Theater Erfurt
Endlose Posse
Guy Montavon ist noch immer nicht gekündigt, inszeniert aber wieder. Der beurlaubte Intendant erhielt ein Exemplar des geheim gehaltenen Gutachtens, die Betroffenen aber nicht. Der neue Theater-Dezernent hat künstlerisch keine Ahnung, ist „aber nur für die Leitung“ zuständig
Ute Grundmann • 24. März 2025

Guy Montavon ist „Angestellter der Stadt, nicht in einer echten Chefposition“. Mit dieser arbeitsrechtlichen Begründung verwies das Landesarbeitsgericht in Thüringen die Klage um die Kündigung des Generalintendanten zurück an das Arbeitsgericht in Erfurt. Bereits dreimal hat die Stadt Erfurt versucht, Montavon außerordentlich fristlos zu kündigen, bislang ohne Erfolg. Die Begründung des Gerichts dürfte nicht nur Theatermitarbeiter verblüffen, immerhin wird Guy Montavon unter anderem Machtmissbrauch vorgeworfen.
Der (damalige) Kulturdezernent Tobias Knoblich (parteilos) hatte schon einen Aufhebungsvertrag mit dem beurlaubten Intendanten ausgehandelt, doch der Stadtrat lehnte ab – schließlich war in Thüringen Wahlkampf. Nach der Landtagswahl wechselte Knoblich als Staatssekretär in die Landesregierung; Nachfolger wurde Steffen Linnert (SPD), bis dahin zuständig für Finanzen, Wirtschaft, Digitales. Von der Thüringischen Landeszeitung ließ er sich zitieren, er sei „nur“ für Theater zuständig und künstlerisch „gnadenlos nicht kompetent“, nicht Kunst sei sein Job, sondern die Theaterleitung. Die aber ist bis heute nicht einmal ausgeschrieben. Eine neue Leitung und neue Führungsstruktur soll es erst zu Saisonbeginn 2027/2028 geben.
Wechsel auch an der Stadtspitze: Der bisherige Oberbürgermeister (OBM) Andreas Bausewein (SPD) konnte bei der Wahl im Mai 2024 keinen einzigen Wahlkreis für sich entscheiden; Nachfolger wurde Andreas Horn (CDU). Er wollte die gekündigte Gleichstellungsbeauftragte Mary-Ellen Witzmann in ihre Stelle zurückholen, doch der Personalrat verhinderte das. Aufklärung und Konsequenzen der Affäre seien komplett in den Hintergrund geraten, kritisierte Katrin Bruninghold, Gleichstellungsbeauftragte des Bundes: „Das Gesetz ist nicht das Problem. Seien wir doch mal ehrlich: Es gab nachweislich sexuelle Belästigungen und Übergriffe am Theater, die die Gleichstellungsbeauftragte öffentlich gemacht hat.“ Folge: Ihr „wurde fristlos gekündigt, der Intendant inszeniert nach wie vor, der zuständige Beigeordnete ist mittlerweile Staatssekretär.“ Sie vermisst auch öffentliche Stellungnahmen.

Guy Montavon, dem der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) ein Jahressalär von 180.000 Euro nachsagt, inszenierte (und verdiente) zunächst wieder in Sarajewo, aktuell nun einen «Otello» in Marburg. Das umfangreiche Gutachten einer Berliner Anwaltskanzlei zu den Vorwürfen gegen ihn sollte nur hinter verschlossenen Türen gelesen und behandelt werden. Nun stellte sich heraus: Montavon erhielt ein Exemplar des Gutachtens, die Betroffenen aber bekamen keinen Einblick. Öffentlich äußern mag sich in Erfurt kaum noch jemand zur Affäre: Angeblich droht oder überzieht Montavon jeden Kritiker mit Klagen.
Doch es gibt noch mehr Turbulenzen um das Erfurter Opernhaus, das nun eine kleine Schauspielsparte bekommen soll. Die soll zunächst 1,7 Millionen Euro kosten, die Oper dafür ein bis zwei Premieren weniger anbieten. Der Werkausschuss, das Kontrollgremium, wurde nicht entlastet, das „genehmigte“ Minus um mehr als 1 Million Euro überschritten. Viel Geld legte man bei der Stadt Erfurt beiseite, falls man den bisher nur beurlaubten Intendanten und die gekündigte Verwaltungschefin auszahlen muss. Dass das Land Thüringen das Erfurter Theater mit 1,8 Millionen Euro stützte, fanden viele, die auch ihre Kultur gefördert sehen möchten, gar nicht lustig.

In all den Turbulenzen der Affäre(n) wollte man endlich mal eine gute Nachricht verkünden. So meldete man freudestrahlend vor drei Wochen: „Mit der heutigen Vertragsunterzeichnung tritt der 33-jährige Hermes Helfricht sein Amt als Generalmusikdirektor ab Juli 2025 in Erfurt an.“ Doch der heißbegehrte junge Dirigent, um den man lange mit der Stadt Hagen konkurrierte, ist dann nach zwei Spielzeiten wieder weg. Man kann also bereits mit der Suche nach einem Nachfolger beginnen. Aber auch sonst kehrt im Opernhaus der Landeshauptstadt einfach keine Ruhe ein. Eine neue Leitung und eine neue Führungsstruktur soll es nach dem Willen der Stadt erst zur Saison 2027/2028 geben. Ausgeschrieben ist die Intendanz bislang nicht.
Manche hatten gehofft, der neue OBM werde sich künftig selbst um die Kultur kümmern. Stattdessen veränderte der die Dezernatsstruktur, nahm ausgerechnet das Theater aus dem Bereich Kultur heraus und ordnete es dem Bereich „Stadtentwicklung und Welterbe“ zu. Das erspart immerhin dem neuen Dezernenten Steffen Linnert, sich um die Kunst kümmern zu müssen, die nicht sein Ding sei. Dass auf der Website des Theaters eine Zeitlang erklärt wurde, wer was im Theater alles Wichtiges macht, war sicher nicht als Nachhilfe für Politiker gedacht, sondern sollte, ebenso wie bunt-lustige Plakate, das Publikum bei der Stange halten. In der Selbstdarstellung im Netz gibt es natürlich auch eine Geschichte des Theaters und die endet, „mit großen Erfolgen“ im Jahr 2005. Tempi passati.
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