Musiktheater an der Wien
Ein Fest der hohen Stimmen
Die umjubelte Aufführungsserie von Leonardo Vincis «Alessandro nell'Indie» in der opulenten Bayreuth-Inszenierung von Max Emanuel Cencic zeigte einmal mehr, wie wichtig Schikaneders Haus für die Stadt Wien ist
Stephan Burianek • 26. April 2026
Was für ein Triumph! Wenn das Publikum inmitten einer viereinhalbstündigen, mit 30 Arien und mehr gespickten Aufführung so laut und so lange klatscht, bis der soeben abgetretene Sänger nochmals an die Rampe tritt, um seinen Applaus entgegenzunehmen, und dann weiter klatscht, um ihn ein zweites Mal zur Verbeugung zu nötigen, dann hat man einen jener magischen Momente erlebt, der einem nur live in einem Opernhaus widerfährt und an den kein Online-Stream heranreicht.
Die beschriebene Szene ereignete sich kürzlich im Theater an der Wien bei der Dernière einer Aufführungsserie von Leonardo Vincis «Alessandro nell'Indie», konkret nach einer achtminütigen Bravourarie im zweiten Akt durch Bruno de Sá. Mit unglaublicher Technik, Eindringlichkeit und wehmütiger Entrücktheit, die er beim anschließenden Jubel kaum ablegte, interpretierte der Sopranist die indische Königin Cleofide, die sich in der Hand von Alexander dem Großen (Alessandro) befindet, aber dessen Feind liebt.
Vinci war um das Jahr der Uraufführung 1730 gemeinsam mit Nicola Antonio Porpora der bedeutendste Opernkomponist der neapolitanischen Schule, seine Opera seria markiert gleichsam einen Höhepunkt dieser Gattung. Die Handlung beinhaltet so ziemlich alle Volten und Affekte, die eine Oper bieten kann: Helden zwischen Pflicht und Neigung, nahezu fatale Missverständnisse, Täuschungen und Fehlentscheidungen durch Liebe und Eifersucht. Am Ende wird alles gut, weil sich Alexander der Große tatsächlich als Großer entpuppt – und die Oper ebenso gut den Titel „La clemenza d'Alessandro“ (Die Milde des Alexander) tragen könnte.
Es ist das Verdienst von Max Emanuel Cencic, dieses lange, für barockfremde Ohren vielleicht eher eintönig klingende Werk zu einer vielbeachteten Renaissance geführt zu haben. Farbenfroh und opulent präsentieren sich Bühne und Kostüme, die Schaulust befriedigen eine lebendige Personenführung und jede Menge Blödelei, was niemals Langeweile aufkommen lässt. Bereits vor vier Jahren war Cencics Inszenierung im Rahmen des Bayreuth Barroque Festivals im dortigen Markgräflichen Opernhaus zu sehen, von der ersten Aufführungsserie existiert ein Video-Gesamtmitschnitt auf Youtube.
Bereits damals stand Bruno de Sà mit anderen Barockopern-Superstars auf der Bühne: Maayan Licht ist nach wie vor ein Weltklasse-Alessandro, nicht weniger phänomenal ist Jake Arditti als Cleofides Schwester Erissena. Auch Stefan Sbonnik, der in diesem Fest der hohen Stimmen in diesem Werk als Tenor die tiefste Tessitura bewältigen hat, ist als Erissenas Geliebter Gandarte nach wie vor eine Idealbesetzung, ebenso wie Nicholas Tamagna, der als buckliger Timagene vorgibt, Alessandro-Vertrauter zu sein, das aber nicht ist. Nur Franco Fagioli fehlte aus der ursprünglichen Besetzung. Für die Partie des Alessandro-Gegners Poro fand man mit Dennis Orellana ein makelloses Substitut.
Cencics Inszenierung dürfte bei Barockfans bereits jetzt einen Legendenstatus haben, zumal weitere Produktionen dieses Werks allein schon wegen der hohen Casting-Anforderungen nicht zu erwarten sind. In Wien wurde sie jedenfalls begeistert aufgenommen – selbst von Kritikern, von denen es nicht zu erwarten war. Intendant Stefan Herheim hat mit dieser Produktion einmal mehr gezeigt, wie wichtig das Theater an der Wien für die Stadt Wien als künstlerischer Gegenpol zu dem behäbigen Tanker an der nahen Ringstraße ist. Touristen, die immer noch einen sehr geringen Publikumsanteil im Schikaneder-Haus bilden, sollten ihre Wien-Reisen nach den dortigen Spielterminen richten – künftig mehr denn je: Aus Spargründen wird in der kommenden Saison (noch) weniger gespielt werden. Die Qualität aber, die wird vorerst bleiben.
«Alessandro nell'Indie» – Leonardo Vinci
Musiktheater an der Wien · Theater an der Wien
Bericht der Dernière am 21. April
Zum Thema
YOUTUBE / PARNASSUS ARTS PRODUCTIONS
OPERN·NEWS
Lustvolle Travestie. Bayreuth Baroque: Die erste Aufführung von Leonardo Vincis «Alessandro nel’Indie» seit 1740 wird im Markgräflichen Opernhaus zum Triumph. - Von: Klaus Kalchschmid, 09.09.2022