Hessisches Staatstheater Wiesbaden
Wagner für Eleven
In Wiesbaden soll sich Oper für alle öffnen, durch Tiago Rodrigues sollte das mit «Tristan und Isolde» passieren. Mutig, aber gelungen? Keine Fragezeichen stehen beim Dirigenten Leo McFall und einem zur Höchstform aufgelaufenen Sänger- und Musiker-Ensemble
Daniela Klotz • 04. Mai 2026
Kennen Sie Wagner? Nein? Dann sind Sie in dieser Inszenierung genau richtig. Auch, wenn es sich um die Eröffnung der einst legendären und illustren Maifestspiele handelt. Die aktuelle Intendanz will Oper für alle. Ihr Einsatz: Die Übernahme einer besonderen Produktion. Tiago Rodrigues, als einer der bedeutendsten Regisseure Europas gehandelt, verortet seine 2023 für die Opéra national de Lorraine in Koproduktion mit der Opéra de Lille und dem Théâtre de Caen entstandene Inszenierung in einem Archiv. Fernando Ribeiro hat dazu drei Stockwerke ersonnen, deren Regale vollgestopft sind mit Archivmaterial. Tafeln, wie sich bald herausstellt, denn schon während des Vorspiels, wenn der geneigte Wagner-Adept sich auf die Suche nach dem Sinn des Tristan-Akkords begeben möchte, brechen die Tanzperformance-Künstlerin Sofia Dias und der Tanzperformance-Künstler Vítor Roriz, die in dieser Produktion als „Übersetzer“ wirken, aus ihren Rollen aus. Eben noch in der Musik seelenverwandten Schwingungen der Gefühle Ausdruck gebend, beginnen sie, die Tafeln aus den Regalen der unteren Archiv-Ebene zu ziehen und zu präsentieren. Das Publikum lernt, dass hier die verschiedensten Welten und Zeiten zu finden sind. Es lernt später auch, dass es gerade für den «Tristan» zu viele Worte gebraucht hat, ihn erleben zu können, wie er nun zu erleben ist.
Die Worte und Wagners eigenwilliger Umgang mit ihren Wesenheiten sind ein großes Thema gerade dieses Opern-Monuments. Theoretisch ist die Textverständlichkeit verzichtbar. Musik und Text (in dieser von Wagner intendierten Reihenfolge) sind eine Einheit, deren beide Seiten sich ergänzen oder unterwandern, je nachdem. Die Musik ist dabei das Gift, das direkt in die Adern fließt – oder jeden Nerv tötet. Praktisch hat Wagner aber seine Worte, deren Konsonanten und Vokale, exakt auf seine Absichten abgestimmt. Der «Tristan» ist nur dann vollkommen, wenn diese Worte auch rüberkommen. So redundant die ganze Sache oft genug ist. Aber ehrlich: Wen haben nicht schon mal Schauer ergriffen, wenn Isolde Brangänes Worte wiederholt: „Kennst du der Mutter Künste nicht …“
Und damit sind wir an sich schon mittendrin in der Diskussion um diese Inszenierung. Aber zunächst: Was passiert? Auf der unteren Ebene des Archivs holen Diaz und Roriz die Tafeln hervor, die das Geschehen verbildlichen bzw. erläutern sollen. Der auf ihnen in kleinsten Schnipseln abgebildete, damit auch im 3. Rang gut lesbare Text, reduziert die Handlung auf das, was auch ein absoluter Wagner-Laie verstehen können sollte. Dabei gibt es gleich mal ein anderes Problem: Die Inszenierung ist für ein Haus entstanden, dessen Publikum Wagner kennt, aber nun sicher nicht in dessen Muttersprache unterwegs ist. Umgekehrt spielt der Text mit der französischen Sprache. „L’homme triste“ ist ein stehender Begriff. Die Übersetzung „Der traurige Mann“ eher unverständlich. Daher kann sich auch keine ironische Distanz ergeben, wenn sich zum traurigen Mann eine traurige Frau (Isolde) oder ein mächtiger Mann (Marke) gesellen.
Um durch Distanz gewonnene Nähe geht es aber – dann doch irgendwie. Die Texte auf den gefühlt 1000 Tafeln, die bis zum Ende präsentiert werden, zeigen insgesamt ein Gedicht, das Rodrigues verfasste. Leider ersetzen die nämlichen Texte auch die Übertitel. Das Publikum soll durch die Vermittlung des Gedichts durch die Tafeln in Handlung und Musik eintauchen können. Leider entfällt so aber eine der steten Modernisierung der Bühnentechnik zu verdankende Ebene, die es zum Verstehen benötigt, wenn eine stimmlich mit ebenso satten Tiefen wie strahlend-weichen Höhen ausgestattete Isolde wie Carla Filipcic Holm eben nicht so textverständlich ist, wie es zum wahren Verstehen gut wäre. Die Tafeln machen manches schwierig, etwa, wenn sie die Schwerter ersetzen. Natürlich tötet heute kaum noch jemand per Schwert. Aber Tod durch Tafel? Gelungen ist hingegen der Verwechslungszauber der beiden Tränke. Es gibt halt immer ein Für und Wider.
Die Idee dahinter: Gottfried von Straßburg hat Quellen aufgegriffen und in seinem Sinne neu gedacht. Wagner hat Quellen aufgegriffen und in jedem Sinn dramatisch vereinfacht. Rodrigues hat Quellen aufgegriffen und massiv reduziert. Da gibt’s also nichts, das es nicht schon gab. Die Sache ist nur, dass Rodrigues sein besonders referenziertes Vorgängerwerk gemeinsam mit dem seinen auf die Bühne bringt. Das dürfte eine Allzeit-Tristan-Rezeptions-Premiere sein. Dazu lässt er neben seinen eigentlichen Protagonisten die eigentlich Handelnden, also Singenden, auf den oberen Ebenen des Archivs auftreten. Die „Nebenrollen“ wie die beiden ganz wunderbaren Sänger Tommi Hakala als Kurwenal und Katleho Mokhoabane als Stimme eines jungen Seemanns und Hirte, ganz oben, die „Hauptrollen“ in der Mitte, alle von José António Tenente als Archivmitarbeiter in schlichtes Blau gehüllt. Und dann tut Rodrigues etwas, wovon nicht klar ist, ob es ihm einfach egal war, was passiert, weil Wagners Werk ja letztlich nur der Prospekt seines eigenen ist, oder ob er mit stählernen Nerven aushält, was im «Tristan» passiert: Nichts. Will sagen: Er lässt das Sänger-Ensemble im Großen und Ganzen einfach stehen.
Sind wir ehrlich, ist Nichts ja genau das, was sich in den fünf Stunden Oper ereignet. Erster Aufzug: Redundante Nabelschau. Zweiter Aufzug: Vor lauter Aneinander-Vorbei-Reden womöglich doch nicht vollzogener Liebesakt. Dritter Aufzug: Erlösung des zum Tode sich Sehnenden durch das Sterben. Dass doch so viel Brecht’sche Distanzierung oder Brechung in dem gesamten Ansatz ist, lässt nebenbei einen sonst absurden Gedanken zu. An sich geht es einzig um den Helden, der im Tod gezeugt, sich nach dem Tod sehnt. (Vermutlich haben alle Helden irgendein nämlich zu begründendes Wahrnehmungsdefizit.) Die Oper wird nicht umsonst immer „Tristan“ genannt, weil Isolde letztlich nur Katalysator ist. Wagnermania eben, aber zwischen Wagner und Rodrigues kam die Weltgeschichte: Auch Kronprinz Rudolf wollte aus dem Leben scheiden, auch er nicht allein, seine Isolde war Mary Vetsera, die er mit in den Tod nahm.
Im «Tristan» jetzt wieder können sich die Liebenden gar nicht treffen. Sie sind als Prinzipien von Tag und Nacht angelegt. Am Tag können sie einander so oder so nicht begegnen, aufgrund der Standesregeln und dieser schrecklichen (Geistes-)Helle. Nachts können sie nicht zusammen kommen, weil Isolde zwar die Zünde lischt, Ribeiro den Rosenbogen durch Pflanzwerk symbolisiert und Irene Roberts die Liebenden mit nahezu magischen „Habet acht“-Rufen umschwebt, die beiden aber erst mal ihre Standpunkte ausdiskutieren müssen (die Oper kann auch als 1960er-Ehedrama durchgehen).
Erst, wenn Tristan, dessen Delirium Ric Furman trotz Beeinträchtigung durch Pollenallergie aufs Wunderbarste gelingt, sich im transzendenten Todesdämmer befindet, hat Isolde die Chance, ihm wirklich nahe zu kommen. Erst dann kann auch Marke, überaus nobel von Young Doo Park gegeben, die Standesgebote zugunsten der Herzensgebote brechen. Bemerkenswerterweise verscheidet Tristan genau dann, wenn all das geschieht.
Bei Rodrigues liegt er da am Fuße eines aus den vorab vorgezeigten Tafeln aufgetürmten Berges und wird im Tod von einigen der verbleibenden Tafeln bedeckt. Das leere Archiv wirkt da wie eine Urnengrabwand. Dias und Roris, deren Rolle ja das Übersetzen ist, sollen jetzt wohl den inneren Aufruhr aller Beteiligten darstellen. Ihr hektischer Gestus wirkt dem Übergang in andere Welten jedoch diametral entgegen. Eine Wonne war es da, sich auf Leo McFall konzentrieren zu dürfen, der, mit den Händen die Klänge nachgerade formend, das Hessischen Staatsorchester Wiesbaden von sublimen bis zu direkt brachialen Klängen durch einen selten so dezidiert zu hörenden „Score“ führte, immer unter voller Berücksichtigung des Leistungsvermögens der Sängerinnen und Sänger. Dass das Orchester den Schlussapplaus auf der Bühne entgegennahm, war mehr als angemessen.
Am Ende stützen Dias und Roris die vergehende Isolde – eine logische Konsequenz der Dopplung, die ja doch irgendwann vereint werden musste. Dennoch: Vereinfacht und erklärt hat diese Inszenierung nichts. Es ist allerdings jenen aus dem Wiesbadener Publikum, die nach dem ersten Aufzug das Haus nach heftigem Buhen (was Ensemble und Orchester auf sich beziehen mussten!) verließen, anzulasten, dass sie sich offenbar nicht mit einem der bekanntesten Wagner-Zitate auseinandersetzen wollten: „Kinder, schafft Neues! Neues! und abermals Neues! – hängt Ihr Euch ans Alte, so hat euch der Teufel der Inproduktivität, und Ihr seid die traurigsten Künstler!“ (Richard Wagner 1852 an Franz Liszt).
Die Inszenierung war schwierig und – Regiestar her oder hin – nicht überzeugend, weil der niederschwellige Ansatz doch auch wieder Ausgrenzungspotenzial hat. Sie gibt aber guten Anlass zur Diskussion, wie es mit Wagner weitergehen kann oder soll.
«Tristan und Isolde» – Richard Wagner
Staatstheater Wiesbaden · Großes Haus
Kritik der Premiere am 1. Mai
Termine: 10./24. Mai
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Zu viele Worte. Opéra national de Lorraine: In Nancy wählt Regisseur Tiago Rodrigues einen innovativen, niederschwelligen Ansatz für Wagners «Tristan und Isolde». Dorothea Röschmann und Samuel Sakker debütieren in den Titelpartien. – Von: Stephan Burianek, 31.01.2023