Baltic Opera Festival

So logisch wie mutig

Die Produktionen von Wagners «Walküre» in der Sopoter Waldoper und von Beers «Polnischer Hochzeit» im Opernhaus von Gdánsk (Danzig) fanden ein neugieriges und begeistertes Publikum

Stephan Burianek • 08. Juli 2026


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«Walküre» in der Waldoper: Ein Bambuspfahl steckt in einer Holztreppe, darunter leben Hunding und seine Frau Sieglinde © BOF

Im Wald, da zwitschern die Vögel. Während sich auf der Bühne das Geschwisterpaar Sieglinde und Siegmund seine Gefühle eingesteht, mischen sich freudig-zustimmend wirkende Tierlaute in das Duett. Sie tönen von den Bäumen, die in der Waldoper von Sopot als erweitertes Bühnenbild dienen, zumal der erste Aufzug von Wagners «Walküre» noch bei Tageslicht gespielt wird. 

Kontrastiert wird die natürliche Kulisse vom Bühnensetting, das Tom Scutt vor einigen Jahren für eine «Walküre»-Produktion der Königlichen Oper in Kopenhagen entworfen hat. Hundings abgelegene Hütte ist in John Fulljames' Inszenierung, die in Sopot unter der szenischen Leitung von Johanne Holten wiederbelebt wurde, der Raum unter einer Holztreppe, in der ein überdimensionaler Bambus-Pfahl steckt. Rund um diese zentrale Konstruktion stehen Frauen an modernen Arbeitsstationen eines Architektur- oder Designerbüros, dessen Chef Wotan in Zen-inspirierter Kleidung wie eine Art kreativer Spielleiter den Gang der Handlung verfolgt. Gemeinsam mit seinen Walküren-Mitarbeiterinnen bereitet Wotan ein Spiel, dessen kreativer Verlauf erst durch Wotans Ehefrau Fricka (hörbar ausgesungen: Małgorzata Walewska) und ihre Forderung nach dem Tod Siegmunds aus der Bahn geworfen wird. 

Ganz so, als wäre es ein Regie-Einfall, setzt just in der Ehezoff-Szene für wenige Minuten der Regen ein. Die Waldoper ist mit riesigen Segeln überdacht, sodass zwar niemand nass wird, die aber wie Resonanzböden für einen gewissen Geräuschpegel sorgen. In dieser Phase bewährt sich die bis dahin behutsam eingesetzte elektronische Verstärkung. Unter normalen Umständen hätten große Wagner-Stimmen aufgrund der guten Akustik der Spielstätte wohl selbst in Sopot keine Probleme damit, sich Gehör zu verschaffen. Ob Stanislas de Barbeyrac eine große Wagner-Röhre hat, sollte bei einer anderen Gelegenheit geklärt werden. In Sopot íst er als Siegmund mehr liedhafter Gestalter als Heldentenor und beeindruckt weniger mit ohrenbetäubenden Spitzentönen als mit dem Gefühl, das er mit technischer Fertigkeit in seine Stimme legt. Als Sieglinde erfreut Izabela Matuła zunächst mit einer warmen, souveränen Mittellage, bevor sie in den dramatischen Momenten auf Grenzen stößt. Ihren Ehemann Hunding gibt René Pape immer noch scheinbar mühelos, und Stéphanie Müther schafft eine beachtliche Brünnhilde. 

Tomasz Konieczny gestaltet Wotan stimmlich wie darstellerisch feinfühlig. Im Bild mit Stéphanie Müther bei der Verabschiedung von Brünnhilde, bevor sie von einem Feuerring umschlossen wird © BOF

Getragen wird die Vorstellung aber von Tomasz Konieczny, der in seiner 22. Produktion als Wotan den Göttervater mit einer ungemeinen Feinfühligkeit interpretiert, bei der jeder Ton klingt, als sei er zuvor auf eine Waagschale gelegt worden. Der Pole und österreichische Kammersänger hat das Baltic Opera Festival vor vier Jahren gegründet mit dem Ziel, in der geschichtsträchtigen Danziger Bucht eine kulturelle Brücke für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zu schaffen. Vor zwei Jahren, beispielsweise, lud man das Ukrainian Freedom Orchestra in eine Schiffswerft ein, um Beethovens Neunte zu spielen. In diesem Jahr sind Musiker aus dem ukrainischen Lwiw (Lemberg) im Einsatz, sie verstärken in der «Walküre» das Gdánsker Opernorchester. Dass weder die polnischen noch die ukrainischen Orchestermitglieder häufig Wagner spielen, ist nicht zu überhören. Der Sturm zu Beginn gleicht mehr einem fernen Grollen, aber bald wird klar, dass Axel Kober wohl manche Passagen mit dem Orchester besonders intensiv geprobt hat. In der besagten Liebesszene flimmert es beglückend, und auch im Feuerzauber, der in der Waldoper auch szenisch als solcher umgesetzt wird, bleibt das Orchester über jede Kritik erhaben.


Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit

Es sei ihm ein besonderes Anliegen gewesen, für diese Produktion ein polnisches Orchester zu engagieren, so Konieczny im Gespräch mit Opern.News: „Es ist wichtig, dass sich die Musikerinnen und Musiker mit Richard Wagner beschäftigen. Wir müssen uns in Polen von einer provinziellen Enge befreien, indem wir mehr deutsche Opern spielen, zumal wir in Polen alles haben, was man dafür benötigt, nämlich großartige Sängerinnen und Musiker und erstklassige Spielstätten.“

Das insgesamt hohe Niveau in der «Walküre» ist auch im Hinblick auf die Herausforderungen beachtlich, mit der Konieczny und sein Festival-Team bei der Planung alljährlich konfrontiert sind. Zwar versicherte eine Vertreterin des Kulturministeriums während eines Pressetermins im vergangenen Jahr, auch in den folgenden fünf Jahren zwei Drittel des Festivalbudgets zu finanzieren. Trotzdem ist eine Planungssicherheit nur eingeschränkt gegeben, denn die schriftliche Garantie kommt derzeit nur im Jahresabstand. „Manchmal können wir erst drei Monate vor dem Festival die Verträge abschließen“, macht Konieczny auf einen für die Opernwelt ungünstigen Umstand aufmerksam. „Glücklicherweise vertrauen mir die Kollegen“. Ein weiterer Planungshorizont wäre freilich hilfreich, denn die meisten Stars sind schon auf Jahre hinweg ausgebucht. 

Einer der Festivalbesucher war der belorussisch-polnische Journalist Andrzej Poczobut, der erst kürzlich aus seiner politischen Gefangenschaft entlassen wurde. Im kommenden Jahr wird er die Festival-Schirmherrschaft übernehmen © BOF

Früher, als Sopot noch Zoppot hieß, wurde die Waldoper als das „Bayreuth des Nordens“ bezeichnet. Damit war nach dem Zweiten Weltkrieg freilich Schluss, die „Opera Leśna“ wurde zu einem Ort der Popmusik. Koniecznys Entscheidung, die Oper wieder in die Waldoper zu führen und ein Festival zu gründen, erscheint gleichermaßen mutig wie logisch. Mutig, weil immer noch viele Polen nicht gerne an die deutsche Vergangenheit in der Danziger Bucht erinnert werden und weil man die mehr als fünftausend Sitzplätze der Waldoper erst einmal füllen können muss (zur ersten «Walküre» kamen Viertausend!). Und logisch, weil sich speziell diese Region aufgrund ihrer bewegten Vergangenheit wie keine andere als kulturdiplomatischer Brückenbauer eignet.

Folgerichtig übernehmen in diesem Jahr sowohl die Marschallin des Polnischen Senats, Małgorzata Kidawa-Błońska, als auch die Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein, Manuela Schlesig, die Schirmherrschaft über das Festival. Neben weiteren Politikerinnen und Politikern war in der zweiten «Walküre» auch der belorussisch-polnische Journalisten Andrzej Poczobut zu Gast, der nach einer fünfjährigen Gefangenschaft in einem belorussischen Gefängnis erst kürzlich nach politischem Druck freigelassen wurde. Gemeinsam mit der Solidarność-Ikone Lech Wałęsa wird Poczobut im kommenden Sommer die Schirmherrschaft übernehmen. Doch es gibt auch manche Eigenartigkeit: Der polnische Ministerpräsident Donald Tusk, dessen politische Haltung sich mit den Zielsetzungen des Baltic Opera Festivals deckt, war noch nie zu Gast – dabei lebt er sogar in Sopot. Auch die polnische Kulturministerin blieb dem Festival bislang fern. Trotz der positiven Resonanz der internationalen Presse scheint es, als wartet auf Tomasz Konieczny noch eine wichtige Überzeugungsarbeit, mit der er womöglich gar nicht gerechnet hat.


Österreichische Polen-Operette

Erst am Schluss wird es in der «Polnischen Hochzeit» bunt © BOF

Wer für die Waldoper zum Baltic Opera Festival reist, der sollte mit dem architektonisch nüchternen Gdánsker Opernhaus auch die zweite Festival-Spielstätte „mitnehmen“, wo man sich immer wieder von der hohen Sängerinnen-Dichte in Polen überzeugen kann. In diesem Jahr war das Ergebnis indes durchwachsen, wiewohl sich Joseph Beers «Polnische Hochzeit» in polnischer Sprache nicht nur als vermeintlich polnisch-nationales Werk entpuppt. Auch der größte Hit dieser Operette – die gleichsam an Lehárs Spätwerk andockt und die Richtung zeigt, in der sich dieses Genre weiterentwickeln hätte können, wären die Nazis nicht an die Macht gekommen – klingt in der polnischen Übersetzung besser: „Kocie oczy“ (sprich: „Kotschi Otschi“) ist ein größerer Ohrwurm als „Katzenaugen“. 

Die musikalische Qualität von Beers Operetten ist spätestens seit der gefeierten Produktion von «Der Prinz von Schiraz» am Staatstheater Regensburg (2023) unbestritten. Nachzuhören ist sie in einer preisgekrönten Aufnahme des Labels CPO, wo bereits einige Jahre zuvor ein Mitschnitt von der «Polnischen Hochzeit» durch Ulf Schirmer und dem Münchner Rundfunkorchester erschienen ist. 

Aber die Handlung, in der noch der adelige Geist des 19. Jahrhunderts spukt, lässt sich heute eigentlich nicht mehr eins zu eins auf die Bühne bringen. Der in Polen bekannte Schauspieler und Sprechtheater-Regisseur Paweł Miśkiewicz versuchte in seiner ersten Operetten-Regie dennoch, die ersten beiden Akte mehr oder weniger so zu inszenieren, wie sie im Libretto stehen, durchbrochen von animierten Zeichnungen, die ohne sonderlichen Mehrwert auf eine runde zentrale Fläche projiziert wurden. Dafür leuchtete das einheitliche Bühnenstandlicht auch noch die letzte Falte der künstlichen Glatze von Jerzy Butryn aus, der den Baron Oginnski in einer Kluft und Maske sang, die an einen Hunnen erinnerte, aber wohl einst auch in Polen Mode war. Erst nach der Pause, im letzten dritten Akt, versuchte Miśkiewicz eine nennenswerte Brechung, indem er die Handlung – musikalisch unterstützt durch dein Jazz-Trio – mit einer berechtigten Kritik an der gesellschaftlichen Stellung der Frau durchbrach, um dann die bis dahin unfassbar biedere Bühnenästhetik mit viel Buntheit zu vertreiben. Zu spät: Obwohl Łukasz Borowicz und das Orchester des Opernhauses Wrozlaw die Partitur mit flottem Taktstock durchschritten, fühlte sich der Abend letztlich lang an. Mit seiner strahlenden Tenorstimme ließ Piotr Buszewski als Graf Boleslaw Zagorski immerhin mehrmals aufhorchen, und mit Monika Radecka war seine (viele Jahre nicht mehr gesehene) Verlobte Jadzia ideal besetzt. Die eigentliche Hauptrolle in diesem Werk ist die gewitzte Drahtzieherin Zuza, hier überzeugend gesungen und gespielt von Marta Wiktorzak

Auch mit einer «Rheingold»-Fassung für Kinder nimmt das Festival einen gesellschaftlichen Auftrag wahr: Szymon Kobyliński spielt Wotan © BOF

Zum Programm des diesjährigen Baltic Opera Festivals zählten neben einer gut besuchten «Rheingold»-Kinderfassung in der Waldoper in polnischer Sprache außerdem ein Gedenkkonzert zu Ehren des Komponisten Krzysztof Penderecki im Gdánsker Opernhaus sowie ein Recital mit Anett Fritsch im Solidarność-Zentrum. Auch im kommenden Jahr wird das Nebenprogramm rasch ausverkauft sein: Ausgerechnet am US-amerikanischen Unabhängigkeitstag, dem 4. Juli, ist Beethovens «Fidelio» angesetzt, für den die Publikumslieblinge Ekaterina Gubanowa, Michael Spyres und Ain Anger bereits zugesagt haben. Auch Tomasz Konieczny wird singen. Zudem ist Giordanos «Andrea Chénier» in einer Inszenierung von Barbara Wiśniewska geplant, wahrscheinlich im Gdánsker Opernhaus. Als Hauptproduktion lockt indes Webers «Freischütz». Der Regisseur Andreas Homoki hat bereits versichert, den Wald in die Inszenierung integrieren zu wollen. Ob die Vögel auch in der Wolfsschlucht fröhlich zwitschern werden? Opern.News wird berichten.


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