Landestheater Linz

Am Ende ist sie tot

Dirigent Markus Poschner setzt in Janáčeks «Katja Kabanowa» neue Maßstäbe, Peter Konwitschnys Gags halten sich diesmal in Grenzen. Das Ensemble singt auf Deutsch und auf einem hohen Niveau

Stephan Burianek • 27. April 2026


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Ein starkes Bild: Katja (Carina Tybjerg Madsen) „beichtet“ ihrer Freundin Barbara (Michaela Leonhartsberger) ihren Traum © Reinhard Winkler

Zart und gemächlich hebt das Orchester in den ersten Takten an, weniger wogend als üblich. Der Grund könnte in der Bühnenausstattung zu finden sein, denn statt einer fließenden Wolga drehen sich, noch im Dunkeln, die Umrisse eines Kirchenbaus. Er wird durch Blitze erhellt, sobald in der Partitur Pferdeschellen eigentlich eine Kutschenfahrt markieren. An Katjas fataler Todesreise wird am Ende freilich nicht einmal Regiealtmeister Peter Konwitschny rütteln, aber dazu später.

Nach der trefflich missglückten Inszenierung des «Schlauen Füchsleins» – pardon: der «Gerissenen Füchsin» – vor etwas mehr als einem Jahr am selben Ort, durfte man gespannt sein, welche Spompanadeln er sich in der nächsten Janáček-Oper einfallen lassen würde. Wie erwartet, widersetzt sich Konwitschny nun in der «Katja Kabanowa» dem stückimmanenten Naturalismus: Anders als etwa Joachim Herz oder Robert Carsen in ihren legendären Inszenierungen, die den Bühnenboden fluten und die Akteure über Stege spazieren ließen, wählt Konwitschny in Linz gleichsam den Marthaler-Weg – und verlegt die Handlung vollständig ins Innere. War es bei Christoph Marthaler vor 28 Jahren in Salzburg die klaustrophobische Enge eines Spießbürgertums, so sieht Konwitschny das Problem nun in der Macht der Kirche.

Man merkt bald, dass Konwitschny mit diesem realistischen Drama mehr anfangen kann als mit dem fabelhaften Kreislauf des Lebens im vergangenen Jahr. Ehefrauen wie Katja, die an der Seite ihrer Muttersöhnchen-Gatten verblühen, werden ebenso Wirklichkeit bleiben wie Schwiegermütter, denen es die Schwiegertöchter nie recht machen können. Und der irrige Glaube, nur im Selbstmord einen Ausweg aus gesellschaftlichen Drucksituationen zu finden, ist auch nicht auslöschbar. Konwitschnys Verortung der Handlung aus dem 19. Jahrhundert in die Gegenwart ist daher lediglich an einer einzigen Stelle problematisch: wenn zu Beginn des dritten Akts der stabil ignorante Dikoj nicht einsehen möchte, dass Blitze mit Elektrizität zu tun haben (wiewohl es bis heute Menschen geben soll, die die Erde für flach halten). 

Immer wieder schafft Konwitschny stimmige Bilder, wie kurz nach dem Beginn, wenn sowohl Katja als auch ihre Schwiegermutter Kabanicha den Gatten bzw. Sohn Boris am Arm zu sich ziehen und ihn förmlich zu zerreißen drohen. Oder wenn Katja ihrer Freundin Varvara (hier: Barbara) ihren eigenartigen Traum in einem Beichtstuhl der Kirche offenbart, die als raffiniertes Einheitsbühnenbild dient (künstlerische Umsetzung nach einer Idee von Konwitschny: Karin Waltenberger, die auch für die Kostüme verantwortlich zeichnet).

Katja (Carina Tybjerg Madsen) und Boris (Matjaž Stopinšek) entschweben in noch nicht gekannte Sphären © Reinhard Winkler

Was die Linzer Produktion aber erst richtig packend macht, ist die musikalische Seite – vielleicht auch, weil sie nur selten von irrwitzigen Regieeinfällen gestört wird. Immer wieder läuft Janáček bei Opernorchestern Gefahr, wie ein verhinderter Puccini zu klingen. Nicht so in Linz unter der Leitung von Markus Poschner: Das Ergebnis wirkt vielleicht „weicher“, als man es von den meisten Janáček-Spezialisten gewohnt ist, aber mit Sicherheit nicht weniger packend. Im Gegenteil: Das Bruckner Orchester lässt seinen einzigartigen romantischen Klang dort aufleuchten, wo er gefragt ist, lässt aber zugleich nicht jene filigrane Transparenz vermissen, die für das häufige Hervortreten der einprägsamen Motive essenziell ist. Poschner sorgt zudem für ausgefeilte dynamische Bögen, die teilweise eine neue Wirkung entfachen – da möchte man sich unmittelbar nach der Vorstellung weitere Eintrittskarten für Folgevorstellungen sichern.

Näher am Original als letztes Jahr in der «Füchsin» bleibt zudem die deutsche Textfassung, die auf Basis von vorhandenen Übersetzungen von Konwitschny und dem Dramaturgen Christoph Blitt erstellt wurde. Sie scheint zudem sangbarer zu sein, denn die Akteure sind diesmal besser zu verstehen. Hervorzuheben ist hier die Diktion des Tenors Jonathan Hartzendorf als Wanja Kudrjasch, bei dem man jedes Wort versteht und der zudem mit einer hervorragenden Kombination aus lyrischem Gesang und Stimmpräsenz punkten kann. Ideal besetzt ist auch Manuela Leonhartsberger, die als Barbara stimmlich mit Hartzendorf ein fabelhaftes Paar bildet – zumindest, solange die beiden nicht an Seilen hoch über dem Bühnenboden schweben und dabei auch noch singen müssen. Denn Konwitschny misstraut der Magie der Liebe, er zieht sie ins Lachhafte. Wenn sich die Paare zum verbotenen Stelldichein treffen, dann erscheint Katja ihrem Boris aus luftiger Höhe mit Engelsflügeln. Was zunächst ein schönes Bild ist: Katja, die Reine, die Unnahbare, zumindest in Boris' Augen. Doch dann wird diesem Boris ebenfalls ein Fluggerät gebracht. Statt der Flügel gewährt ihm Konwitschny ein riesiges Herz im Design einer Luftmatratze – so kitschig, so lächerlich. Barbara bekommt pinke Insektenflügel, Kudrjasch – warum auch immer – teuflische wirkende Rabenflügel. Musikalische Einbußen werden für diesen Gag freilich in Kauf genommen.

Zum Glück halten sich solche Einfälle in Grenzen, den Protagonisten wird von Janáček ohnehin einiges abverlangt. Die Titelpartie zählt zu den anspruchsvollsten Sopranrollen des 20. Jahrhunderts, erfordert virtuosen Gesang ebenso wie sprachlichen Ausdruck und dramatische Intensität – die muss man erst, so wie in Linz, mit einem Ensemblemitglied besetzen können. Carina Tybjerg Madsen stieß bei der Premiere mitunter zwar an Grenzen, meisterte diese Anforderungen aber beeindruckend, zumals sie sowohl die Entrücktheit als auch die Verzweiflung ihrer Figur vorbildlich zu vermitteln vermag. Matjaž Stopinšek als ihr Boris wirkt stimmlich wie optisch bereits reifer als für einen noch nicht volljährigen Jungen erforderlich, erweist sich aber einmal mehr als bravouröses Ensemblemitglied.

Katja (Carina Tybjerg Madsen) nimmt Abschied von Boris (Matjaž Stopinšek) und vom Leben © Reinhard Winkler

Ebenfalls aus dem Linzer Ensemble ist sein Onkel Dikoj besetzt, den Michael Wagner mit seinem gewohnt kräftigem Bass ausstattet, was ein wenig im Widerspruch zu Konwitschnys Zeichnung als dauerbetrunkenes, ungepflegtes Ekelpaket steht. Wie üblich, lässt sich Dikoj von Kabanicha, Katjas Schwiegermutter, sexuell verwöhnen. Konwitschny kostet diese Szene genussvoll in der Sakristei aus. Leider wurde für diese Produktion, wie so häufig, auf den Monolog der Kabanicha verzichtet, in der die Herzlosigkeit der Kaufmannswitwe eine tiefere Deutungsebene erhält. Gut möglich, dass er die Anforderungen an die gleichermaßen verdiente wie tapfere Clarry Bartha gesprengt hätte. Kabanichas Muttersöhnchen Tichon meistert Christian Drescher solide.

Während sie sich nach Ihrem öffentlichen Treuebruch-Geständnis von Boris, der von seinem Onkel nach Sibirien geschickt wird, in der Kirchengruft verabschiedet, lässt Konwitschny sie die Gesellschaft mit Kreide anklagen: „Ich wünsche mir, an meinem Grab zu stehen und die Leute zu fragen: Wo wart ihr, als ich noch lebte?“ Bald darauf springt Katja in Ermangelung von Wasser nicht in die Wolga, sondern – ja, was macht sie eigentlich? Am Ende liegt sie jedenfalls, für Besucher in den vorderen Reihen von einer Wand aus Choristen verborgen, in ihrem weißen Unschuldskleid tot auf dem Altar.

Ein Pluspunkt: In Linz spielt man das spielfilmlange Werk pausenlos. Mit Ausnahme einer permanent nervig ins Handy tippenden Sitznachbarin entstand im Publikum der Eindruck kollektiver Gebanntheit. Zwischen den Akten verharrte es regungslos, während der gesamten Dauer war kaum ein Huster zu vernehmen, und der starke Beifall setzte erst nach mehreren Sekunden der Ergriffenheit ein. Ein solches Verhalten ist selten geworden und die höchste Auszeichnung, die Operschaffenden verliehen werden kann.


«Katja Kabanowa» (Original: «Kát'a Kabanová») – Leoš Janáček
Landestheater Linz · Musiktheater / Großer Saal

Deutsche Textfassung von Peter Konwitschny unter Mitarbeit von Christoph Blitt (und unter Verwendung bereits bestehender Fassungen, vor allem jener von Max Brod)

Kritik der Premiere am 26. April
Termine: 16./24. Mai; 1./9./27. Juni

 

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