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  • Quelle: Stagione
  • Theater an der Wien
  • # 2 | November/Dezember 2021
  • S. 8-9

Premiere in der Kammeroper

Ein mächtig verbundenes Paar

Österreichische Erstaufführung von Tobias Pickers Thérèse Raquin nach Émile Zola

Text: Johannes Penninger

[Theater an der Wien]

Mit seinem dritten Roman Thérèse Raquin gelang dem 27-jährigen Journalisten Émile Zola der literarische Durchbruch. Zola wollte mit der naturalistischen Darstellung von menschlichem Verhalten die Romantik überwinden und ein Menschenbild nach naturwissenschaftlichen Kriterien kreieren. Im Vorwort zur zweiten Auflage offenbart Zola seine Absicht, die menschliche Bestie zu offenbaren, die er in seinem späteren Roman Die Bestie im Menschen noch weiter vertiefen wird.

Émile Zolas Blick auf seine Protagonisten Thérèse und den gescheiterten Maler Laurent ist ungeschönt und drastisch: „Natur und Umstände schienen diese Frau für diesen Mann geschaffen und sie einander zugeführt zu haben. Die Frau zäh und verlogen, der Mann, vollblütig und stumpfsinnig, dergestalt bildeten sie ein mächtig verbundenes Paar.“

Zola erkannte die theatrale Eignung des Romans und arbeitete ihn in sein erstes Bühnenwerk um, das 1873 in Paris aufgeführt wurde. Die Aufführung war ein Misserfolg, doch Zola ließ sich nicht entmutigen und verfasste weitere Dramen, die ebenso durchfielen. Doch Zolas dramatischer Spürsinn hatte ihn nicht getäuscht und Thérèse Raquin etablierte sich in Folge als vielbearbeitetes Werk für die Bühne ebenso wie für den Film.

Der Roman diente auch dem US-amerikanischen Komponisten Tobias Picker als Ausgangsstoff für seine dritte Oper, die 2001 in der Dallas Opera uraufgeführt wurde. Für das Royal Opera House in London schuf Picker 2006 eine reduziert orchestrierte Fassung, die in der Kammeroper in der Regie von Christian Thausing und unter der musikalischen Leitung von Jonathan Palmer Lakeland als österreichische Erstaufführung erarbeitet wird.

Tobias Picker wurde 1954 in New York als drittes Kind einer Malerin sowie Modedesignerin und eines Jouralisten in eine kunstaffine Familie geboren, seine Leidenschaft für Musik trat schon in jungen Jahren zutage. Mit drei Jahren habe er gerne Lieder, gesungen von Lotte Lenya, gehört, mit sechs gefielen ihm besonders Beethoven-Symphonien und mit acht Jahren habe er einen Brief an Gian Carlo Menotti geschrieben, um ihm mitzuteilen, dass er ebenfalls plane, Opernkomponist zu werden. Bereits mit elf Jahren wurde Picker zum Vorstudium an der Juilliard School of Music in New York aufgenommen.

Spätestens mit seiner zweiten Oper Fantastic Mr. Fox nach dem Buch von Roald Dahl gelang Picker der internationale Durchbruch als Opernkomponist. Seit 2016 leitet Picker die Tulsa Opera in Oklahoma, wo er 2019 als erster Intendant einer großen amerikanischen Bühne die Titelrolle von Mozarts Don Giovanni mit der Transgender-Sängerin Lucia Lucas besetzte.

Außergewöhnliche Charaktere nehmen im Opernschaffen von Tobias Picker einen hohen Stellenwert ein, es fasziniere ihn, wie sie mit der Welt interagieren. Für Thérèse Raquin schrieb Gene Scheer, der selbst als Komponist und Darsteller tätig ist, das Libretto, das in Paris 1866 angesiedelt ist. Thérèse Raquin ist mit ihrem kränklichen Cousin Camille verheiratet und lebt bei ihrer Schwiegermutter. Das Leben wird von den Sorgen um Camille bestimmt, der gemeinsam mit seinem Jugendfreund Laurent in einem Büro arbeitet. Laurent träumt davon, Maler zu werden und arbeitet an einem Portrait von Camille. In einem ruhigen Moment mit Laurent beklagt Thérèse ihr Schicksal. Nach dem Tod ihrer Mutter wuchs sie bei ihrer Tante und ihrem Cousin auf, wo sie sich um die Betreuung des schwächlichen Buben kümmern musste. In der geplanten Ehe mit Camille war sie von Anfang an mehr als Betreuerin denn als Ehefrau vorgesehen.

Zusehends verfällt Thérèse dem Möchtegernkünstler Laurent und verzweifelt an der Tatsache, dass Laurent keine Zeit mehr für heimliche Treffen hat, weil ihm sein Vorgesetzter aufgrund seiner regelmäßigen Abwesenheiten mit der Kündigung droht. An einem Sonntag Nachmittag machen Thérèse, Laurent und Camille einen gemeinsamen Ausflug. Thérèse und Laurent gestehen sich ein, dass nur Camille ihrem Glück im Wege steht und sie entscheiden, ihn zu töten. Mit einem Boot fahren sie auf die Seine, und Laurent ertränkt Camille. Elf Monate später können Thérèse und Laurent, der sich dafür feiern lässt, zumindest Thérèse gerettet zu haben, endlich ihre Hochzeit planen. Doch Madame Raquin hegt Zweifel und als ihr die Schuld des Paares am Tod ihres Sohnes bewusst wird, erleidet sie einen Schlaganfall. Gelähmt bleibt sie als ständige Erinnerung an den Mord im Haushalt des Paares zurück, und Thérèse kann ihre Gewissensbisse nicht mehr ertragen. Als sie Laurent bei der Polizei anzeigen will, sieht dieser keinen anderen Ausweg, als auch Thérèse loszuwerden, und er rührt Gift für seine Gattin an.

Mit der Deutung menschlicher Bestien Zola’scher Prägung wird Regisseur Christian Thausing erstmalig in der Kammeroper eine Inszenierung vorstellen. Seit 2011 arbeitet der Sohn einer Geigerin als Spielleiter an der Oper Graz, wo er Gian-Carlo Menottis Das Telefon, Händels Apollo e Dafne inszenierte und mit Stephen Olivers Mario und der Zauberer bereits eine österreichische Erstaufführung realisiert hat. Sopranistin Valentina Petraeva und Tenor Andrew Morstein vom Jungen Ensemble übernehmen die Rollen des Ehepaars Thérèse und Camille Raquin. Der nordirische Bariton Timothy Connor, Absolvent des Royal College in London und seit dieser Saison ebenfalls Mitglied des Jungen Ensembles, tritt als Maler und Mörder Laurent auf.


THÉRÈSE RAQUIN

Oper in zwei Akten (2001, Kammerfassung 2006)

MUSIK VON TOBIAS PICKER
LIBRETTO VON GENE SCHEER NACH DEM GLEICHNAMIGEN ROMAN VON ÉMILE ZOLA

In englischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Musikalische Leitung Jonathan Palmer Lakeland
Inszenierung Christian Thausing
Ausstattung Christoph Gehre
Licht Franz Tscheck
Thérèse Raquin Valentina Petraeva
Camille Raquin Andrew Morstein
Madame Raquin Juliette Mars
Laurent Timothy Connor
Suzanne Miriam Kutrowatz
Olivier Ivan Zinoviev
Monsieur Grivet Hyunduk Kim

Wiener KammerOrchester

Neuproduktion des Theater an der Wien in der Kammeroper

PREMIERE
Montag, 6. Dezember 2021, 19.00 Uhr

AUFFÜHRUNGEN
9. / 11. und 16. Dezember 2021, 19.00 Uhr
10. / 13. / 17. und 20. Jänner 2022, 19.00 Uhr

EINFÜHRUNGSMATINEE
Sonntag, 5. Dezember 2021, 11.00 Uhr

  • Quelle: Stagione
  • Theater an der Wien
  • # 2 | November/Dezember 2021
  • S. 8-9

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