So alt und doch so neu #7 / #8

Die Wahrheit zwischen den Noten

Zur siebten und achten Folge der Gesprächsreihe „So alt und doch so neu – Inspiration und Quellen klassischer Musik im 21. Jahrhundert – Maximilian Haberstock im Gespräch mit Willi Patzelt“

Willi Patzelt • 22. Oktober 2026


Link zur Folge 7: Wagner, Bülow, Mahler und die Kunst des Dirigierens – Tradition als Schlamperei? 

Die Folge 8 erscheint am 29. Oktober


 

Der Dirigent Maximilian Haberstock im Gespräch mit Willi Patzelt
Der Dirigent Maximilian Haberstock im Gespräch mit Willi Patzelt © Haberstock

Wer ein Konzert besucht, erlebt zunächst etwas Selbstverständliches. Ein Orchester spielt Mozart, Beethoven oder Mahler. Ein Dirigent steht davor und sorgt dafür, dass alles zusammenbleibt. So zumindest die landläufige Vorstellung. Doch was genau tut ein Dirigent eigentlich?

Die Frage erscheint banal, ist es aber nicht. Denn sie berührt einen grundlegenden Widerspruch der klassischen Musik. Einerseits gilt die Partitur als Grundlage jeder Aufführung. Andererseits kann keine Partitur jemals vollständig notieren, was Musik eigentlich ausmacht. Noten geben Tonhöhen, Rhythmen und viele weitere Details vor. Doch sie können nicht festhalten, warum ein musikalischer Gedanke berührt, wie Spannung entsteht oder weshalb dieselbe Symphonie an einem Abend elektrisiert und am nächsten seltsam leer wirkt.

Die Geschichte des Dirigierens lässt sich zu einem erheblichen Teil als Suche nach Antworten auf genau dieses Problem verstehen. Seit dem 19. Jahrhundert entwickelte sich der Dirigent vom Taktgeber zum eigenständigen Künstler. Namen wie Wagner, Bülow, Mahler oder später Furtwängler stehen für sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, was musikalische Interpretation überhaupt sein soll. Hinter allen Unterschieden verbirgt sich jedoch dieselbe Frage: Wie gelangt man von den notierten Einzelheiten zu jenem größeren Zusammenhang, den Hörer oft unmittelbar spüren, aber nur schwer beschreiben können?

Vielleicht liegt hier überhaupt eine der interessantesten Besonderheiten klassischer Musik. Anders als viele andere Künste erschließt sie sich nicht allein durch Analyse. Natürlich kann man Formen, Harmonien und Strukturen untersuchen. Doch jeder Konzertgänger kennt auch jene Momente, in denen eine Aufführung plötzlich eine Sogwirkung entwickelt, die sich rational kaum erklären lässt. Man hört dieselben Noten wie zuvor – und doch scheint etwas grundsätzlich anders zu sein.

Gerade in einer Zeit, die häufig nach Messbarkeit, Objektivität und eindeutigen Antworten verlangt, wirkt dieser Gedanke beinahe fremd. Dennoch gehört er seit Jahrhunderten zum Kern musikalischer Erfahrung. Große Interpretationen entstehen nicht allein durch Präzision. Sie leben auch von Risiko, von Vorstellungskraft und von der Bereitschaft, hinter den Notentext zu blicken.

Die siebte und achte Folge von „So alt und doch so neu“ beschäftigen sich deshalb mit der Geschichte des Dirigierens und mit einigen ihrer prägendsten Gestalten. Vor allem aber kreisen sie um eine Frage, die bis heute aktuell geblieben ist: Gibt es in der Musik eine Wahrheit hinter den Noten – und wenn ja, wie lässt sie sich finden?

Denn vielleicht besteht die Aufgabe des Interpreten nicht nur darin, Musik wiederzugeben. Vielleicht besteht sie darin, etwas sichtbar – oder besser: hörbar – zu machen, das in den Noten allein noch gar nicht enthalten ist.

 


 

Der Dirigent Maximilian Haberstock kann mit 21 Jahren bereits auf eine steil ansteigende internationale Karriere im symphonischen wie im Opernrepertoire verweisen. Er ist Gründer und Chefdirigent des Münchner Festspielorchesters (ehemals Junges Philharmonisches Orchester München), eines internationalen Ensembles von 97 herausragenden jungen Musikern aus 32 Nationen, mit dem er seit 2023 in renommierten Konzerthäusern wie dem Mozarteum Salzburg, der Alten Oper Frankfurt, dem Smetana-Saal Prag und dem Herkulessaal München konzertierte. Bevor sich Haberstock ganz dem Dirigieren widmete, wurde er als Pianist vielfach ausgezeichnet und gewann zahlreiche erste Preise im Fach Klavier. Er trat unter anderem in der Carnegie Hall sowie gemeinsam mit Lang Lang im Schloss Bellevue auf Einladung des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier auf. Seitdem war er Junior Conducting Fellow des Verbier Festivals, Dirigierassistent von James Gaffigan und bislang jüngster Teilnehmer der Gstaad Conducting Academy.

Geboren 2000 in Dresden, arbeitet Willi Patzelt als Musikkritiker in München. Seine musikalischen Schwerpunkte liegen in Oper, Symphonik, Kammermusik und Lied, besonders der deutschen Romantik, daneben in geistlicher Chormusik und Operette. Nach Stationen in England und Istanbul lebt und arbeitet er in München. Dort studiert er Rechtswissenschaften und beschäftigt sich besonders mit Rechtsphilosophie und Rechtstheorie. Zudem ist er im Bereich Gesellschaftsrecht und Mergers & Acquisitions für eine internationale Wirtschaftskanzlei tätig.

 

Zum Thema

Wem gehört das Werk? Zur vierten bis sechsten Folge der Gesprächsreihe „So alt und doch so neu – Inspiration und Quellen klassischer Musik im 21. Jahrhundert“. – von: Willi Patzelt, 03.09.2026

Das Finalproblem: Wohin, wohin? Zur zweiten und dritten Folge der Gesprächsreihe „So alt und doch so neu – Inspiration und Quellen klassischer Musik im 21. Jahrhundert“. – von: Willi Patzelt, 09.08.2026

Liegt die Zukunft hinter uns? Zur ersten Folge der Internetstream-Gesprächsreihe „So alt und doch so neu – Inspiration und Quellen klassischer Musik im 21. Jahrhundert: Maximilian Haberstock im Gespräch mit Willi Patzelt“. – von: Willi Patzelt, 23.07.2026