Chigiana International Festival & Summer Academy, Siena

Der Geist der Steine, der Atem der Musik

Ein zweiter Besuch des sommerlangen Festivals übertraf hohe Erwartungen: Konzerte des Chigiana-Mozarteum Baroque Programs und der Violin- und Gitarrenkurse in lockerer Atmosphäre

Roland H. Dippel • 01. September 2026


OPERN∙NEWS stellt diesen Beitrag kostenlos zur Verfügung.
Unterstützen Sie unsere journalistische Arbeit mit einem Förderabo!


 

Spiritus rector, Dirigent und Alte-Musik-Experte: Alfredo Bernardini © Roberto Testi

Die Erwartungen waren gigantisch, die Vorfreude auch. Und beide wurden nochmals übertroffen. „Ich bin überwältigt“, sagte Constanze Wimmer, seit April dieses Jahres die neue Rektorin der Universität Mozarteum, nach der Aufführung von Johann Sebastian Bachs «Messe in h-Moll». Obwohl die Zusammenarbeit der Salzburger Musikhochschule und der Accademia Musicale Chigiana in Siena bereits seit 2021 besteht, markierte dieser Sommer einen neuen Höhepunkt des Chigiana-Mozarteum Baroque Program.

Bisher fand die Barocke Sommerakademie des Mozarteum-Departments für Alte Musik ausschließlich in Siena statt, als Gastspiele waren Aufführungen des Salzburger Departments für Oper und Musiktheater vorausgegangen. Bei Johann Sebastian Bachs «Messe in h-Moll» beteiligte sich diesmal erstmals der Coro della Catedrale di Siena „Guido Chigi Saracini“, dessen Konzerte unter Leitung von Lorenzo Donati ein fester Bestandteil des Chigiana-Festivals sind. Der in allen Epochen vom Barock bis zur Gegenwart versierte Klangkörper wird inzwischen regelmäßig als eines der besten Italiens gefeiert. Neben dem Chor gestalteten die Gesangssolisten Olena Pinkowska, Julia Stocker, Lana Kolomiets, Ilyà Dovnar, Shunsuke Suzuki und Tim Winkelhofer das Konzert maßgeblich mit.

Constanze Wimmer zeigte sich erstaunt darüber, wie intensiv die Auseinandersetzung seit dem Konzert vor drei Monaten in allen Beteiligten weiter gereift sei und daraus ein nochmaliger Entwicklungssprung der Interpretation hörbar wurde. Die erste Aufführung hatte am 22. Mai in der Barocknacht 2026 im Salzburger Mozarteum-Konzertsaal Solitär stattgefunden. Zur Wiederholung im Rahmen der International Festival & Summer Academy 2026 wechselten das Barockorchester Mozarteum und alle Solisten in die als Veranstaltungsort genutzte Chiesa di Sant'Agostino in der südlichen Altstadt von Siena. Mit zwei Vorteilen: Gewiss ist die Akustik des modernen Funktionsbaus in Salzburg gut, jene des im 13. Jahrhundert vollendeten Kirchenbaus Sant'Agostino aber überwältigend. Deren warme Grundierung und dennoch gute Transparenz erwies sich bei diesem Anlass erst recht als Glücksfall. 

Das Solo-Ensemble nach der «Messe in h-Moll» am 28. August in Chiesa di Sant'Agostino © Roberto Testi

Nicola Sani, Intendant der Accademia Musicale Chigiana, hat eine plausible Begründung für die Höchstleistung aller Mitwirkenden: Die historische Aura des Ortes, die traumhaft schöne Umgebung und das kulturelle Fluidum würden mit ihrer Harmonie die aus der ganzen Welt kommenden Studierenden beflügeln, die sich etwa drei Wochen in Siena aufhalten. Ähnlich nimmt auch Alfredo Bernardini, der Dirigent des Projekts, Siena und seine Musikstättten wahr. Sani meint natürlich auch den Palazzo Chigi Saracini, dessen Eigentümer Graf Guido Chigi Saracini die Accademia Anfang der 1930er ins Leben rief. Dort finden die meisten Kurse statt. Trotz der hohen Frequenz haftet der Aura noch immer etwas Privates an, als wäre der frühere Eigentümer und Chigiana-Gründer immer noch präsent: Der Konzertsaal mit seiner klassizistischen Raumproportion, dem Neurokoko-Stuck und zwei Art-Déco-Statuen ist ein typisches Beispiel für die mit schweren Stoffen, wertvollen Instrumenten und einer hochkarätigen Kunstsammlung ausgestatteten Räume. Der Hof wird als Café und abends für Veranstaltungen genutzt.

Der Grund für die unbefangene Freude am Festival und der Sommerakademie wird beim zweiten Besuch in Abstand von sechs Wochen noch besser erkennbar. Während andere Veranstalter dem Reizwort „Festival“ etwas bemüht nachjagen, ist die Atmosphäre in Siena beglückend locker. Das Festival wirkt in Flyern und den Plakaten im gesamten Stadtgebiet omnipräsent. Der diesjährige Schwerpunkt „Hans Werner Henze“ zum 100. Geburtstag des italophilen Komponisten erstreckte sich mit 42 Einzelwerken in Konzerten und Rahmenveranstaltungen über sieben Wochen.

Außer zu den Veranstaltungen, die gezielt als gesellschaftliche Höhepunkte für die ganze Toskana lanciert werden, betonen viele Chigiana-Programme das Improvisierte, Fragmentierte und Partielle. Zum einen stehen in den Kurs-Konzerten die Teilnehmenden erst relativ spät fest. Das gilt auch für die erklingenden Werke und deren Reihenfolge. So im Konzert des von Giovanni Puddu geleiteten Kurses für klassische Gitarre. Für Musikliebhaber ist das Programm besonders interessant, weil Standard-Kompositionen der jeweiligen Instrumente zum Vortrag gelangen, die allgemein weniger bekannt sind. Hier spielte man zum Beispiel mehrere Kleinode des im 19. Jahrhundert äußerst populären und des heute außer in der Gitarren-Szene vergessenen Johann Kaspar Mertz. Mehrere Lieder von Mauro Giuliani, Fernando Sor und Joaquin Rodrigo für Singstimme und Gitarre machten auf dieses heute vernachlässigte Repertoire aufmerksam. Beim lokalen Publikum haben diese Programme einen stabilen Besucherstamm.

Nach dem Gitarren-Konzert am 27. August im Palazzo Chigi Saracini – rechts: Giovanni Piddu und Nicola Sani © Roberto Testi

Mehrere Konzerte erklingen im toskanischen Umland. Die Anreise verspricht trotz der hohen Verlässlichkeit der toskanischen Regionalbusse kleine Ortsfindungsabenteuer. So zum Vortragsabend der Violinkurse von Salvatore Accardo und Sonig Tchakarian in der Basilica di San Lucchese in Poggibonsi. Der Bau wurde 1220 an den heiligen Franziskus übergeben und ist heute mit Kunstwerken aus verschiedenen Epochen ausgestattet. Der Anstieg gerät zur kurzen Bergtour, der Nachtblick über die Toscana ist imponierend und die Aufgeschlossenheit der Anwesenden berührend. Das knapp 100-minütige Programm von Bachs Partita Nr. 2 bis Wieniawskis «Faust-Fantasie» war bunt und anspruchsvoll. Nach dem Konzert gibt es auf dem Vorplatz Buffet und Eis aus regionaler Herstellung. Fast 25 Festival-Konzerte standen mit ähnlichen Formaten von Prato bis Montepulciano auf dem Programm und sind zugleich für Gäste die Anregung zur Erkundung der Toscana.

Die Accademia Chigiana, welche über das Festival hinaus einen Großteil des klassischen Konzertangebots für Siena leistet, geht in der schmalen Werbung nicht mit der Gleichsetzung von Landschaft, Ambiente und Akademie-Inhalten hausieren. Aber die Leitung freut sich innig über die Wertschätzung für ihren historisch und atmosphärisch luxuriösen Standort. Besuchende können unkompliziert an einer Führung durch den Palazzo Chigi Saracini teilnehmen und auf dem nahegelegenen Piazza del Campo eines der schönsten Altstadtensembles in Europa genießen. Dabei erstarrt die Accademia keineswegs in Selbstgefälligkeit oder Exklusivität. Der Kurs über Komposition für alte Instrumente ist ein international wichtiger Beitrag zur Neujustierung der sog. Alten Musik. 2027 soll es letztmals den Schwerpunkt für einen wichtigen Komponierenden der jüngsten Vergangenheit geben. Nicola Sani plant etwas vollkommen, lässt diese Idee aber vor Bekanntgabe noch reifen. Auch die Kooperation mit dem Mozarteum findet ihre Fortsetzung. Von den Studierenden wollte auf Nachfrage niemand eine eindeutige Antwort auf die Frage geben, ob Salzburg oder Siena der schönere Ausbildungsplatz sei. Das müssen Musikfreunde selbst prüfen.

 

Konzert des Violinen-Kurses (Basilica di San Lucchese, Poggibonsi)
Konzert des Gitarren-Kurses (Palazzo Chigi Saracini)
«Messe in h-Moll» – Johann Sebastian Bach (Chiesa di Sant'Agostino)

Chigiana International Festival & Summer Academy, Siena (Accademia Musicale di Chigiana)
Bericht vom 26. bis 28. August 2026

 

Zum Chigiana International Festival & Academy 2026


Biographische Gleichungen – aber welche? Accademia Musicale Chigiana: Das Chigiana Festival in Siena setzt seinen hochkarätigen Fokus Hans Werner Henze 100 fort. Passend dazu ein neues Opus von Philipp Maintz nach einem Gedicht von Ingeborg Bachmann. - von: Roland H. Dippel, 15.07.2026

Dunkles Wühlen und menschliche Konfrontation. Accademia Musicale Chigiana: Mit 42 Werken ist „Hans Werner Henze 100“ ein starker Akzent beim Festival Chigiana und lockt Henze-Anhänger aus Europa nach Siena. - von: Roland H. Dippel • 10.07.2026


Zum Thema


Der Zukunft beim Wachsen zusehen. Chigiana Festival: In Siena bringt die Accademia Musicale Chigiana junge Musiker zusammen. Besucher erleben erstklassige Konzerte, in kleinen Opernproduktionen hört man die Stars von morgen. - von: Stephan Burianek, 29.07.2025

Festival mit Sicherheitsnetz. Accademia Chigiana: In Kooperation mit der Universität Mozarteum Salzburg realisierten Nachwuchstalente in Siena zwei hochklassige Aufführungen von Brittens «The Turn of the Screw». - von: Stephan Burianek, 19.08.2024

Legendäre Talenteschmiede. Chigiana International Festival: Die Accademia Musicale Chigiana in Siena ist nicht nur ein Treffpunkt junger Künstler in Meisterklassen. Auch dem Publikum wird einiges geboten. - von: Stephan Burianek, 27.07.2023

Aus der Stille. Chigiana Festival Siena: „From Silence“ ist das Motto der diesjährigen Festivalausgabe. Und aus der Stille heraus tritt die Accademia Musicale Chigiana in den Klang von morgen, unter anderem mit einer unterhaltsamen Produktion von Rossinis «Il Signor Bruschino» im Teatro dei Rinnovati. - von: Katharina Stork, 02.08.2022