MENSCHEN > DIREKTION

  • Stagione
  • Theater an der Wien
  • #4 - 21/22 | März-Juni 2022
  • S. 5-9

Der Intendant im Gespräch

Die Erweiterung des Erfahrungsraumes

Nach mehr als sechzehn Jahren verabschiedet sich Roland Geyer als Intendant vom Theater an der Wien

Interview: Johannes Penninger

[Theater an der Wien]

Ein Opernhaus soll kein Klangmuseum sein, was waren die grundsätzlichen Überlegungen für Ihre Arbeit als Intendant?

Die Aufgabe eines Intendanten sehe ich breit gefächert und komplex. Es beginnt auf einer Seite damit, den künstlerisch-intellektuellen Anspruch immer wieder in den Mittelpunkt zu stellen, gesellschaftsrelevante Fragen aufzuwerfen und die eigene Positionierung regional, national und international zu diskutieren und zu hinterfragen. Auf der anderen Seite möchte ich dem Publikum aber auch Lebensfreude gönnen, wenn es ins Theater geht und sich die Zeit für eine Vorstellung frei nimmt. Innerhalb dieser weiten Bandbreite verorte ich meinen Grundansatz. Dazwischen prägen einzelne Aspekte den Arbeitsalltag, die davon abhängen, welcher spezifischen Gattung das Haus zuzuordnen ist, das man leitet, ob Sprechtheater oder Musiktheater, Festival oder Jazzclub, und der Ort, wo sich dieses Haus befindet. Ich habe immer gesagt, würde das Theater an der Wien nicht in Wien stehen, sondern in Malmö oder Lyon, in Sydney oder Chicago, würde mein Programm komplett anders aussehen.

Wie würden Sie Ihre Tätigkeit zwischen Programm und Budget umreißen?

Ich bin von meiner ursächlichen Ausbildung ein Kulturmanager, möchte mich selbst aber gar nicht so bezeichnen wollen. Das ist zwar die professionelle Bezeichnung für meine Tätigkeit, ich selbst sehe mich aber lieber als Programmmacher oder als künstlerisch Verantwortlichen. Im Englischen heißt diese Tätigkeit artistic director, das impliziert ein profundes kaufmännisches Wissen ebenso wie eine künstlerische Herangehensweise. Die heutigen Theaterleiterinnen und -leiter sind immer mehr in beiden Bereichen fundiert ausgebildet. Früher war der klassische Theaterdirektor in aller Regel ein ehemaliger Künstler ohne betriebswirtschaftliche Ausbildung. Ich sehe mich als Intendanten, der sich um Programm und Budget kümmert.

Das Theater an der Wien ist eines der wenigen großen Stagione-Häuser im deutschsprachigen Raum. Was spricht für dieses Spielsystem?

Die Entscheidung, das Theater an der Wien als StagioneHaus zu betreiben, ergab sich einerseits aus meinen konzeptionellen Überlegungen und andererseits aus ganz banalen Prämissen, die man seitens der Kritik oft übersieht. Dieses Haus ist allein aufgrund der technischen und räumlichen Möglichkeiten gar nicht in der Lage als volles Repertoire-Theater geführt zu werden. Und als im Jahr 2003 die grundsätzliche Entscheidung gefallen ist, das Theater an der Wien als Opernhaus neu zu positionieren, hat die Stadt Wien ein Budget zur Verfügung gestellt, mit dem sich die Auflage, hundert Veranstaltungen pro Saison anzubieten, qualitativ nur im StagioneBetrieb verwirklichen ließ. Zum Vergleich betrug Mitte der 2010er-Jahre unsere Basisabgeltung nur etwa ein Drittel der Staatsoper beziehungsweise nur rund 50% der Volksoper.

Im internationalen Opernbetrieb herrscht noch immer eine Einengung auf wenige Meisterwerke eines hochkulturellen Kanons. Warum ist es Ihnen wichtig, dieses Repertoire kontinuierlich zu erweitern?

Ich bin davon überzeugt, dass der Mensch per se immer daran interessiert ist, Neues kennenzulernen, um den eigenen Horizont zu erweitern. Ansonsten würden wir auch nicht versuchen, mit dem Schiff an die entlegensten Orte der Erde zu gelangen, Wüsten zu durchqueren und Berge zu besteigen. Es ist ein prinzipielles menschliches Verhalten, den eigenen Erfahrungsraum kontinuierlich zu erweitern. Wenn wir wochenlang nur dieselben Speisen bekämen, würden wir sehr bald nach Abwechslung verlangen. Also neben Schnitzel, Rindsbraten und Backhendl vielleicht auch mal einen Fisch probieren. So banal ist es zwar nicht, aber entspricht „übersetzt“ meinen Grundüberlegungen.

Was waren Ihre Beweggründe, dass Sie der Barockoper in Ihrem Programm kontinuierlich einen hohen Stellenwert eingeräumt haben?

Das Programm im Theater an der Wien basiert auf der Geschichte der Stadt Wien als Musikstadt ebenso wie der Historie des Hauses selbst. Ich habe das Haus von Anfang an als spätbarockes Logentheater betrachtet. Von meiner ersten bis zur letzten Premiere sehe ich das Theater an der Wien historisch und auch akustisch als Barockhaus. Mir kam zugute, dass vor 2006 sowohl Staats- als auch Volksoper auf dem Barockopernsektor nichts gezeigt haben. Die Barockoper war daher von Anfang an ein elementarer Teil des Programms meiner Intendanz. Mindestens ein Drittel aller aufgeführten Werke waren barocke Opern. Von den konzertanten Aufführungen waren achtzig Prozent aller Werke aus dem Barock. Wir haben damit ein breites Spektrum an berühmten Opern wie Händels Giulio Cesare in Egitto oder Monteverdis Poppea ebenso präsentiert wie viele in Wien völlig unbekannte Stücke – etwa Pergolesis L’Olimpiade, Leonardo Vincis Artaserse oder Francesco Provenzales La Stellidaura vendicante.

Die Geschichte der Oper war über Jahrhunderte die Geschichte von Uraufführungen. Dennoch nehmen Uraufführungen in den Spielplänen internationaler Opernhäuser eine untergeordnete Rolle ein. Wie stehen Sie zu diesem problematischen Widerspruch?

Als Theatermacher kann ich meine Leidenschaft für das Neue nicht oft genug betonen. Selbst wenn ich das Schlosstheater Drottningholm, für mich der berühmteste barocke Theaterbau Europas, übernehmen würde, könnte ich Zeitgenössisches nicht total ausblenden. Für mich war daher von Anfang an klar, dass neben dem barocken Schwerpunkt auch die Moderne ausführlichen Raum erhalten muss und Uraufführungen zum Programm gehören – selbst wenn diese europaweit schwer zu verkaufen sind.

Ohne die Zusammenarbeit mit Mozart hätte Schikaneder nicht über die finanziellen Möglichkeiten verfügt, das Theater an der Wien zu errichten. Spielte dies eine Rolle für die vielen Mozart-Aufführungen Ihrer Intendanz?

Mozart war neben Barock und Moderne die dritte wesentliche Säule des ursprünglichen Programms. Drei Aspekte waren ganz entscheidend dafür, zwei davon sind historisch. Erstens hätte Schikaneder ohne Mozart schlichtweg kein Geld gehabt, das Theater an der Wien zu begründen – und hat in den Anfangsjahren des Hauses neben der Zauberflöte gleich mit zwei weiteren Opern Mozarts, nämlich Idomeneo und La clemenza di Tito „Kasse gemacht“. Zweitens hat das Theater von 1945 bis 1955 als Ausweichquartier der Staatsoper gedient und sich mit dem legendären Mozart-Ensemble den weltweiten Ruf eines idealen Mozart-Hauses erworben. Das ist auch akustisch begründbar. Der dritte und ganz wesentliche Grund für Mozart im Theater an der Wien war Nikolaus Harnoncourt. Er war einer der größten Mentoren für mich und stets engagiert, dieses Haus als Opernhaus wach zu küssen und am Laufen zu halten. Dem Theater an der Wien konnte nichts besseres geschehen als Mozart und Harnoncourt.

Die Wiedereröffnung des Theater an der Wien als Opernhaus 2006 war medial und kulturpolitisch umstritten. Gab es einen Wendepunkt, an dem Sie das Gefühl hatten, als neues Opernhaus endlich akzeptiert zu werden?

An diesen Moment kann ich mich genau erinnern: Die Uraufführung von John Neumeiers Ballet Weihnachtsoratorium im November 2009, die in Wien und nicht in Hamburg, wo Neumeier Intendant ist, stattgefunden hat und darauf folgend im Dezember Haydns Il mondo della luna, die zweite Haydn-Oper, die Nikolaus Harnoncourt im Haus geleitet hat. Das waren die zwei Premieren, nach denen ich wusste, dass wir unser Ziel erreicht hatten und sich das Theater an der Wien als Opernhaus international erfolgreich positionieren konnte.

Die vergangenen zwei Jahre waren weltweit von Covid-19 geprägt. Welchen Einfluss hatte die Corona-Pandemie auf Ihre Tätigkeit?

Die letzten zwei Saisonen wurden dem Publikum unmittelbar vorenthalten. Ich bin ein dreidimensional planender Mensch und die Umsetzung als Aufzeichnung hat diese Aufführungen zwar einer großen Publikumsschicht zugänglich und nachhaltig gemacht, konnte für mich aber die entfallenen Aufführungen vor Publikum nicht ersetzen. Wir konnten zwar aufgrund unseres Präventionskonzepts die Produktionen fertig proben, aber diese Werke dann nicht öffentlich zur Diskussion stellen zu dürfen, war schwierig. Ich nehme lieber das Risiko in Kauf für eine Produktion ausgebuht zu werden, als die Produktionen nur für das „stille Kämmerlein“ zu produzieren. Im Theater leben wir von der Reaktion und der Rückmeldung des Publikums. Dass wir so viele Aufführungen nur vor Kameras spielen mussten, war extrem belastend. Es hat richtig weh getan, Künstlerinnen und Künstler im „sterilen Raum“ agieren zu sehen. Als „Theatervater“ kann ich mir wenig Schlimmeres vorstellen.

Im Juni findet die letzte Vorstellung Ihrer Intendanz statt. Wird Ihnen der Abschied schwer fallen?

Ich glaube, dass ich gut Abschied nehmen kann. Meine Meinung war immer, dass zwei Perioden als Intendant plus eine mögliche Verlängerung, um zwei bis drei Jahre, ideal sind. Ich war jetzt etwas mehr als sechzehn Jahre für das Theater an der Wien verantwortlich und habe das Gefühl, es ist der richtige Zeitpunkt für das Theater und mich zu gehen. Ich möchte mich aber nicht mit Pomp and Circumstance verabschieden, sondern ziehe ein Fade-out vor und werde mich bei der letzten Vorstellung kurz vom Publikum verabschieden.

Werden Sie sich dann ins Privatleben zurückziehen oder haben Sie berufliche Pläne?

Ein kompletter Rückzug ins Privatleben ist gegenwärtig ohnedies nicht denkbar, weil ich weiterhin interessante Aufgaben wahrnehmen darf. Ich bin einerseits noch als Mathematikprofessor tätig und werde meine derzeitige Klasse im Mai 2023 zur Matura führen. Dazu kommen meine Mandate als Universitätsrat der Musikuniversität und im Aufsichtsrat der Wiener Symphoniker. Last but not least versuche ich als Vorsitzender in der Stiftung und im Aufsichtsrat des Wiener Volkstheaters mitzuhelfen, dass dieses wunderbar renovierte Haus in eine neue Erfolgsgeschichte startet.

  • Quelle: Stagione
  • Theater an der Wien
  • #4 - 21/22 | März-Juni 2022
  • S. 5-9

PDF-Download

Artikelliste dieser Ausgabe