Russlands „Soft Power”

Die Kultur als Kriegswaffe

Kapitel 2: Die russländische Kultur im Dienst des Krieges -- Der Politikwissenschaftler Martin Malek untersucht die Einflussprojektion durch die russländische Kultur und ihrer Vertreter im Ausland

Martin Malek • 24. Februar 2026


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Die Kultur und der Krieg sind Teil derselben Kreml-Strategie, aber das hat sich im Westen noch nicht ausreichend herumgesprochen (Visualisierung: ChatGPT)

Der aus Russland stammende, aber seit 1995 in der Schweiz lebende Autor Michail Schischkin meinte: „Alle Diktaturen missbrauchen die Kultur, um ihre Verbrechen zu ‚schmücken‘.“ [54] Wenig überraschend war und ist auch Putins Russland keine Ausnahme – und der Krieg gegen die Ukraine verschärft die Lage noch. Anne Applebaum meinte im Juli 2025 (als sie auch die Eröffnungsrede zu den Salzburger Festspielen hielt), dass die Ausrottung der ukrainischen Kultur zu den Kriegszielen Moskaus gehöre. Den russländischen Angreifern sei „bewusst, wie die Zerstörung von Kultur zumindest helfen kann, ein Land und eine Nation zu zerstören oder zu unterminieren.“ [55]

Der Kreml hat erhebliche Teile von Politik, Medien, Wirtschaft, Wissenschaft und eben auch Kultur in den Dienst seines Krieges gegen die Ukraine gestellt. Letzteres umfasst die Filmproduktion für Fernsehen und Kino, die Theater (durch den Krieg gegen die Ukraine unterstützende bis verherrlichende Filme und Stücke, die in Russland und den besetzten Gebieten der Ukraine gezeigt werden [56]), Museen, Ausstellungen usw. Alles das geschieht praktisch ohne Widerstand aus der russländischen Gesellschaft, wo auch nicht einmal Spurenelemente einer Anti-Kriegs-Bewegung zu erkennen sind. Im Gegenteil haben sich Hunderttausende freiwillig gemeldet, um gegen die verhasste Ukraine zu kämpfen. Alles das lässt sich nicht alleine durch die zweifellos gegebene Repression des Regimes erklären.

Alles das lassen (fast) alle jener im Westen, die beständig die „große russische Kultur“ beschwören und feiern, außer Acht. Es stört sie nicht weiter, von Protest dagegen ganz abgesehen. Und zufällig oder nicht: Es sind dies oft die gleichen Personen, Medien, Gruppen und Organisationen, die auch noch nach 2022 unablässig eine Beachtung der „Sicherheitsinteressen Russlands“ einfordern, während sie sich für die Sicherheitsinteressen der in ihrer Existenz gerade durch Russland bedrohten Ukraine demonstrativ nicht interessieren. Jene im „Westen“, die glauben, gegen einen „Netrebko-Boykott“ oder sogar einen ganzen „Boykott russischer Kultur“ ankämpfen zu müssen (obwohl beides zu keinem Zeitpunkt existierte), haben sich selten bis nie um die Zerstörung und Beschädigung ukrainischer Kulturstätten (darunter das Charkiwer Opernhaus und das Musikdramatische Theater in Winniza) durch russländische Bombardements gekümmert.

Es ist besonders grotesk, wenn Russland unablässig einen „Boykott russischer Kultur im Westen“ beklagt, während es – wie seit 2014 faktisch in den von ihm besetzten Gebieten der Ukraine zu besichtigen – die ukrainische Kultur, Identität und Sprache schlichtweg auszulöschen trachtet. Dieser Widerspruch fällt auch jenen Politikern, Journalisten, Sozialwissenschaftlern, Kulturschaffenden und -managern usw. im Westen, die einen solchen „Boykott“ gleichermaßen verurteilen, hartnäckig nicht auf.

Der Verweis auf die „große russische Kultur“, den sowohl Moskau wie auch dessen Sympathisanten und Handlanger im „Westen“ ständig vorbringen, soll natürlich auch und gerade von den russländischen Kriegsverbrechen in der Ukraine ablenken. Das werden viele Stimmen und Akteure in Russland wie im „Westen“ natürlich empört bestreiten, doch das ändert nichts an den Fakten.

Angesichts von Putins extrem nationalistischer, imperialistischer und militaristischer Autokratie und des Vernichtungskrieges gegen die Ukraine seit 2022 sind Phrasen wie „Kultur verbindet die Menschen“, „Kultur überwindet Grenzen“, „Kultur ist international“, „Kultur baut Brücken“ usw. nur noch hohl und inhaltsleer, um nicht zu sagen: tragikomisch. Einer der bekanntesten Osteuropa-Historiker des deutschsprachigen Raums, Karl Schlögel, rief denn auch zu einem Perspektivenwechsel auf: „Man kann nicht dem Krieg zugucken und gleichzeitig sagen: Es gibt ja die große russische Kultur.“ Der russländische Aggressor würde auch Kulturschaffende gegen die Ukraine einsetzen. „Es wird furchtbar lange dauern, bis die russische Kultur nach dem Ende des Krieges sich von dieser Kontaminierung und Instrumentalisierung durch den Krieg erholen wird – wenn überhaupt.“ [57]

Philipp Ther, Professor für Osteuropäische Geschichte an der Universität Wien, fand es angesichts der russländischen „Zerstörungswut“ in der Ukraine „wichtig, dass man sich im Westen […] der ukrainischen Kultur mehr als bisher öffnet.“ [58] Opernhäuser und Konzertsäle in der EU und in Nordamerika hätten auf den russländischen Angriffskrieg damit reagieren können, dass sie ukrainische Künstler (darunter jene, die vor den russländischen Bomben flüchten mussten) fördern und zudem verstärkt Werke ukrainischer Komponisten in ihre Programme aufnehmen. Es gibt nämlich ausgezeichnete ukrainische Musik, die in der Welt aus mehreren Gründen (der imperiale Einfluss Russlands ist nicht der unbedeutendste) kaum bekannt ist. 

Hier sei wenigstens auf Dmytro Bortnjanskyj (1751–1825; ein Repräsentant des „ukrainischen Barock“), Borys Ljatoschynskyj (1894–1968; der „ukrainische Brahms“) und Mykola Lysenko (1842–1912) verwiesen. Letzterer hat ausgezeichnete Opern geschrieben, darunter «Taras Bulba» und «Natalka Poltavka», die in Westeuropa völlig unbekannt sind. Es muss doch nicht immer Tschajkowskijs «Pique Dame» oder Modest Mussorgskijs «Boris Godunow» sein! Und man würde sich auch viel mehr westeuropäisches Interesse an der modernen ukrainischen Komponistenschule wünschen, deren bekanntester Repräsentant wohl Valentyn Sylvestrov ist, obwohl auch Lesja Dechko, Jewhen Stankowytsch, Myroslaw Skoryk, Ivan Nebesnyy (und andere) Aufmerksamkeit verdienen. Nicht unerwähnt bleiben darf die Oper «Vyshyvanyi. Der König der Ukraine», geschaffen von der Komponistin Alla Zahaykevych auf ein Libretto des auch im deutschsprachigen Raum bekannten Autors Serhij Zhadan (Uraufführung 2021 in Charkiw).

Alles das sei hier vor dem Hintergrund des Umstandes angemerkt, dass Russland die ukrainische Nation und damit zwangsläufig auch deren Kultur beseitigen will. Das begann keineswegs 2022, sondern ist eine klare Tendenz, die von den Versuchen des Zarenreiches, die ukrainische Sprache zu verbieten, über den sowjetischen Holodomor 1932–1933 – die meisten Schätzungen über die Zahl der damals Verhungerten reichen von 3,5 bis 5 Millionen Menschen nur in der Ukraine – bis hin zu Putins aktueller „militärischer Spezialoperation“, in deren Verlauf die russländische Armee auch und gerade Einrichtungen der Energieversorgung für Zivilisten bombardiert(e), um sie im Winter bei Temperaturen von -20 Grad oder noch tiefer (er-)frieren zu lassen – übrigens weitgehend ohne Empörung im „Westen“, von Gegenmaßnahmen gegen Russland ganz abgesehen. Die ukrainische Autorin Natalka Sniadanko, die vor dem Krieg nach Deutschland hatte flüchten müssen, meinte denn auch: „Die große russische Kultur wird in der Ukraine seit jeher mit Blut und Gewalt durchgesetzt.“ [59]

 

Valery Gergiev ist die mächtigste Person innerhalb der russländischen Kulturpolitik (Visualisierung: ChatGPT)

Einflussprojektion durch die russländische Kultur im Ausland – Valery Gergiev und weitere Kultur-Stellvertreter des „Systems Putin“

Nach 2014, vor allem aber nach 2022 ist die Kultur aus der Sicht von Putins Kreml ein (weiteres) Schlachtfeld im „hybriden Krieg“ gegen den „Westen“ und die Ukraine, auf das er seine „Truppen“ schickt. Hier agieren auch und gerade im „westlichen“ Ausland erfolgreiche Künstler. Diese versucht der Kreml (mit einigem Erfolg) an sich zu binden. Wichtig ist ihm auch, dass diese Künstler direkt politisch relevante Aktionen verschiedener Art setzen, Erklärungen abgeben, Petitionen unterschreiben usw.
Ein besonders schwerwiegender Fall ist der Dirigent Valery Gergiev, ein wichtiger Förderer der seit vielen Jahren in Wien lebenden Sopranistin Anna Netrebko [60].

Er trat 1997 erstmals bei den Salzburger Festspielen auf (wo er «Boris Godunow» leitete). Gergiev hat das Sommernachtskonzert der Wiener Philharmoniker in Schloss Schönbrunn (Wien) so oft dirigiert wie niemand sonst. [61] 2004 debütierte er an der Wiener Staatsoper (und zwar mit einem „Konzert für Österreich“; erstmals eine Oper, und zwar Richard Wagners «Parsifal», dirigierte er im Haus am Ring 2019); zum bisher letzten Mal trat er dort am 30. Jänner 2022 (also weniger als vier Wochen vor dem russländischen Großangriff auf die Ukraine) auf. Auf der Homepage der Staatsoper kann man bis heute lesen, dass Gergiev „zu den bedeutendsten Dirigenten der Welt“ gehöre; und er habe das St. Petersburger Marijnskij-Theater „zu neuem Glanz“ geführt. „Parallel zu seiner Tätigkeit an diesem Haus […] wurde er ein unentbehrlicher Gast an allen wesentlichen internationalen Opernhäusern, bei den zentralen Festivals und auf den wichtigsten Konzertpodien.“ [62] In einem Artikel in der Zeitschrift der Staatsoper hieß es 2019, Gergiev sei „einer, der Konflikte nicht scheut, zuweilen politisch Partei ergreift.“ Er habe „glänzende Kontakte zur russischen Führung.“ [63] – Wie wahr!

Nun hätten Gergievs Erklärungen, noch mehr aber seine politisch relevanten Aktivitäten im „Westen“ schon lange vor 2022 mehr als genug Anlässe dafür geben können und müssen, sich von ihm zu „trennen“. Er hat aus seinen Einstellungen nie ein Hehl gemacht – und der „westliche“ Kulturbetrieb dankte es ihm mit „offensiver Blindheit“. [64] So dirigierte Gergiev unmittelbar nach dem russländischen Krieg gegen Georgien im August 2008 ein „Siegeskonzert“ in der separatistischen Provinz Südossetien, die der Kreml damals als „unabhängigen Staat“ anerkannte. Im März 2014 unterstützte Gergiev, wie übrigens auch der hoch dekorierte und auch im „Westen“ bekannte Pianist Denis Matsuev, in einem „Offenen Brief“ mit seiner Unterschrift – und damit völlig unmissverständlich – die völkerrechtswidrige Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim durch Russland. [65] Aus unerfindlichen Gründen verhinderte nicht einmal das seine Berufung zum Chefdirigenten der Münchner Philharmoniker 2015 sowie zahllose weitere lukrative Engagements im „westlichen“ Ausland in den folgenden Jahren. Die in Putins Russland vollkommen unbekannte, im „Westen“ aber sehr oft als wichtig, ja unverzichtbar dargestellte „Trennung von Kunst und Politik“ wurde in dem Sinne „eisern“ durchgehalten, dass sich die allermeisten Kulturmanager um die politisch relevanten Aktivitäten Gergievs und vieler anderer russländischer Künstler einfach nicht kümmerten und stattdessen business as usual pflegten. In Russland wurde auch das als Schwäche wahrgenommen und ausgenutzt. Das würde auch dadurch nicht erschwert, dass die in „westlichen“ Sprachen vorliegenden Bücher über Gergiev diesen in ein besonders vorteilhaftes Licht rückten. [66]

Die Präsenz systemtreuer russischer Opernstars im Westen wird vom offiziellen Russland gefördert. Ildar Abdrazakov (rechts) singt seit Recherchen von Opern.News vorerst nicht mehr im Westen, dafür darf er jetzt ein Opernhaus auf der von Russland besetzten Halbinsel Krim leiten (Visualisierung: ChatGPT)

Der aus Russland stammende, aber seit 1995 in Deutschland lebende weltbekannte Pianist Igor Levit meinte, dass der Beruf des Musikers nicht von einer Verantwortung als Bürger entbinde. Es beleidige die Kunst an sich, eine unpolitische Haltung mit dem eigenen Künstler-Dasein zu entschuldigen. [67] Niemand möge jemals „Musik und das Musikerdasein“ als Entschuldigung dafür nehmen, „sich nicht zu humanitären Fragen äußern zu wollen.“ [68]

An dieser Stelle interessant ist auch die Position von Markus Hinterhäuser, Pianist und Intendant der Salzburger Festspiele: Er bestritt nicht, „Kultur politisch zu denken“. Er „sehe […] nicht, wie große Kunstwerke je in einem politikfreien Raum entstanden wären.“ [69] Jedenfalls fuhr er auch nach 2022 fort, den aus Griechenland stammenden, aber in Russland „aufgestiegenen“ Dirigenten Teodor Currentzis nach Salzburg einzuladen und zu protegieren, obwohl dieser jede Stellungnahme zum Putin-Regime und dem russländischen Krieg gegen die Ukraine ablehnte. Ganz grundsätzlich zählt Hinterhäuser anhaltend zu den „glühendsten Verteidigern“ [70] von Currentzis.

Auch der Wiener Staatsoperdirektor Bogdan Roščić muss sich den Vorwurf gefallen lassen, an seinem Haus regelmäßig Personen auftreten zu lassen, derer sich auch das russländische Regime bedient. Erst am vergangenen Mittwoch – nur wenige Tage vor dem vierten Jahrestag der russischen Vollinvasion – bot er Anna Netrebko für ein Solokonzert seine Bühne, was dem ukrainischen Botschafter in Wien sauer aufstieß. [71] Die Wiener Staatsoper war auch das letzte Opernhaus im deutschsprachigen Raum, das sich von dem russländischen Bass Ildar Abdrazakov distanzierte (oder distanzieren musste?), nachdem OPERN∙NEWS bereits Monate zuvor dessen Nähe zum „System Putin“ offengelegt hatte. Zudem wird im März Dimitry Korchak an Roščićs Haus gastieren, der vom offiziellen Russland ebenfalls finanziell gefördert wird.

Aber zurück zu Gergiev: 2015 initiierte Putin eine Militärintervention in Syrien, in deren Verlauf die russländische Luftwaffe vorsätzlich u.a. zivile Infrastruktur wie Spitäler, Wohnhäuser, Wasserversorgung, Bäckereien usw. zerstörte und insbesondere die lange von Oppositionellen gehaltene Stadt Aleppo „in die Steinzeit zurückbombte“. So hielt Moskau seine „schützende Hand“ über den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad, der gegen sein eigenes Volk Fassbomben und Chemiewaffen einsetzte sowie Hunderttausende ermorden und Millionen aus dem Land treiben ließ. Was tat Gergiev angesichts all dessen? Er dirigierte im Mai 2016 ein hochgradig geschmackloses, in Westeuropa aber dennoch – oder vielleicht gerade deshalb – weitgehend ignoriertes Konzert in der syrischen Ruinenstadt Palmyra, die gerade von russländischen Truppen besetzt worden war. Einer der dabei auftretenden Solisten war der Cellist Sergej Roldugin, im „Nebenberuf“ einer der „Vermögensverwalter“ Putins [72], der – wie man 2016 u.a. den berühmt-berüchtigten „Panama-Papers“ entnehmen konnte – in die Verschiebung von mehreren Milliarden Dollar (!), die „Kreml-nahe“ Kreise an sich gebracht hatten, über Banken und Offshore-Firmen involviert war. [73] Im Februar 2022 ließ sich Gergiev (der seit den 1990er Jahren mit dem damals in der St.Petersburger Stadtverwaltung tätigen Putin bekannt ist) zu überhaupt keiner Reaktion herab, als ihm der Oberbürgermeister von München, Dieter Reiter (SPD), nahelegte, zu Putins „großem“ Krieg gegen die Ukraine Stellung zu beziehen (was Gergiev dann doch den Posten des Chefdirigenten kostete).

Putin belohnte Gergiev sofort für seine „Standhaftigkeit“ gegenüber „dem Westen“: Der Kremlherr regte nämlich die Schaffung einer „gemeinsamen Direktion“ des St. Petersburger Marijnskij-Theaters und des Moskauer Bolschoi-Theaters an, die natürlich niemand anderer als Gergiev selbst zu leiten berufen wäre. [74] Motto: Wenn Freund Gergiev im „Westen“ (oder was Putin dafür hält) auf Schwierigkeiten stößt, fällt er bei uns in Russland die Karriereleiter (weiter) nach oben. Weil „wir“ nämlich glauben, dass sich „der Westen“ darüber ärgert. Und außerdem könnte der Kreml mit einer solchen „gemeinsamen Direktion“ mit Gergiev „bis zum Bühnenvorhang durchregieren und das Repertoire auf ein Minimum schrumpfen, vermutlich auf russische Klassik, sowjetisch interpretiert, Heldeninszenierungen und melancholische Märchen.“ [75]

Dieses Foto zeigt Valery Gergiev während des „Befreiungsskonzerts“ im frisch eroberten Palmyra (Syrien) im Jahr 2016. Es wurde vom russischen Verteidigungsministerium veröffentlicht – warum wohl?

Eine Untersuchung des Teams um den Oppositionellen Alexej Nawalnyj (der 2024 in einer sibirischen Strafkolonie, in die ihn Putins Regime gesperrt hatte, umkam) stellte Gergiev sogar „in eine Reihe mit Kriegsverbrechern“. Denn: „Unter der Begleitung des Orchesters von Gergiev explodieren Raketen, werden ukrainische Städte zerstört, Zivilisten erschossen, und alles Lebendige wird verbrannt. Das [musikalische] Talent Gergievs dient jetzt Krieg, Tod und Zerstörung.“ Gergievs Musik solle auch und gerade von den Verbrechen Putins ablenken. Nawalnys Team warf Gergiev zudem massive Korruption vor und verlangte, diesen „Dirigenten des Krieges“ in die internationalen Sanktionslisten gegen Russland aufzunehmen. [76] Das tat allerdings nur Kanada; die EU, die USA usw. verzichteten darauf – bis heute. [77]

Gergiev, der in der Öffentlichkeit gerne seine „Freundschaft“ zu Lawrow betont, ist einer von vielen Leuten im Umfeld des Kremls und Putins, die in die Hetzkampagnen und Propaganda gegen die Ukraine und den „kollektiven Westen“ voll eingebunden waren bzw. sind – und trotzdem genau dort über gewaltigen Immobilienbesitz verfügen und mitunter ständig dort leben – durchaus auch mit der jeweiligen Staatsbürgerschaft; besonders begehrt ist ausgerechnet der Pass der in Russland sonst verhassten USA – bzw., wie Gergiev, für üppige Honorare auftreten. Das war insbesondere deswegen möglich, weil viele westliche Kulturmanager über viele Jahre hinweg jene Rolle, die Gergiev im Kontext der russländischen Auslandskulturpolitik zugedacht war, entweder gar nicht erkannt oder aber akzeptiert haben. Wenn sie diese nicht überhaupt aktiv unterstützten.


Schlussfolgerungen

Ulrich Schmid, Professor für Osteuropastudien an der Universität St. Gallen (Schweiz), meinte: „Unverhohlen wird die russische Kultur auch außenpolitisch instrumentalisiert.“ [78] Und: „In Russland ist Kultur explizit Teil der nationalen Sicherheitsstrategie. Und wegen der fehlenden demokratischen Legitimation der Putin-Regierung wird die Kultur zu einer mächtigen Machtressource.“ [79] Diese wiederum setzt der Kreml mit voller Wucht gegen die Ukraine und den „kollektiven Westen“ ein. Umso unverständlicher ist es, dass viele alles andere als „Putin-ferne“ russländische Künstler auch noch nach 2022 in diesem „Westen“ auftreten (und so Geld verdienen) können, weil man dort partout „unpolitisch“ sein will (was dem Kreml in die Hände spielt). Das betrifft auch und gerade Österreich; eine Wiener Tageszeitung nannte dessen Hochkultur im Juli 2022 „potenzielles Einfallstor für spendierfreudige Kreml-Jünger und Putin-Freundinnen“. [80]

Allerdings haben Kunst und Kultur auch einen moralischen Auftrag zu erfüllen. Daran ist in „Zeiten wie diesen“, d.h. während Putins Vernichtungskrieg gegen die Ukraine, nicht oft genug zu erinnern, ist doch so manchen Personen in- und außerhalb des Kulturbetriebs der moralische Kompass abhanden gekommen (wenn man denn vorsätzliches Anbiedern an Putins Russland nicht als Erklärungsvariante gelten lassen will). In- und außerhalb dieses Betriebes sollte man auf den aus Russland stammenden, wenngleich in Prag lebenden Evgeny Kissin, derzeit einer der bekanntesten klassischen Pianisten der Welt, hören, dessen politische Urteilsfähigkeit die vieler „westlicher“ Politiker erheblich übersteigt: „Putin wird nur stoppen, wenn er gestoppt wird. […] Wenn Putin Angst spürt, wird ihn das noch aggressiver machen. Deshalb muss der Westen stark auftreten. Angst vor Eskalation ist ein schlechter Ratgeber.“ [81]

 


Kapitel 1: Die Auslandskulturpolitik des Kremls in amtlichen Dokumenten


 

Martin Malek befasst sich als Politikwissenschaftler u.a. mit „Failed-states”-Theorien, dem Monitoring von ethnischen Konflikten in der früheren Sowjetunion sowie der Analyse von Sicherheits-, Militär-, Sprach- und Religionspolitik der früheren Sowjetrepubliken. Er ist Autor zahlreicher Artikel und mehrerer Bücher, darunter „Der Zerfall der Sowjetunion. Ursachen – Begleiterscheinungen – Hintergründe” (herausgegeben zusammen mit Anna Schor-Tschudnowskaja, Nomos Verlag. Baden-Baden 2013).
 



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Quellen & Anmerkungen

[54] Michail Schischkin: Russische Deutschstunde. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.01.2023, S. 12.
[55] Zitiert nach: Hedwig Kainberger: „Gute Kunst ist universeller als Tagespolitik“ [Interview mit Anne Applebaum]. Salzburger Nachrichten, 19.07.2025, Beilage „Salzburger Festspiele“, S. 4-5, hier S. 5.
[56] Maria Korenyuk: Wie der Kreml das Theater im Krieg gegen die Ukraine einsetzt [Марія Коренюк: Як Кремль використовує театр у війні проти України], BBC Ukrainian Service, 15.12.2023, https://www.bbc.com/ukrainian/articles/ckr8nv417eno (16.02.2026).
[57] Zitiert nach: „Russland ist der Feind“. Der Spiegel, 24.11.2024, https://www.spiegel.de/ausland/ukraine-krieg-osteuropa-historiker-karl-schloegel-russland-ist-der-feind-a-699337dc-ce8d-4f68-83a7-52af16dd396b (16.02.2026).
[58] Rita Czapka: Wie Luft zum Atmen. Ein Gespräch mit dem Historiker Philipp Ther. Burgtheater Magazin [Wien], #04, Spielzeit 2021 22, S. 12-14, hier S. 14.
[59] Natalka Sniadanko: Jeden Tag gibt es weniger Ukrainer. Die Presse – Spektrum, 12.11.2022, S. I-II, hier S. II.
[60] Vgl. Maestro. Valery Gergiev im Gespräch mit Bertrand Dermoncourt. Mainz 2021, S. 102.
[61] Nach: Philharmoniker spielen vor Schönbrunn Ukrainisches. Kurier, 28.04.2022, S. 30.
[62] Valery Gergiev. Wiener Staatsoper, https://www.wiener-staatsoper.at/ensemble/detail/valery-gergiev/ (28.01.2026).
[63] Walter Dobner: Ein omnipräsenter Maestro. Valery Gergiev dirigiert Parsifal. Wiener Staatsoper, Prolog, April 2019, No. 228, S. 20-21, hier S. 20f.
[64] Christine Lemke-Matwey: Zeit des Hexensabbats. Die Zeit [Österreich-Ausgabe], 17/2022, S. 48.
[65] Artists Who Stand For War. https://russianartists4war.com/letter/ (28.01.2026).
[66] Vgl. Maestro, a.a.O.; Carol V. Malone: Valery Gergiev Biography. The Inspirational Rise of a Maestro Who Transformed Russian Opera into a Global Symbol of Power and Passion. 2025.
[67] Nach: Stefan Grissemann: Mott im grauen Anzug. Profil, 10/2022, S. 54-57, hier S. 56.
[68] Zitiert nach: Margot Weber: Homo politicus – Igor Levit. Musikverein [Zeitschrift des Musikvereins Wien], Mai/Juni 2022, S. 43-45, hier S. 45.
[69] Stefan Grissemann / Christian Rainer: „Cancel Culture ist ein Begriff der absoluten Kulturlosigkeit“ [Interview mit Markus Hinterhäuser]. Profil, 29/2022, S. 62-70, hier S. 70.
[70] Matern von Boeselager: Dirigieren in der Grauzone. Der Spiegel, 16/2025, S. 108-111, hier S. 110.
[71] Jutta Sommerbauer: „Leider gibt es in Europa viele, die noch immer Putins Propaganda glauben”. Vasyl Khymynets, Botschafter der Ukraine in Österreich, über russische KGB-Taktiken bei den Friedensgesprächen, Trumps wachsenden Druck auf Drittländer und warum Putins Bombenterror ins Leere geht, in: Die Presse, 18.02.2026, https://www.diepresse.com/20574310/leider-gibt-es-in-europa-viele-die-noch-immer-putins-propaganda-glauben
[72] Valery Gergiev performs ‘tasteless’ concert in the ruins of the recently recaptured Palmyra, Syria. Classic FM, 06.05.2016, https://www.classicfm.com/music-news/valery-gergiev-palmyra-syria-concert/ (01.04.2022).
[73] Julian Hans: Putin-Freund Sergej Roldugin: Melodien für Milliarden. Süddeutsche Zeitung, 10.04.2016, https://www.sueddeutsche.de/politik/panama-papers-putin-freund-sergej-roldugin-melodien-fuer-milliarden-1.2943661 (16.02.2026).
[74] Putin schlug Gergiev vor, über die Schaffung einer gemeinsamen Direktion für das Bolschoi- und das Marijnskij-Theater nachzudenken [Путин предложил Гергиеву подумать о создании общей дирекции Большого и Мариинского театров], TASS, 25.03.2022, https://tass.ru/kultura/14185815 (16.02.2026).
[75] Elisa von Hof: Eine Linie überschritten. Der Spiegel, 18/2022, S. 111-112, hier S. 111.
[76] Der Dirigent von Putins Krieg. Nawalny [Дирижёр путинской войны. Навальный], 12.04.2022, https://navalny.com/p/6621/ (29.01.2026). Der Film über Gergiev mit deutschen Untertiteln: https://www.youtube.com/watch?v=g9BOyC37JGU (05.02.2026).
[77] EU sanctions tracker. European Commission, https://data.europa.eu/apps/eusanctionstracker/
subjects/176852
(29.01.2026).
[78] Ulrich Schmid: Technologien der Seele. Vom Verfertigen der Wahrheit in der russischen Gegenwartskultur. Berlin 2015, S. 38, vgl. S. 46.
[79] Am 9. Juni 2023 im ORF-Europajournal; zitiert nach: Freie Presse gegen ruZZische Kulturpolitik. Juni 2023, https://www.gofundme.com/f/freie-presse-gegen-ruzzische-kulturpolitik (06.02.2026).
[80] Olga Kronsteiner: Gazprom, Lukoil und Co: Russische Millionen für die Hochkultur. Der Standard, 18.07.2022, https://www.derstandard.at/story/2000137526336/
gazprom-lukoil-und-co-russische-millionen-fuer-die-hochkultur
(16.02.2026).
[81] Zitiert nach: Georg Rudiger: „Ich wende mich an die Öffentlichkeit“ [Interview mit Kissin]. Salzburger Nachrichten, 19.06.2025, S. 7.