Historisches >> Werkgeschichte

  • Quelle: Stagione
  • Theater an der Wien
  • #1 - 21/22 | August-Oktober 2021
  • S. 8-9

Oper im September

Seele und Körper auf der Suche nach Balance

Giovanni Antonini und Robert Carsen realisieren die erste erhaltene Oper: «Rappresentatione di Anima et di Corpo» von Emilio de’ Cavalieri

Text: Johannes Penninger

[Theater an der Wien]

Im Anfang stand ein Missverständnis. Italienische Humanisten der Renaissance verfielen leidenschaftlich den wenigen überlieferten und erhaltenen Werken der Antike. In Florenz bildeten Gelehrte und Musiker die Camerata fiorentina, die sich der Idee verschrieben hatte, das antike Theater wiederzubeleben. Da dieser Literatenkreis davon ausging, dass antike Tragödien durchgehend gesungen aufgeführt wurden, scheiterte er zwar in seinem ursprünglichen Vorhaben, erfand aber unbeabsichtigterweise eine neue Gattung, die lange keinen eigenen Namen hatte und heute als Oper bekannt ist. Auch viele Begriffe des antiken Theaters wurden übernommen und haben seit der Renaissance eine vollständige Bedeutungsänderung erfahren. Das altgriechische Wort choros bezeichnet etwa einen Tanz, der auf der orchestra, dem Tanzplatz, aufgeführt wird. Die heutige Bedeutung wäre griechischen Theaterbesuchern der Antike vollständig unverständlich.

Die Florentiner Camerata wollte zwar das antike Theater rekonstruieren, knüpfte aber gleichzeitig deutlich an die europäische Theatertradition des Mittelalters an. Pastoraldramen und Mysterienspiele, Intermedien und Madrigalkomödien beeinflussten die toskanischen Humanisten. Schon frühe Pastoralspiele wie Angelo Polizianos La favola d’Orfeo aus dem Jahr 1480 wurden an den dramatisch entscheidenden Stellen vorwiegend gesungen. Inhaltlich nahmen diese Stücke spätere Opern daher durchaus vorweg, musikalisch lässt sich das aber nicht mehr bestimmen, da Pastorale zur oralen Tradition gehörten und nicht aufgeschrieben wurden.

Von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung der Oper waren Intermedien, die als Zwischenspiele zu Komödien dienten, mit diesen aber in keinem inhaltlichen Zusammenhang standen. Besonders am Hof der Medici fand diese Form besonderen Gefallen und anlässlich der Hochzeit von Ferdinand I. wurden von Mitgliedern der Camerata sechs Intermedien zur Komödie La Pellegrina aufgeführt, die als die prunkvollsten ihrer Epoche galten. Musikalischer Leiter war der aus Rom stammende Komponist, Organist, Diplomat, Choreograf und Tänzer Emilio de’ Cavalieri.

Cavalieri verließ Florenz 1599 vermutlich aufgrund von Intrigen neidischer Kollegen und kehrte in seine Heimatstadt zurück. Um die Gegenreformation zu stärken, rief Papst Clemens VIII. das Jahr 1600 zum Heiligen Jahr aus, das er mit machtvoller Pracht feiern wollte. Nach einem Libretto von Agostino Manni und Dorisio Isorelli komponierte Cavalieri Rappresentatione di Anima et di Corpo, das im Februar in der Bruderschaft des Hl. Filippo Neri uraufgeführt wurde. Der große Erfolg führte rasch dazu, dass weitere Opern komponiert und aufgeführt wurden und Rom sich im ersten Drittel des 17. Jahrhunderts zu Italiens bedeutendstem Opernzentrum entwickelte.

Rappresentatione di Anima et di Corpo hat zwar ein religiöses Sujet zum Inhalt und erzählt keine durchgehende Handlung, aber die dramaturgischen Hinweise im Vorwort zur Partitur lassen deutlich die szenische Absicht der Verfasser erkennen, die an die Tradition mittelalterlicher Mysterienspiele anknüpft. Die Handlung zeigt den Kampf von Himmel und Hölle um Seele und Körper des Menschen, allegorische Figuren debattieren über die richtige Lebensführung, Lust und irdisches Leben versuchen, Körper und Seele zu verführen. Cavalieri erweitert in seiner Partitur im Vergleich zu den Florentiner Werken die musikalischen Möglichkeiten, stellt ernste und komische Szenen nebeneinander, fügt Tänze ein und lässt einen Chor die Handlung durchgehend begleiten. Für das dialogische Spiel verwendet Cavalieri aus seiner Florentiner Zeit den Stile recitando, ein gesungenes Sprechen.

Geradezu unverwüstlich neuzeitlich lesen sich die Empfehlungen im Vorwort der Partitur. Ein Libretto soll nicht länger als 700 Verse sein, denn selbst in einem geistlichen Spiel, einer Sacra rappresentazione soll sich niemand langweilen, und damit der Text von allen verstanden werden kann, soll das Ensemble wenig verzieren und sauber artikulieren. Darüberhinaus überlässt Cavalieri den Ausführenden große Gestaltungsfreiheiten und macht den musikalischen Leiter zum Mitgestalter jeder Aufführung. Im Theater an der Wien obliegt diese Aufgabe dem Dirigenten und Blockflötisten Giovanni Antonini, die szenische Umsetzung liegt in den Händen von Regisseur Robert Carsen. Als Seele und Körper begeben sich Anett Fritsch und Daniel Schmutzhard auf die Suche nach der richtigen Lebensführung.


RAPPRESENTATIONE DI ANIMA ET DI CORPO

Rappresentatione per recitar cantando in einer Vorrede und drei Akten (1600)

Musik von Emilio de’ Cavalieri
Libretto von Agostino Manni

In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Musikalische Leitung Giovanni Antonini
Inszenierung, Bühne & Licht Robert Carsen
Ausstattung Luis F. Carvalho
Choreografie Lorena Randi
Licht Peter van Praet
Dramaturgie Ian Burton

Anima, die Seele Anett Fritsch
Corpo, der Körper Daniel Schmutzhard
Intelletto, der Verstand Cyril Auvity
Consiglio, der gute Rat Florian Boesch
Tempo, die Zeit /Mondo, die Welt Georg Nigl
Comgagno di Piacere Matúš Šimko
Piacere, das Vergnügen Margherita Maria Sala
Angelo custode, der Schutzengel Carlo Vistoli
Vita mondana, das weltliche Leben/ Anima beata, die glückliche Seele Giuseppina Bridelli 

Il Giardino Armonico
Arnold Schoenberg Chor (Ltg.: Erwin Ortner)

Neuproduktion des Theater an der Wien

PREMIERE Sonntag, 19. September 2021, 19.00 Uhr
AUFFÜHRUNGEN 21. / 23. / 25. / 27. / 29. September 2021, 19.00 Uhr
EINFÜHRUNGSMATINEE Sonntag, 19. September 2021, 11.00 Uh

  • Quelle: Stagione
  • Theater an der Wien
  • #1 - 21/22 | August-Oktober 2021
  • S. 8-9

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