Zur Situation in der Ukraine

Kunst und Kultur unter Beschuss

Soll man russische Kunst und Künstler boykottieren oder gerade jetzt unterstützen? Unabhängig von dieser Frage ist das Interesse an ukrainischer Kunst gestiegen

Ute Grundmann • 09. November 2022

Das Theater in Mariupol im Mai 2021 und nach seiner Zerstörung im März 2022 © Oleksandr Malyon / Creative Commons (Collage)

Nicht nur Adam Fischers „Herz schreit nach Gerechtigkeit“. Der Dirigent trauert auf Facebook um seinen ukrainischen Kollegen Jurij Kerpatenko, der von russischen Besatzungssoldaten in seinem Haus erschossen wurde. Der 46-jährige Musiker, in Kyiv ausgebildet, leitete in der südukrainischen Stadt Cherson drei Orchester. Er soll sich geweigert haben, mit den Besatzern seiner Heimat zu kollaborieren, auch wenn es dabei „nur“ um ein Konzert ging, das er im Namen Russlands leiten sollte. Daraufhin haben russische Soldaten den Familienvater „auf brutale Weise ermordet“, wie Adam Fischer schreibt – „Diese Tat ist barbarisch und der Hintergrund noch viel mehr!“ Fischer schränkt ein, „wenn es sich so zugetragen hat“; denn wie so vieles lässt sich auch dieses Geschehen derzeit nicht unabhängig überprüfen. 

Jurij Kerpatenko ist leider nicht das erste Todesopfer in der ukrainischen Kulturszene seit Beginn des russischen Angriffskrieges. Bereits am 17. März starb der Tänzer Artem Datsyshyn (43) an den schweren Verletzungen, die er beim russischen Beschuss der Stadt Kyiv am 26. Februar erlitten hatte. Darsyshyn war Solotänzer an der Oper Kyiv. Auch Oleksandr Shaporal war Tänzer, später Lehrer am Kyiv State Choreographic College. Der 47-Jährige hatte sich freiwillig zum Kriegseinsatz gemeldet, im Oktober wurde er bei einem Gefecht in Majorsk in der Donezk-Region getötet.

Mit diesen drei (bis jetzt bekannten) Todesopfern hat einen tragischen Höhepunkt erreicht, was Russlands Präsident Wladimir Putin nicht erst seit Beginn seines Angriffskrieges betreibt: Nicht nur die Autonomie der Ukraine zu leugnen und zu ignorieren, sondern auch deren eigenständige Kultur. Die war im Westen bislang wenig bekannt und beachtet und hat selbst „für die ukrainischen Politiker keinen hohen Stellenwert“, wie Anna Stavychenko in einem Interview mit dem VAN-Magazin im Februar sagte. Bis dahin war sie Intendantin des Kyiv Symphony Orchestra und künstlerische Leiterin des Festivals Open Music City. Inzwischen ist auch sie aus der Ukraine geflohen. Sie sagte weiter, bis zur international nicht akzeptierten Anerkennung der selbsternannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk durch Putin-Russland habe sie „nur Fragen gehört, ob Konzerte stattfinden oder nicht. Niemand schien sich darum zu kümmern, was in der Ukraine passierte“. Seitdem erhalte sie viele „Unterstützungsworte“. 

Auch im Westen wachsen Interesse und Wahrnehmung für die ukrainische Kunst. Zum einen, weil für Konzert- und Kulturprogramme ausdrücklich nach Werken aus dem überfallenen Land gesucht wird. So hob MDR Klassik die „Variationen über ukrainische Volkslieder“ von Franz Xaver Mozart ins Programm, weil er 20 Jahre in Lwiw wirkte. Seine Werke erklangen auf Originalinstrumenten der Mozart-Familie, als in Salzburg Akteure der Internationalen Stiftung Mozarteum und des ukrainischen LvivMozArt-Festivals zusammentrafen. Die Dirigentin Oksana Lyniv gründete das Fest 2017, um die Kultur der Ukraine und Westeuropas stärker zu verbinden. Beim diesjährigen Treffen erzählten die ukrainischen Gäste von ihren Erfahrungen und von der Kraft der Solidarität und der Musik. Daraus entstand der Dokumentarfilm „Lviv – Salzburg: Mozart for Solidarity“, der auf dem YouTube-Kanal von LvivMozArt zu sehen ist.

Freiheitsoper: Im Mai gastierte das Kiewer Opernhaus mit Beethovens «Fidelio» im Staatstheater Meiningen © Christina Iberl

Eine Kiewer Inszenierung des «Fidelio», die dort 12 Tage vor Kriegsbeginn Premiere hatte, war im Mai in Meiningen zu sehen. Die Originalkulissen brachten Hilfskonvois auf ihrer Rückfahrt aus der Ukraine mit. Zum anderen vergrößert sich die Wahrnehmung, weil immer mehr Künstler aus ihrer Heimat fliehen müssen. Und das bringt nicht nur sie, sondern auch russische Künstler, die in Europa und der Welt agieren, in große Konflikte.

„Der Feind ist Putin, nicht Puschkin“ – so eingängig formulierte der deutsche PEN zur Kriegssituation. Doch so einfach ist die Lage leider nicht. „Wir waren nie Brüder und Schwestern“, stellte Olga Bezsmertna im Gespräch mit opern.news fest. „Für mich war es in den ersten Wochen des Krieges nicht leicht, auf die Bühne zu gehen und zu singen, während meine Heimat zerstört wird und Kinder so schreckliche Dinge miterleben müssen.“ Sie möchte niemanden verurteilen, betonte die in Wien lebende Sängerin, „aber es ist natürlich unangenehm, wenn sich Kolleg:innen verschließen und kein Wort über die Situation verlieren.“ Drastischer erlebte Birgit Lengers schon im März den Konflikt: „Ukrainische Künstlerinnen finden es undenkbar, gemeinsam im Rahmen eines Festivals oder auch nur eines Solidaritätstages auf einem Panel zu sitzen mit Kolleginnen aus Russland.“ Lengers leitet das Junge Deutsche Theater in Berlin, kuratiert das Festival „Radar Ost“ und hoffte, ein Forum für einen Dialog zu schaffen. Aber sie habe „sehr, sehr deutlich“ gemerkt, dass das von ukrainischer Seite nicht möglich sei.

Auch Anna Skryleva, GMD der Magdeburger Philharmonie, fand deutliche Worte gegen Putins Krieg: „Den aktuellen Angriff Russlands auf die Souveränität verurteilen alle Menschen, die ihren gesunden Menschenverstand nicht verloren haben! Es ist ein Krieg gegen ein souveränes Volk. Gegen dessen Freiheit und Kultur.“ Aber die in Russland geborene Dirigentin, die inzwischen die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, betonte auch: „Wir dürfen nicht alles miteinander vermischen und über einen Kamm scheren. Wir können nicht pauschal alle Künstler, Sportler und andere Berufsgruppen aufgrund ihrer russischen Identität pauschal ausgrenzen. Es ist genau die Spaltung der Gesellschaft, zu der uns Putins Regierung zwingen will.“

Für einen differenzierten Blick auch in dieser problematischen Situation plädierte auch Vladimir Jurowski. Er gehört zu den Unterzeichnern eines offenen Briefes, in dem gegen „den skrupellosen Krieg, den Putins totalitäres Regime gegen die souveräne Ukraine entfesselt hat und in dessen Zuge russische Panzer und Raketen auf unschuldige Zivilisten zielen“. Aber er differenzierte auch: „Nicht alle Russen und Belarussen, schon gar nicht alle Kulturschaffenden dieser beiden Nationen unterstützen diese schreckliche Invasion.“ Und nicht jeder fühle sich imstande, „klar auszusagen, weil eine solche Aussage unter Umständen der Person selbst oder ihren Angehörigen, Freunden und Arbeitskollegen in Russland oder Belarus erheblichen Schaden zufügen könnte“. Einen Boykott hält auch die russische Pianistin Elena Bashkirowa für „kulturlos. Das ist absurd, dumm und spielt Putin und seinen Leuten in die Hände. Im Zweiten Weltkrieg hat niemand Beethoven abgesagt, man hat ihn gespielt“.  

Seinen ganz eigenen Weg fand der Pianist Grigory Sokolov: Unter dem Eindruck des Angriffs auf die Ukraine gab er seine russische Staatsbürgerschaft auf und wählte die spanische. Anna Netrebko dagegen, die ihren 50. Geburtstag im Kreml feierte, schwieg allzu lange, distanzierte sich dann ein wenig und kämpft nun vor allem gegen eine angebliche „Russophobie“. Das Theater Erfurt scheute sich trotzdem nicht, mit ihr in der Titelpartie mit «Manon Lescaut» in Monaco zu gastieren. Die Monegassen trugen die Kosten, die Erfurter freuten sich über ihren Anteil an den Einnahmen, und Netrebko musste beim Schlussapplaus unter einer ukrainischen Nationalflagge stehen. Die zeigen auch viele Menschen in Europa als Zeichen der Solidarität. Für sie ist das ungefährlich, nicht aber für Künstler in den beiden Ländern, die seit dem 28. Februar Kriegsgegner sind. Inzwischen hat auch Martina Owsjannikowa, die mutige russische Journalistin, die ein Anti-Kriegs-Plakat in die Fernsehkameras hielt, ihre Heimat verlassen. Sie sei mit ihrer Tochter in Europa in Sicherheit, mehr wird zu ihrem Schutz nicht bekanntgegeben. 

Sowohl Anna Skryleva als auch Luigi Gaggero weisen darauf hin, dass Tschaikowski in seinen Kompositionen auch ukrainische Volkslieder verwendet habe. Gaggero ist Chefdirigent des Kyiv Symphony Orchestra, das kurz nach Kriegsbeginn eine Tournee durch Europa begann. Dazu brauchte es für die Musiker im wehrfähigen Alter Ausnahmegenehmigungen, da Männer bis zu 60 Jahren die Ukraine nicht verlassen dürfen. Inzwischen haben 80 Musiker und ihre Familien Zuflucht und eine neue Residenz in der thüringischen Kleinstadt Gera gefunden, in der es ein Theater und ein Orchester gibt.

Vor einer Zweckentfremdung der Künste hatte Anna Stavychenko gewarnt: „Wir sehen, wie Kultur und klassische Musik sehr gut für Propaganda instrumentalisiert werden können. Und Russland weiß, wie man sie einsetzt.“ Umso absurder, dass der Kremlchef vergangene Woche von einer „Gehirnwäsche“ sprach, behauptete, der „kollektive Westen“ verbiete russische Kultur und das sogar „Cancel Culture“ nannte. Aber der von ihm losgetretene Krieg ist eben auch ein Propagandagefecht. So zählte der Auswärtige Dienst der EU in den vergangenen 12 Monaten mehr als 1.200 Falschinformationen in kremlnahen Medien. Diese richteten sich unter anderem gegen die EU und andere Akteure, die sich gegen den russischen Krieg stellten und die Ukraine unterstützen. 

Der ukrainische Komponist Valentin Silvestrov im sächsischen Kurort Gohrisch vor der Verleihung des Internationalen Schostakowitsch-Preises 2022 © Creative Commons

Der ukrainische Präsident Wolodymir Selensky dagegen bedauerte, dass „europäische Politiker immer noch versuchen, Russland zu verstehen. Dagegen helfen Bücher und Dokumentationen.“ Anlass seiner Äußerung war die Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels an Serhij Zhadan, „gleichermaßen für sein künstlerisches wie humanitäres Schaffen“. Sein Autorenkollege Jurij Andruchowitsch wird den Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf erhalten, als „entschiedener Verfechter europäischer Werte“. Der Komponist Valentin Silvestrov wurde in Gohrisch mit dem Schostakowitsch-Preis ausgezeichnet, der 84-Jährige floh vor dem Krieg nach Berlin. Bei der Verleihung des Schostakowitsch-Preises erklangen seine „Drei Postludien“ für Sopran, Violine, Violoncello und Klavier, dazu Klavierwerke, von ihm selbst gespielt. Auch beim Solidaritätskonzert, zum dem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ins Schloss Bellevue bat, spielte Silvestrov eigene Kompositionen am Klavier.

„Noch sind der Ukraine Ruhm und Freiheit nicht gestorben.“ So lautet die erste Zeile der ukrainischen Nationalhymne, die der katholische Priester Mychajlo Werbyzkyi im 19. Jahrhundert vertonte. Etliche Orchester begannen oder beendeten mit dieser Hymne ihre Konzerte. Klänge der National- wie der Europahymne ließ der ukrainische Komponist Eduard Resatsch in sein aktuelles Werk „Ukraina – den Opfern des Krieges“ einfließen, das das Philharmonische Orchester Cottbus in einem seiner Konzerte spielte. Mit Maykola Lysenkos "Geistlicher Hymne" begann das Leipziger Calmus Ensemble sein a cappella-Konzert „Bach for five“, das live auf YouTube ausgestrahlt wurde.

Die Nationalhymne erklang natürlich auch in den Konzerten des Kyiv Symphony Orchestra in sieben deutschen Städten, darunter in Freiburg. Zuvor konnten die Zuhörer die Symphonie Nr. 1 C-Dur von Maxym Berezovska (1745-1777) kennenlernen; auch die 3. Symphonie von Boris Ljatoschynsky (1895-1968) wurde aufgeführt.

Das Label Naxos Deutschland hat eine Liste mit Werken ukrainischer Komponisten und von Aufnahmen ihrer Werke aus seinem Katalog veröffentlicht. So will man deren Bedeutung unterstreichen und zugleich mit den Erlösen ukrainische Musiker unterstützen.

Die ukrainische Historikerin Iryna Sklokina allerdings fürchtet, „je länger der Krieg andauert, desto schlichter und monolithischer wird das ukrainische Verständnis von Kultur. Wir werden also auch nationalistischer“. Auch dem sollen die vielen gemeinsamen Projekte und Veranstaltungen entgegenstehen. Ob nun die Dresdner Philharmonie zusammen mit der Stadtbibliothek die aus Mariupol stammende Autorin Natascha Wodin zu Lesung und Konzert einlädt oder sich Autoren aus der Ukraine und Deutschland in Weimar auf einer „Brücke aus Papier“ treffen. All das sind Zeichen der Solidarität wie des Protestes gleichermaßen. Als Igor Levit vor seinem Gewandhauskonzert mit Schostakowitschs 24 Präludien openair auf dem Augustusplatz spielte, wurde diese Videobotschaft junger Ukrainer eingespielt: „Wir lassen uns nicht vorschreiben, wie wir zu leben haben.“
 

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YOUTUBE / LvivMozArt
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