Ilija Trojanow

„Neutralität bedeutet nicht, keine ethische Position zu haben“

Interview-Teil 2: Über finanzielle Zwänge in der Kunst und im Journalismus, was sie für Demokratien bedeuten, und nochmals die Frage zu roten Linien

Stephan Burianek • 10. September 2026


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Ilija Trojanow: „Die meisten Leute wollen sich beschallen lassen“ © Thomas Dorn

Eine existenzielle Frage in der Kunst lautet: Wie kann ich trotz der finanziellen Zwänge authentisch und unabhängig bleiben?

Am liebsten wäre mir natürlich, wenn die Medien- und Kulturlandschaft gesamtgesellschaftlich finanziert werden würde.

In den westlichen Demokratien läuft es aber genau in die andere Richtung – allein schon die Einsparungen der Stadt Wien, wo kürzlich die Kammeroper und die Museumswohnungen der wichtigsten Komponisten eingemottet wurden.

Ja, das ist schmerzhaft. Ich bin selbst ein „Opfer“ davon, denn ich hatte für eine Produktion in der Kammeroper bereits einen Auftrag für ein Libretto in Aussicht.

Diese Entwicklung war auch ein Grund für die Gründung der Online-Plattform Opern.News, die auf einem gemeinnützigen Konzept basiert. Die Finanzierung wird in Zukunft über die Leserinnen bzw. über Mäzene aus dem Publikum erfolgen müssen. Wenn Special-Interest-Magazine, die in der Regel keine Presseförderung erhalten, zu neunzig Prozent oder mehr von ihren Anzeigenkunden abhängig sind, verlieren sie ihre redaktionelle Unabhängigkeit – bzw. haben sie diese längst verloren.

Die Abhängigkeit, die Sie gerade beschreiben, führt immer zu einem qualitativen Abstieg. Das beobachte ich nicht nur im Kulturbereich, sondern auch bei manchen Weinmagazinen. Wenn es keine kritische Unabhängigkeit gibt, kann man nicht auf hohem Niveau arbeiten.

Ich sehe diese Entwicklung ganz allgemein als demokratiegefährdend, zumal sich offenbar immer noch viel zu wenig herumgesprochen hat, dass Journalismus einen Wert hat und man dann doch lieber das konsumiert, was gratis ist – und diese Entwicklung in Kauf nimmt.

Die Podiumsgespräche in der abgelaufenen Saison-Eröffnungsproduktion im Theater an der Wien waren übrigens nicht gut besucht. Ich habe das Gefühl, dass wir in der Opernwelt ein Problem haben: Die meisten Leute wollen sich beschallen lassen, nur wenige erwarten sich eine profunde, kritische, reflektierte Auseinandersetzung.

Ich denke ganz allgemein, dass wir als Gesellschaft den gemeinsamen Kompass verloren haben. Egal wie korrupt die sogenannten populistischen Parteien auch sind und wie viele Fehler sie machen, sie erhalten dennoch einen großen Zuspruch. Es wird weniger reflektiert als nötig. Ich weiß nicht, woran das liegt, vielleicht an der Schulbildung?

Ich stelle in Frage, ob unsere Schulbildung das Ziel hat, kritische, autonome und demokratische Bürger und Bürgerinnen zu fördern. Ich war schon früh kritisch und habe angeeckt. Ich hatte nie das Gefühl, dass es auf eine große Begeisterung stößt, wenn jemand bereits in jungen Jahren alles hinterfragt. Wir haben bestimmte Formen von Hierarchie und Autorität verinnerlicht. Der skeptische, kritische, selbst denkende Mensch wird nur in Sonntagsreden hochgehalten.

Schauen Sie sich an, wie viele Skandale es allein in der kleinen Republik Österreich in den letzten Jahrzehnten gegeben hat: Wenn die Bevölkerung überwiegend aus kritischen Menschen bestünde, dann hätten wir diese Eliten längst in die Wüste gejagt.

Stattdessen werden nun jene gewählt, die noch schlimmer sind.

Ja, und zwar genau mit diesem Argument. Ich war in der Corona-Zeit auf einer jener von den Rechten organisierten Demonstrationen. Dort habe ich einige Demonstrierende auf Ibiza & Co. angesprochen, und dann kam stets das Argument: Ja, aber die anderen sind doch genauso schlimm. Genau das ist das Fatale in den USA hinsichtlich des Epstein-Skandals: Das erlaubt den extrem Rechten zu behaupten, das Establishment sei so durch und durch verkommen gewesen, dass es angesichts dieses Sündenpfuhls egal ist, was sich Trump und seine Kamarilla alles zuschulden kommen lässt. Das Ergebnis ist, dass sie noch verkommener agieren.

Bei seiner Eröffnungsrede bei den Salzburger Festspielen 2022 begrüßte Trojanow, dass sich die Festspiele aus moralischen Gründen von einem Sponsor verabschiedet hatten © Thomas Dorn

In Ihrer Eröffnungsrede bei den Salzburger Festspielen 2022 haben Sie es damals begrüßt, dass die Festspiele gezwungen waren, sich aus moralischen Gründen von einem Sponsor zu verabschieden. Sie haben auch Gergiev namentlich genannt. Es gibt mit Currentzis aber einen anderen Dirigenten, der mit dem System Putin ebenfalls verknüpft ist, und der wird nach wie vor dort engagiert. Wie sehen Sie das?

Ich habe mit Markus Hinterhäuser intensiv darüber gesprochen, und er hat mir versichert, dass es in Currentzis' Orchester eine Vielzahl von Nationalitäten gibt, darunter auch Ukrainer und dass die auch ein multinationales Konzept verfolgen, das im künstlerischen Alltag nicht das exterminatorische Konzept der russischen Politik abbildet. Angenommen das stimmt, wäre die entscheidende Frage für mich, inwieweit sich Currentzis in den letzten Jahren von zentralen Konzernen oder Organisationen der russischen Aggressionspolitik hat fördern lassen.

Ich denke, eine solche Finanzierung steht seit den Recherchen u.a. von Axel Brüggemann und Alexander Strauch außer Frage. Nehmen wir ein anderes Beispiel: Der Sänger Vladislav Sulimsky, der bei den Salzburger Festspielen aufgetreten ist, hat vor einigen Jahren in den Sozialen Medien gepostet: „Putin, du gräbst an der falschen Stelle! Siehst du denn nicht, worauf das hinausläuft? Oder glaubst du, dass Baschirow und Petrow das Böse alleine besiegen können?!“ – Die russischen Agenten Alexander Petrow und Ruslan Boschirow haben im englischen Salisbury den Mordanschlag auf den vermeintlich übergelaufenen Spion Sergej Skripal und dessen Tochter begangen. Ist das noch Meinungsfreiheit oder ist da bereits eine Grenze überschritten?

Damit hätte ich meine Schwierigkeiten, denn das ist eigentlich keine Meinungsäußerung, sondern ein Aufruf zur Gewalt, und ich denke, wir haben die gesellschaftliche Übereinkunft, Aufrufe zu Gewalttaten abzulehnen. Meine Reaktion wäre hier eine der Bloßstellung, daher begrüße ich es, wenn Sie einen solchen Fall aufgreifen. Aber ich denke, das sind Ausnahmen. Ich hätte ein Problem zu sagen, ich lade ein gesamtes Orchester nicht ein, weil ein Musiker durch verwerfliche Äußerungen auffällt. Andererseits ist es das Privileg des Veranstalters im Vorfeld aus solchen Gründen nicht mit diesen Künstlern zusammenarbeiten zu wollen.

Problematisch ist, wenn es aus einem aktuellen politischen Anlass einen Shitstorm gibt, und die Veranstalter dann einknicken. Ein Beispiel, weil in Florenz kürzlich «The Death of John Klinghoffer» von John Adams aufgeführt wurde, den ich für einen bedeutenden Komponisten halte und dessen Oper «Nixon in China» zu meinen Lieblingsopern zählt: In einem langen Artikel über «Klinghoffer» schrieb der Guardian, dass diese Oper nur selten aufgeführt werde, was in einem erstaunlichen Missverhältnis zu der enormen Bedeutung von John Adams steht. Der Grund seien gut organisierte Gruppen, die dem Werk in der Vergangenheit bei jedem Anlass Antisemitismus vorgeworfen haben. Allerdings betonen der Komponist und die extrem gute Librettistin Alice Goodman, dass sie sich große Mühe gegeben haben, beide Seiten zu Wort kommen zu lassen. Es gibt einen Choral von jüdischer und einen palästinensischer Stimmen. Das Signal, das durch eine solche öffentliche Hysterie gesendet wird, ist gefährlich: Es braucht nur genug Empörung, dann macht man eine Seite mundtot.

Bei Opern.News loten wir seit Jahren diesbezügliche rote Linien aus. Bei dem Putin-Unterstützer Ildar Abdrazakov sahen wir sie vor drei Jahren klar überschritten. Nach unseren Recherchen zog sich der Sänger sich relativ bald aus fast allen westlichen Engagements zurück. Interessanterweise war aber die Wiener Staatsoper das letzte Haus im deutschsprachigen Raum, das ihn fallen gelassen hat. Das ist wohl kein Zufall, denn in Österreich gibt man sich traditionell nach allen Seiten hin freundlich.

Es fällt generell auf, dass die Österreicher in solchen Fragen die letzten sind, die nachziehen. Man ist sehr gemütlich. Ein Problem ist, dass viele Neutralität falsch verstehen. Neutralität ist eine geostrategische Einordnung und bedeutet nicht, dass man einem moralischen Relativismus folgt. Neutralität bedeutet nicht, keine ethische Position zu haben und auch nicht, dass man keine Stellung beziehen darf. Ein Problem bei politischen Haltungen ist, dass es bei den meisten Leuten eine absichtliche Blindheit gibt, weil es unangenehm ist, sich mit Widersprüchen auseinanderzusetzen, die ihre Haltung mit sich bringt.

Bei diesem Thema sind viele Menschen blind. Es scheint gerade in Österreich einige zu geben, die immer noch prorussisch sind.

Ich habe ein Problem mit der Bezeichnung „prorussisch“, weil ich es verniedlichend finde. Wir meinen ja nicht „prorussisch“, sondern von „pro Diktatur“. Ich selbst bin prorussisch, weil einige der mir liebsten Autoren und Komponisten Russen waren. Über dieses Thema habe ich auch schon mit ukrainischen Kollegen gestritten. Was waren Bulgakov und Gogol? Sie haben auf Russisch geschrieben, soll man ihnen jetzt nachträglich Berufsverbot erteilen? Was nicht oft genug gesagt werden kann: Nichts von dem, was derzeit von der erbärmlichen Diktatur im Kreml entschieden wird, ist im Sinne der russischen Gesellschaft. Man kann ja nicht einmal behaupten, Russland würde wirtschaftlich reüssieren. Wir sprechen von der erbärmlichsten Form oligarchischer Alleinherrschaft.

 


Link zum ersten Teil dieses Interviews


 

Ilija Trojanow ist ein deutschsprachiger Schriftsteller, Übersetzer und Publizist. Geboren 1965 in Sofia (Bulgarien), floh seine Familie 1971 vor dem kommunistischen Regime und lebte zunächst in Deutschland, später in Kenia. Trojanow studierte Rechtswissenschaften und Ethnologie, bekannt wurde er mit Reportagen, Essays und Romanen, darunter „Der Weltensammler“. In seiner Festrede „Der Ton des Krieges, die Tonarten des Friedens“ bei den Salzburger Festspielen 2022 argumentierte Trojanow, dass Krieg nicht nur auf dem Schlachtfeld, sondern auch in unserer Sprache und unserem Denken wirkt, und plädierte dafür, durch Kunst, Vielfalt, Widerspruch und Dialog eine Kultur des Friedens zu stärken. Seine Werke wurden in 31 Sprachen übersetzt und befassen sich häufig mit Migration, Identität, Kulturkontakt und Globalisierung. Im Rahmen seiner „Operama“-Reihe reflektiert er seit Juni 2026 in Opern.News auf literarische Weise die Beziehungen der Oper zur Gegenwart.


Zum Thema

SALZBURGER FESTSPIELE 
Der Ton des Krieges, die Tonarten des Friedens.
Rede anlässlich der Eröffnung der Salzburger Festspiele 2022. – von: Ilija Trojanow, 26.07.2022

 

Der gebrechliche Wesir des Osmanischen Reiches führt seinen Neffen als Nachfolger in die Strategien des Herrschens ein – Trojanow erzählt Stojan Michailowskis Großgedicht „Buch für das bulgarische Volk“ aus dem Jahr 1897 in seiner eigenen Sprache nach und kommentiert es mit den Stimmen bedeutender Theoretiker des Herrschens. – „Das Buch der Macht“ (2025), Aufbau-Verlage, 482 Seiten.

 

Trojanows neuestes Buch „Ein Glas voller Zeit“ (2025) ist gleichsam eine Liebeserklärung an den Wein. Es enthält Sätze, die man sich als Weinliebhaber ausdrucken und einrahmen möchte, darunter gleich den ersten: „Wein betört den Gaumen, Poesie die Gedanken.“ Oder: „Wein ist eine Entschädigung für die Vertreibung aus dem Paradies“. Oder über Geschmack: „Es bedarf eines wissenden Genießens und eines genießenden Wissens.“ – erschienen im Residenz Verlag auf 144 Seiten.

 

 

Ilija Trojanows Operama

#2 | Glaube, Musik, Ornithologie. Der Komponist Olivier Messiaen war ein spiritueller Ornithologe. In Salzburg hört man seine einzige Oper «Saint François d’Assise» derzeit als ökologischen Warnruf. –12.08.2026

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