelten Gattung des Streichquartetts, die Mozart um eine „empfindsamere Harmonik und neuartigen Effekten in den Instrumentation“ bereicherte. Im Vortrag davor hatte Schuster bereits aus den Memoiren von Ludwig-Wilhelm Tepper de Ferguson zitiert, der Haydn im Jahr 1789 in Fertöd besuchte und später am russischen Zarenhof als Musiklehrer arbeiten würde. Auf dessen Lob soll Haydn geantwortet haben: „Ach, mein Herr: Wir haben in Wien jemanden, der uns alle in den Schatten stellt; er ist ein Universalgenie, neben dem ich nur ein Kind bin“ (DeepL-Übersetzung vom Originalzitat, gefunden auf Academia.edu). Stemberger ergänzte das Haydn-Bild um einen bemerkenswerten Umstand: Gerüchten über die Herabsetzung der eigenen Person durch das Salzburger Genie schenkte Joseph Haydn keinen Glauben, Demgegenüber reagierte Mozart auf eine kritische Äußerung des Komponistenkollegen Leopold Koželuh über Joseph Haydn empört, so Stemberger, und an anderer Stelle soll Mozart gesagt haben: „Keiner kann alles – scherzen und erschüttern, Lachen erregen und tiefe Rührung – und alles gleich gut wie Haydn.“
Melancholisch und zugleich lebensbejahend klingt Joseph Haydns erster, liedhafter Satz der Klaviersonate in D-Dur (Hob. XVI:42), für den Mitra Kotte an jenem Thementag in Rohrau eine überaus innige und, wie Schuster anmerkte, stimmige Interpretation fand. Die Möglichkeit zur solistischen Entfaltung bot ihr auch das überwiegend heitere Klavierquartett Es-Dur (KV 493), mit dem das Ensemble des Abends für eine geglückte Brücke zu den Gebrüder Haydn sorgte. Das Publikum verließ das Geburtshaus mit der aufgefrischten Erkenntnis, dass selbst Wunderkinder nicht isoliert vom Himmel fallen – und in der beschaulichen Region am südlichen Donauufer eine Musik von Weltrang beheimatet ist, die auch dieses Jahr in intimen Konzerten auf erstklassigem Niveau erlebt werden kann.
Zum Thema
HAYDNREGION NIEDERÖSTERREICH
Programm der diesjährigen Saison der Haydnregion Niederösterreich
OPE[R]NTHEK / MOZARTEUM-STIFTUNG
Die Salzburger Mozartwoche 2017 beschäftigte sich ebenfalls mit den Verbindungen zwischen Wolfgang A. Mozart und den Haydn-Brüdern. In Haydn nach Mozart, oder: Zum Überleben eines Älteren beleuchtet Ulrich Konrad den Einfluss des bereits verstorbenen Mozart auf das Spätwerk von Joseph Haydn.
ACADEMIA.EDU
Haydn and Mozart in the Memoirs of Ludwig-Wilhelm Tepper de Ferguson. - Von: Michael Lorenz, 19.06.2014, Update vom 09.12.2017 [kostenloses PDF nach Anmeldung]