Staatstheater Nürnberg
Mozart veredelt alles
Auf dem Weg zu ihrer hundertsten Regiearbeit kehrt Brigitte Fassbaender mit Humor und halluzinogenen Pilzen in Mozarts «La finta giardiniera» an ihre erste Wirkungsstätte zurück
Jens Voskamp • 22. März 2026
Mozart goes Heine: „Die hat einen andern erwählt; der andre liebt eine andre und hat sich mit dieser vermählt.“ Mal im Ernst: Das Angebot, Mozarts «La finta giardiniera» zu inszenieren, kommt einer Strafexpedition gleich. Das Libretto wie am Reißbrett konstruiert, Charaktere, denen auch das beste Geodreieck keinen Hauch von ungeraden Winkeln zu verabreichen vermag.
Dass Brigitte Fassbaender dennoch dieses Angebot annahm, hängt sicherlich mit zwei biographischen Wegmarken zusammen: Zum einen steuert die 86-Jährige mit Sieben-Meilen-Stiefeln auf ihre hundertste Regiearbeit zu, seit sie im Jahr 1990 am Landestheater Coburg Rossinis «La Cenerentola» inszenierte, und zum andern war die Nürnberger Bühne jener Tatort, an dem die Tochter der Schauspielerin Sabine Peters und des Baritons Willi Domgraf-Fassbaender, als Kind und Jugendliche, ihre erste Bühnenluft schnupperte – auch wenn das nur den Transport eines Bierkrugs von links nach rechts in Flotows «Die lustigen Weiber von Windsor» bedeutete. Ihr Vater wirkte von 1952 bis 1963 als Oberspielleiter an der Nürnberger Oper und wechselte anschließend 1964 ans örtliche Konservatorium als Gesangslehrer. Eine seiner ersten Schülerinnen: Seine Tochter.
Die nähert sich der Oper eines 19-jährigen auf dem Geniepfad ausgiebig augenzwinkernd und Gott sei Dank ironisch. Da das Anwesen von Don Anchise, dem Kommunalhaupt von Lagonero, den Spielort bildet, ziert entsprechend ein schwarzer See den Bühnenhintergrund. Davor geben sich die Protagonisten die größte Mühe, aus dem Dichter-mäßig verordneten Beziehungschaos eine möglichst unterhaltsame Veranstaltung zu machen. Riesenhafte Erdbeeren, Erbsen oder Karotten (Bühnenbild und Kostüme: Dietrich von Grebmer) schleichen sich aus dem Schnürboden ins Bild und geben die Vitamine für alles weitere vor. Das Phallus-Gemüse Spargel wächst hier ins Tiefe oder horizontal, und weil die absurde Handlung nicht anders auflösbar scheint, beherrschen im zweiten Teil halluzinogene Pilzsorten das Geschehen.
Die angeblich verstorbene Gräfin Onesti, die ein Opfer eines Femizids des Grafen Belfiore ist, hat – so zeigt es die Ouvertüren-Szenerie – bereits eine Grabstätte gefunden. In Wahrheit jätet und unkrautet sie sich als Sandrina durch die Beete von Don Anchise. Der schickt sich an, seine Nichte Arminda mit dem gewalttätigen Lover Belfiore zu verehelichen. Dafür muss der natürlich anreisen und erkennt in der Grünwerkerin Sandrina natürlich sofort seine vermeintlich aus dem Leben entfleuchte Ex-Geliebte. So weit, so unwahrscheinlich.
Aber diese dramaturgisch ziemlich holprige Vorlage Giuseppe Petrosellinis nutzte Mozart für einen mächtigen Sprung vom Seria-Gepränge eines «Mitridate» in jene Zwischengefilde des „dramma giocoso“, der heiteren Tragödie, die später seine Meisterwerke prägen sollte. Was da 1775 im Münchner Salvatortheater, der 1802 abgebrochenen Hofoper, uraufgeführt wurde, zeigt einen End-Teenie, der sich auf dem sinfonischen wie auf dem vokaltheatralen Gebiet im Eiltempo weiterentwickelte. Man muss der Intendanz insofern dankbar sein, nachdem in Nürnberg jahrzehntelang nur die Da-Ponte-Opern und «Die Zauberflöte» zu erleben waren, dass nun endlich mal auch jener Mozart zu erleben ist, in dem eine «Cosí» oder ein «Figaro» präfigurisch schon angelegt waren. Brigitte Fassbaender hatte den Mut, die vielen Nummern unter Wegfall vieler redundanten Ensembles auf handliche zweieinhalb Stunden zu kürzen. Den zweiten, in der Nacht spielenden Teil leitet sie subtil mit der „Abendempfindung“ ein und später werden am Hammerflügel etliche «Figaro»-Zitate als satirische Kommentare platziert.
Dirigent Christopher Schumann, nach neun erfolgreichen Stuttgarter Jahren seit dieser Spielzeit nach Nürnberg verpflichtet, entwickelt mit der Staatsphilharmonie einen luziden, biegsamen und und drastischen Sound, der belegt, weshalb die Musik dieses lapidare Stück über die letzten zweieinhalb Jahrhunderte am Leben erhalten hat. Die klanglichen Facetten sind zwingend und verführerisch zugleich. Außerdem rollen sie den vielfarbigen Teppich aus für Mozarts eminente Vokalbehandlung, die die Darsteller durchgehend auf hohem Niveau einlösen.
Zum Beispiel Chloë Morgan als gärtnernde Gräfin, die ihre Ausnahmegefühle schon mal in die A-cappella-Koloraturen der «Zauberflöten»-Königin legt und auch sonst höchst differenziert und eindringlich singt. Sergei Nikolaev lässt mit seinem schmelzenden Tenor fast vergessen, dass er als Gewaltmensch und Egoshooter eigentlich der Unsympath des Stückes ist. Die Schwedin Caroline Ottocan, die vom Nürnberger Opernstudio direkt in das Ensemble verpflichtet wurde, konturiert als Arminda einen Frauentyp, der sich nimmt, was sie will und keine falsche Bescheidenheit an den Tag legt. Erneut glänzt Corinna Scheurle in einer Hosenrolle: Mit ihrem sinnlich-beweglichen Mezzo zeichnet sie die Verliererfigur des Ritters Ramiro intensiv nach. Und nicht von schlechten Eltern ist auch der Spielbass von Demian Matushevskyi, der als loyaler Diener der verkleideten Gräfin fungiert. Als Miniausgabe von Nina Hagen: Clarissa Maria Undritz als aufsässiges wie gefühlsmächtiges Hausmädchen Serpetta. Und weil die Regisseurin genau auf dieser Bühne als Statistin ihre irre Gesangskarriere startete, lässt sie Ottilie Feinweber und Michael Dudek als Gartenpersonal den gesamten Abend über heftig Koffer räumen, Möhren schälen oder mit Forken Gartenzwerge aus Marmor verräumen. Und aus dem Souffleusenerdhügel robbt sich auch immer wieder ein kecker Maulwurf heraus.
Dass das absurde Geschehen letztendlich nur durch die Verkostung Rausch verschaffender Mushrooms aufzulösen ist, liegt in Fassbaenders grinsender Logik. Und Erzkomödiant Hans Kittelmann muss – im eklatanten Gegensatz zum wahren Leben – als Bürgermeister letztlich ohne Partnerin den Abend beschließen. Dem Publikum gefiel’s: Riesenapplaus nach jeder Menge absurden Irrungen, Wirrungen und Verknotungen. Mozarts Genius veredelt eben selbst den gröbsten Schwachsinn.
«La finta giardiniera» (Die Gärtnerin aus Liebe) – Wolfgang A. Mozart
Staatstheater Nürnberg · Opernhaus
Kritik der Premiere am 21. März
Termine: 25. März; 4./14./16./25. April; 3. Mai
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OPE[R]NTHEK / STAATSTHEATER NÜRNBERG
„Aufbruch und Wegweiser“. Brigitte Fassbaender, Christopher Schumann und Georg Holzer im Gespräch. – In: La finta giardiniera, Staatstheater Nürnberg, Saison 2025/26 [Programmheft]