Manufaktur der Künste
Einfach nur kommen
Bereits zum zweiten Mal ging in der Zacherlfabrik in Wien-Döbling ein einzigartiges Kammermusik-Festival über die Bühne. Wiener Klassik und Romantik trafen dort auf vier Erstaufführungen
Stephan Burianek • 13. September 2026
Der letzte Ton von Robert Schumanns „Kreisleriana“ war verklungen, da hielt die Pianistin Ketevan Sepashvili lange in sich gesunken inne, fünf Sekunden, zehn Sekunden. Als das Publikum endlich zu klatschen wagte, nahm die Pianistin den Beifall noch sichtlich benommen entgegen. Eine Viertelstunde nach dem umjubelten Konzertende steht sie gelöst an der Bar im fragmentierten Zwischengeschoß der charmant ramponierten Zacherlfabrik, das Bühnenkleid der Designerin Suanne Bisovsky abgelegt und gegen eine weite schwarze Stoffhose und ein pinkes T-Shirt getauscht. „Ich dachte mir: ‚Habe ich wirklich alles gespielt?‘“, verrät die Pianistin ihre Gedanken nach der „Kreisleriana“, das Stück sei einfach „so kurzweilig“.
Es sind auch Begegnungen wie diese, die die Manufaktur der Künste zu einem speziellen Erlebnis machen. Die intime Atmosphäre des charmant ramponierten Industrieraums mit seinen weiß gestrichenen Ziegelwänden und rostig-rötlichen Eisensäulen, in dem vor hundert Jahren Mottenkugeln hergestellt wurden, überrascht nicht nur mit einer guten Akustik, sie bringt an den weiß umhüllten Stehtischen zudem die Menschen zusammen.
Am Puls der Gegenwart
Man kommt freilich wegen der Musik und den erstklassigen Künstler:innen, die Sepashvilis Netzwerk entspringen und oftmals einen georgischen Hintergrund haben oder an der Wiener Universität für darstellende Kunst (MDW) unterrichten. Schon das Eröffnungskonzert des Trios Revolution, in dem Sepashvili am Klavier, Temo Kharshiladze auf der Flöte und Sandro Sidamonidze das Cello spielt, verbindet Altes mit Neuem, Bekanntes mit Überraschendem. Ein lebensbejahendes Trio von Martinů (H. 300), Klassisches von Haydn (Hob. XV:16), ein fetziger Abschluss mit Nikolai Kapustin (op. 86) und dazwischen eine Uraufführung: Michele Allegros Trio „Pulse“ ist technisch anspruchsvoll und zugleich leicht zugänglich, changiert zwischen fröhlich-flott und nachdenklich, dabei wirkt der menschliche Puls rhythmisch stets vernehmbar.
Mit Ketevan Zariashvili und Alexandre Shubitidze stellten sich tags darauf zwei junge Pianisten in einer Matinée am Fazioli-Flügel vor, die ihre Ausbildung in der Sakaria-Paliaschwili-Musikschule für Hochbegabte in Tiflis erhalten haben. Wie bei anderen Größen, werden sich die Interpretationen auch bei diesen beiden noch weiterentwickeln, wiewohl sie bei Beethoven, Chopin und Rachmaninow nicht bloß technisch bereits vollkommen wirken.
Einen absoluten Höhepunkt bildete dann jener mit „High Five“ betitelte Abend, an dem es ausschließlich Neues zu hören gab: Zu Lowell Liebermann pflegt das Trio Revolution eine freundschaftliche Beziehung, seitdem sich Temo Kharshiladze, der Flötist, in seiner Masterarbeit mit dem in den USA mittlerweile höchst gefragten Komponisten auseinandergesetzt hat. Die europäische Erstaufführung von Liebermanns drittem Kammerkonzert für Quintett, das der Klarinettist Dimitri Ashkenazy und die Violinisten Veriko Tchumburidze komplettierten, faszinierte nicht zuletzt durch das organische Zusammenspiel von Flöte und Klarinette, das zumindest an jenem Abend fast wie ein und dasselbe Instrument zu klingen schien.
Für die anschließende Uraufführung von George Oakleys Quintett „Shining“ kam der Komponist eigens angereist. Er habe den gleichnamigen Film, der eigentlich nicht jugendfrei ist, schon als Kind gesehen, gestand er im Gespräch mit Ursula Magnes, und sei selbst eine Zeitlang am schmalen Grat zwischen dem Dies- und dem Jenseits unterwegs gewesen. Zu Beginn von Oakleys ungemein intensiver Komposition vermeint man tatsächlich die Seele eines Verstorbenen vor seinen Augen gen Himmel steigen zu sehen. Das Jenseits bildet einen Rahmen, von dem aus das Leben wie in einer Rückschau vorbeizieht, um dann mit großer Bestimmtheit und Wucht wieder am Eingang zur Überwelt zu enden.
„Wäre ich noch ein Teenager, würde ich mir ein Poster von ihm ins Zimmer hängen“, schwärmte tags darauf eine späte Flötenschülerin und zufällig die Gattin des Verfassers dieses Berichts über Temo Kharshiladze. Man konnte es ihr nicht verdenken, denn sowohl in Debussys „Syrinx“, als auch in Faurés Fantasie (op. 79) für Flöte und Harfe, die großartig zupackend von Mirjam Schröder intoniert wurde, verführte der in Wien lebende Georgier mit einer ungemein einfühlsamen und zugleich präzisen Spielweise in eine eigene Welt, die auch den älteren Herrn in der Reihe dahinter nicht kalt ließ: „Das hört man beim Emmanuel Pahud auch nicht besser“, dürfte nicht nur in Wien als höchstes Lob klassifiziert werden können.
Waren alle Konzerte nahezu ausverkauft, so blieb beim Abschlusskonzert kein einziger Sitzplatz frei. Man wartete gleich mit zwei Fazioli-Flügeln auf, bei Mozart (KV448), Fauré (op. 56) und Rachmaninow (op.17) bildeten Ketevan Sepashvili und Tamara Chitadze ein ungemein organisch klingendes Duo. Hinter den Klavieren hatte man ein Schlagzeug-Set aufgebaut, das nach der Pause von Thomas Schindl und Sebastian Brugner bespielt wurde. Die österreichische Erstaufführung von Jorge Tabarés‘ farbenreiche, zweisätzige Sonate für zwei Klaviere und Schlagwerk riss das Publikum mit zunächst traumhaft entrückten, dann sich jazzig-swingend emporrauschenden, dabei stets von Béla Bartók inspirierten Klängen buchstäblich von den Sitzen.
Ein Elefant im Industrieraum
Am Ende stand fest: Man besucht die Manufaktur der Künste nicht, um noble Garderobe in goldene Säle auszuführen. Dabei ist die Eleganz freilich nicht verboten: So stellte sich jene Schönheit, die an allen fünf Konzerttagen in prächtigen Kleidern die Blicke auf sich gezogen hatte, nach dem Abschlusskonzert im persönlichen Gespräch überraschenderweise nicht als bezahltes Susanne-Bisovsky-Model, sondern als musikbegeisterter Fan ebenjener Wiener Designerin heraus, deren Kreationen auf Bildern und mit einer Kostüminstallation überdies den Veranstaltungsort aufgewertet hatten.
Natürlich kommen einige Besucher:innen aus Schaulust, denn vor der ersten Manufaktur der Künste im vergangenen Jahr war die Zacherfabrik, deren buntes Äußeres mit einer Kuppel und zwei kleinen Minaretten an eine persische oder indisch-mogulische Moschee erinnert, mehr als zehn Jahre lang für Veranstaltungen geschlossen. Das ist insbesondere für Döbling schade, denn der Wiener Gemeindebezirk droht im traditionellen Wettstreit mit Währing und Hietzing zunehmend an Glanz zu verlieren, ein kultureller Boost würde ihm guttun. Dabei zogen die nahen Weinberge (und mittlerweile versiegte Heilquellen) in der Vergangenheit die Allergrößten an – und beeinflussten so die Musikgeschichte: Beethoven, Mahler und Franz Lehár lebten innerhalb der heutigen Bezirksgrenzen, Schubert feierte dort immerhin regelmäßig, und Mozart holte sich Inspiration für seine «Zauberflöte» – um jetzt nur die wichtigsten zu nennen.
Trotzdem hat es eine gewichtige Person bisher nicht in die Zacherlfabrik geschafft: Der Döblinger Bezirksvorsteher hatte wichtigeres zu tun, ließ er einen Besucher wissen, der in einem Sozialen Netzwerk fragte: „Döbling hat nicht nur feine Weinkultur: ein Weltklasse-Musikfestival [...] in der Zacherlfabrik. Warum glänzt unsere Bezirksvertretung mit Abwesenheit?“. Die Antwort kam prompt: „Ich kann mich doch nicht teilen ;)“. Dabei bräuchte man sich nicht zu teilen, möchte man dem entgegnen, denn es würde völlig reichen, einfach zu einem der immerhin fünf Konzerttermine zu kommen. Womöglich sieht man den Bezirkschef im nächsten Jahr. Ob es dann vielleicht auch einen Liederabend geben wird? Abgesehen von der moderierenden Ursula Magnes fehlt diesem Festival bislang das Handwerk der menschlichen Stimme. Aber was nicht ist, das kann noch werden: Die Manufaktur der Künste ist ein spannendes, gesamtheitliches Projekt, das hoffentlich am Beginn einer längeren Entwicklung steht.
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