Mozartwoche Salzburg
Wolferl forever!
Mozart schaut aus wie „Schauspieldirektor“ Rolando Villazón früher: Applaus-Explosionen nach der Festpremiere für einen starken Abend mit ikonographischen Referenzen
Roland H. Dippel • 24. Januar 2026
Die Untertitel „Singspiel“ und „Große Oper“ für KV 620 machen deutlich: «Die Zauberflöte» ist ein echtes Musical und die Zauberstücke ihres mutmaßlichen Textdichters Emanuel Schikaneder für das Theater an der Wieden um 1790 ein Kreativkick gegen die italienische Oper im Alten Burgtheater. Rolando Villazón als an der Met geadelter Papageno legitimierte diese Haltung in seiner Inszenierung durch den Beistand von Mozarteum-Forschungsleiter Ulrich Leisinger. Harald Thors sinnfälliges Bühnenbild mit von Villazón gewünschten Reminiszenzen an den Maler Mark Rothko (1903-1970) wurde der Rahmen für eine erwartungsgemäß rasante Regie. Am Ende fehlten nur noch die Böller draußen. Aber in Salzburg ist Böllerverbot und deshalb wuchs der explosive Applaus bei der Wiederholung des Schlusschors als Rausschmeißer-Finale noch mehr. Schade: An der Komischen Oper Berlin gibt es nach den Vorstellungen Rausgehen immer Konfekt für alle. Eine Mozartkugel hätte diese glamouröse Festpremiere noch mehr gerundet.
Am Ende hängt Mozart über den gefeierten Mitwirkenden vom Schnürboden. Im rotsamtenen Ausgehrock flirtet und feixt er. Vitus Denifl ist als Wolferl vom ersten Es-Dur-Akkord bis zum hymnischen Schlusston dabei. Der Charmeur Denifl schaut aus wie der junge Villazón vor 25 Jahren, ist wie der Mozartwoche-Chef ein Tänzer zwischen Musik und Clownerie. Also müsste die neue «Zauberflöte» eigentlich „Der Musikdirektor in der Matratzengruft“ heißen – frei nach dem Titel des Mozart-Singspiels und der Umschreibung des tuberkulösen Heinrich Heine für sein Pariser Krankenzimmer. Eine Anekdote in der Allgemeinen Musikalischen Zeitung (1798) und ein Brief Ignaz' von Seyfrieds überliefern dieses traurige Bild: Als Mozart wegen rapider Hinfälligkeit die «Zauberflöte»-Vorstellungen vor seinem Tod am 5. Dezember 1791 nicht mehr dirigieren konnte, visionierte der sozial Dehydrierte daheim den Verlauf der Vorstellung seines größten Wiener Erfolgs seit «Die Entführung aus dem Serail».
Die Darstellung von traurigem Ende und Künstlerglück verlaufen mit dem „echten“ «Zauberflöte»-Geschehen in Villazóns adretten bis kokett unflätigen Sterbebildchen-Kosmos parallel. Mozart und die bildschöne Konstanze (Victoria D'Agostino) herzen sich und pampern ihre beiden Söhnchen. Immer wieder mischt sich der schalkhafte Bengel Mozart ins Geschehen. Tanja Hofmanns Kostüme haben deutliche Farben, zitieren bei Papagena frühere Klamottenhaftigkeit und sind edel wie für die Schaufenster in den Salzburger Lauben. Überall in Thors Raum mit Bett, Schrank und taubenblauen Wänden glitzern Noten. Ikonographische Meilensteine wie Karl Friedrich Schinkels Sternenhimmel mitsamt Flugwerk für die Königin der Nacht fließen ein.
Bei Villazón gibt es das bewusste Spiel mit der wesentlichen Zahl Drei (unter Verzicht auf Freimaurerisches) und bei toller Dialogarbeit des internationalen Ensembles minimale Retuschen am Text: „Weib und Weib und Mann und Mann reichen an die Gottheit an“. Der Leiter der Festwoche übernimmt mit respektablem Bedacht nicht alles vom woken Zeitgeist, verweigert sich Cancel-Postulaten und steht rühmlich glaubhaft für die Ideale einer offenen Gesellschaft.
Aber Villazón überträgt auch die sich verbreitende und nicht froh stimmende Disneyfizierung auf sein Kernmetier. Erkennbar wird diese Villazónizierung des Musiktheaters im Turboflow von Nebensachen. Immer ist etwas los und in Bewegung, als agiere Villazón für Menschen mit ADHS. Selbst wenn man nicht so recht an die Turbo-Verarmung der Mozarts um 1790 glauben will: Wolferl und Konstanzerl mit den beiden Buben sind säuberlichst angezogen, der sterbenskranke Mozart leuchtet mit sonniger Erinnerungsfreude und überhaupt wirkt alles so proper wie bei Disneys sieben Zwergen nach Schneewittchens „Housekeeping“. Mit blütenweißer Biederkeit strahlt der in klassizistischer Unterwäsche auftretende und unter Walter Zehs Leitung ebenso blütenweiß intonierende Philharmonie Chor Wien. Bevor die Königin der Nacht mit ihrer Entourage zur Hölle fährt und der Weise Sarastro die „Strahlen der Sonne“ beschwört, verröchelt Mozart wie die Kameliendame und entschwebt zur burlesken Unsterblichkeit. Da intoniert der Chor auf einmal das sonst so schmerzliche „Lacrymosa“ aus Mozarts Requiem. Hier lähmt es den komponierten Kontrast vom Fanal in den Segen – nicht mit Gewicht, sondern kuschelweich. Mozarts Tod mit Sieg, ohne Stachel.
Letzteres gilt auch für das Mozarteumorchester Salzburg und das mit Hochklasse-Kalkül gecastete Ensemble. Der Premium-Klangkörper und sein neuer Chefdirigent Roberto González-Monjas ergeben eine superbe Mischung – glanzvoll von Anfang bis Schluss bringen sie neben Brillanz auch authentische Emotionen. Das Musical-hafte aus Dialogsouveränität und sängerischem Drive dringt in die tieferen Bedeutungsregionen der «Zauberflöte»-Partitur, befreit das Stück von der Überfrachtung mit analytischer Sinnhaftigkeit.
Ein starker Abend durch verräterische Ausnahmen: Gerade die Figur, welche eine Entwicklung von chauvinistischer Arroganz zum reifen Mann durchläuft, wirkt etwas blässlich. Das liegt gewiss nicht an Magnus Dietrichs souverän gestalteten Tamino. Auch Rupert Grössingers Sprecher bleibt ohne erwartbaren Nachdruck. Rund um die beiden ereignen sich allerorten Überwältigung und imponierende Gesangsmunition. Emily Pogorelc befeuert den Trend, die Prinzessin Pamina immer selbstbewusster aus dem Image des säuselnden Opfers herauszuholen. Sie singt mit schöner Kraft, als sei diese Paradepartie für nicht ganz leichten Sopran nur ein Kurzstop auf dem Weg zu «Arabella» oder «Lohengrin»-Elsa.
Schlichtweg genial mit dunklem Glühen, sagenhaft platzierten und gehaltenen Spitzentönen bestätigt Kathryn Lewek ihren Ruf als Königin der Nacht. Der amerikanisch-russische Bariton Theodore Platt macht Papageno zum konversationsgewandten Grandseigneur, der auch im Frack statt Königspapagei-Montur wirken würde. Franz-Josef Selig gibt Sarastro mit großen Tönen und dabei der Partie gut anstehenden Gebrauchsspuren eines zerfurchten Lebens. Alice Rossi, Štěpánka Pučálková und die sonst in ersten Barockpartien wie Vivaldis Griselda glänzende Noa Beinart sind ein Hochglanz-Damentrio, allerdings zu oft vermummt und deshalb doch arg distinguiert. Paul Schweinester singt den Monostatos mit feiner Eleganz und wuchtet ihn unterm Schnabel-Dreispitz zum Schergen und Schurken, als ginge es um «Tosca» oder «Fidelio». Tamara Ivaniš als Papagena räumt wie diese Partie immer viel Applaus ab. Prima, dass Maximilian Müller und Maximilian Anger als zweiter und dritter Priester aufgewertet sind und den beiden Geharnischten etwas vom oft hörbaren Überdruck nehmen. – „Dass Volk und Kunst gleich blüh' und wachs'“ wünschte sich Richard Wagner in «Die Meistersinger von Nürnberg». Villazón weiß das und machte deshalb aus den säuerlichen Zitronen im Mozart-Bild süße Limonade. Unwiderstehlich. Deshalb rauschte der Schlussapplaus in kultischen Dimensionen – für Mozart natürlich zuerst und ein bisschen auch für seine Geburtsstadt Salzburg, dem Austragungsort immerwährender Festlichkeit.
«Die Zauberflöte» – Wolfgang A. Mozart
Internationale Stiftung Mozarteum / Mozartwoche Salzburg · Haus für Mozart
Kritik der Premiere am 23. Januar
Termine: 27./30. Januar; 1. Februar
Zum Thema
OPE[R]NTHEK / INTERNATIONALE STIFTUNG MOZARTEUM
Zur Inszenierung der «Zauberflöte» [Konzept, Ideenfindung, Bezüge] - von: Rolando Villazón, in: Die Zauberflöte, Mozartwoche 2026 [Programmheft]